Mehrere Vorfälle Rechte Jugendliche provozieren bei CSD und Demos in Leer
In Ostfriesland häufen sich Vorfälle, bei denen Jugendliche und junge Erwachsene Veranstaltungen stören und Teilnehmer angreifen. Die Polizei beobachtet die Entwicklung, der Verfassungsschutz warnt.
Ostfriesland - Ob Demo gegen rechts oder CSD: In den vergangenen Wochen und Monaten ist es immer wieder vorgekommen, dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene die Teilnehmer der Veranstaltungen beschimpften oder versuchten, anderweitig zu provozieren. Alles Einzelfälle oder ein Zeichen für etwas anderes?
Jüngstes Beispiel: Beim CSD in Leer am 12. Juli 2025 fielen mindestens vier junge Erwachsene zwischen 19 und 21 Jahren auf, die allein durch ihr Auftreten provozierten. Der eine trug ein Shirt mit dem Rückenaufdruck „Deutschland meine Heimat“, der andere mit dem Frontaufdruck „Deutschland mein Vaterland immer zuerst“ – jeweils mit schwarz-weiß-roter Fahne. Mindestens einer aus der Gruppe versuchte nicht zum ersten Mal, eine Veranstaltung zu stören. Das zeigen Recherchen dieser Zeitung und lokaler Recherche-Bündnisse.
Provokationen bei Demos gegen rechts: Vorfälle in Leer und Aurich
Der erste dokumentierte Fall ereignete sich Anfang Februar dieses Jahres, bei einer Demo gegen rechts in Leer. Die Polizei meldete damals: „Während einer stationären Kundgebung hielten sich circa zehn Personen am Bahnhof auf, die offensichtlich Anhänger einer Gegenbewegung waren.“ Es kam zu einem kurzen, vor allem verbalen Aufeinandertreffen von Teilen der Demonstration und den Jung-Nationalisten. Einer aus der Gruppe, der nach unseren Recherchen am Wochenende auch beim CSD provozierte, verbreitete ein Video von dem Vorfall in Sozialen Medien.
Aber nicht nur in Leer gab es solche oder ähnliche Vorfälle. Ebenfalls bei einer Demonstration gegen rechts im Januar in Aurich fiel eine Gruppe Jugendlicher auf, die mitunter versuchte, Demoteilnehmer zu provozieren. Laut Polizei handelte es sich hierbei um „einen losen Zusammenschluss delinquenter Personen“ ohne rechte Verbindungen. Dennoch suchte sich die Gruppe nicht nur eine Demo gegen rechts als „Ziel“ aus. Vielmehr versuchten einzelne Gruppenmitglieder nach der Demo noch, Teilnehmer in einem nahe gelegenen Supermarkt zu provozieren.
Angriffe auf CSD-Teilnehmer und Handgreiflichkeiten bei Demo in Emden
Ein weiteres Beispiel ereignete sich im Juni 2025: Eine Gruppe männlicher Jugendlicher pöbelt bei einer Demonstration für Demokratie in Emden. Die Jugendlichen waren teilweise vermummt, wurden handgreiflich. Der Vorfall ereignete sich nur wenige Tage, nachdem zwei CSD-Teilnehmer in Emden von drei Jugendlichen verprügelt wurden. Die Männer, die der sogenannten Puppy-Szene angehören und deswegen auf dem CSD Hundemasken aus Leder trugen, waren rund einen Monat später wieder in Emden – und wurden erneut angegangen, dieses Mal jedoch verbal, nicht körperlich.
Wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung ermittelt jetzt die Polizei Emden gegen die drei Angreifer aus dem Juni. Einen queerfeindlichen Hintergrund wolle man nicht ausschließen, aber für ein politisches Motiv sehe man „bis jetzt sicher keinen Anlass“, so die Polizei auf eine Anfrage unserer Zeitung. Auf erneute Anfrage relativierte die Polizei, dass Queerfeindlichkeit zwar eine politische Haltung sei, es aber aktuell keine Anhaltspunkte gebe, dass diese Grund für den Angriff gewesen sei.
Rechte Jugendgruppen: Verfassungsschutz warnt
Mehrere beispielhafte Vorfälle allein aus diesem Jahr, zwei davon eindeutig politisch rechts motiviert. Bei den anderen Vorfällen werfen zumindest die Ziele von Provokation und Gewalt Fragen nach der Motivation auf, auch wenn der politische Aspekt nicht das Hauptmotiv gewesen sein mag. Eine Warnung des Bundesverfassungsschutzes spricht allerdings dafür, dass sich vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen derzeit eine Tendenz zur Bildung rechter Gruppen zeigt.
Dieser hatte im Juni gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) unter anderem mitgeteilt: „Aufgrund der mittlerweile gefestigten Strukturen und der Aktionsorientierung der in 2024 neu entstandenen [rechten/rechtsextremen; Anm. d. Red.] Jugendgruppen ist insbesondere für Angehörige der LSBTIQ-Bewegung, linken Szene und Personen mit Migrationshintergrund eine abstrakte Gefährdung für Leib und Leben gegeben.“
Polizei beobachtet Entwicklungen in Ostfriesland
Mit den neu entstandenen Gruppen sind Zusammenschlüsse wie „Deutsche Jugend voran“, „Jung und Stark“ oder „Letzte Verteidigungswelle“ gemeint. Diese und andere Gruppen machen in verschiedenen Teilen Deutschlands zunehmend mobil und versuchen, mit einem rechtsextremen Weltbild junge Mitglieder zu gewinnen. Auch in Ostfriesland gebe es, so die Polizei auf Nachfrage, „eine sehr geringe Zahl an Sympathisanten“ zumindest für „Deutsche Jugend voran“ und „Jung und Stark“.
Von organisierten Strukturen könne man laut Polizei in Ostfriesland aber nicht sprechen. „Gleichwohl bleibt die Polizei aufmerksam und steht im Austausch mit weiteren Sicherheitsbehörden, um mögliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und entsprechend bewerten zu können.“ Eine „besondere Gefährdung queerer Menschen“ in Ostfriesland gebe es nicht.