Leben voller Wendungen  Wie ein begabter Fußballer ein geschätzter Tennislehrer wurde

| | 16.07.2025 17:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Von seiner russischen Geburtsstadt Smolensk über die ukrainische Hafenstadt Odessa gelangte Vladimir Jeromin Anfang der 1990er Jahre nach Berlin. Von dort verschlug es ihn zuerst nach Wilhelmshaven, ehe er 1994 eine neue Heimat in Aurich fand. Aus dem ehemaligen Fußballspieler ist mittlerweile ein Tennistrainer geworden. Fotos: Wolf-Rüdiger Saathoff
Von seiner russischen Geburtsstadt Smolensk über die ukrainische Hafenstadt Odessa gelangte Vladimir Jeromin Anfang der 1990er Jahre nach Berlin. Von dort verschlug es ihn zuerst nach Wilhelmshaven, ehe er 1994 eine neue Heimat in Aurich fand. Aus dem ehemaligen Fußballspieler ist mittlerweile ein Tennistrainer geworden. Fotos: Wolf-Rüdiger Saathoff
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Vladimir Jeromin begab sich auf seine Lebensreise von Smolensk nach Aurich. Ein riskanter Weg, der ihn vom Fußballfeld auf den Tennisplatz führte. Dafür gab es einen familiären Grund.

Aurich - Geplant war sein Leben so nicht, bekennt Vladimir Jeromin (59 Jahre) im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten. Er sitzt in der Küche seines Hauses in Wallinghausen, lacht verschmitzt und erinnert sich, wie er von seiner russischen Geburtsstadt Smolensk über die ukrainische Hafenstadt Odessa, schließlich 1991 nach Berlin kam und drei Jahre später seine neue Heimat in Ostfriesland bei der SpVg Aurich fand.

Ein eingespieltes Tennisgespann: Vater und Trainer Vladimir Jeromin mit seiner erfolgreichen Spielerin und Tochter Xenia.
Ein eingespieltes Tennisgespann: Vater und Trainer Vladimir Jeromin mit seiner erfolgreichen Spielerin und Tochter Xenia.

Ein ehemaliger Fußballspieler, Spielmacher und Stratege auf dem Platz, der sich seit zehn Jahren als Tennislehrer einen Namen gemacht hat. Zu seinen Schützlingen zählt auch seine Tochter Xenia (20 Jahre). Sie war für ihn der Grund, vom Fußballmetier ins Tennisfach zu wechseln. Für Jeromin ein Schritt mit Risiken und Herausforderungen. Ein Weg, der ihn ins Glück führen sollte, so der hochgewachsene Mann mit den neugierigen blauen Augen.

Ein Freund sah das Talent seiner Tochter

Der Impuls zum Tennis hin lieferte sein Freund Boris Rosenberg. Ein erfolgreicher Tischtennisspieler, mehrfacher sowjetischer Meister und Spieler der Nationalmannschaft. Bei einem Besuch in Aurich sah Rosenberg Jeromins junge Tochter mit Bällen spielen. Rosenberg sah das Talent und empfahl Tischtennis oder Tennis. Die Wahl fiel auf Tennis. Eine folgenreiche Entscheidung. Nicht nur für seine Tochter, sondern auch für ihn.

Als das junge Mädchen nach und nach für Schlagzeilen aus dem Tennisplatz sorgte und über die Grenzen Aurichs erfolgreich spielte, wurde das Training intensiver. „Mehr Stunden, mehr Geld“, sagt Jeromin. Aus eigenen Mitteln war der Aufwand nicht mehr zu decken, deshalb fasste er einen Entschluss: Er ließ sich zum Tennislehrer ausbilden und trainierte fortan seine Tochter. Dafür gab er seine Arbeit bei einer Versicherung auf. Ein Wagnis. Einige Bekannte runzelten die Stirn. „Zu Recht“, befand Jeromin, „weil es eine Wundertüte war. Wir wussten nicht, wie es laufen wird. Eine schwere Verletzung, und der Traum ist aus.“

Durchbruch mit 20

Rückblick: Als Wundertüte dürfte auch die Fußballkarriere von Jeromin bezeichnet werden. Mit 17 drängelten sich immer seine Mitspieler vor. Der talentierte Jungspieler hatte das Nachsehen. Drei Jahre später hatte er seine taktischen und spielerischen Fähigkeiten entwickelt. Gleich mehrere Vereine wollten ihn haben. Er ging ans Schwarze Meer, spielte in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Doch er wollte noch mehr, suchte sein Glück im Westen.

Juli 2001: Einlauf beim Freundschaftsspiel der SpVg Aurich gegen Bayern München ins Ellernfeldstadion mit Vladimir Jeromin (Zweiter von rechts), davor ist Giovane Élber zu sehen. Foto: Bernd Wolfenberg
Juli 2001: Einlauf beim Freundschaftsspiel der SpVg Aurich gegen Bayern München ins Ellernfeldstadion mit Vladimir Jeromin (Zweiter von rechts), davor ist Giovane Élber zu sehen. Foto: Bernd Wolfenberg

Jeromin kam schließlich über Berlin und Wilhelmshaven 1994 zur SpVg Aurich. Seine neue Fußballheimat. Acht Jahre als Spieler: Einer, der lenkt und antreibt. Seine präzisen Freistöße waren von den gegnerischen Torleuten gefürchtet. Zum Schluss hat er 444 Tage die Rot-Weißen trainiert. Sein Aus kam nach einem verlorenen Machtkampf zwischen ihm und dem damaligen Sportlichen Leiter Reinhold Specht. Vorbei und abgehakt, sagt Jeromin.

Tennis ein ganzes Leben lang

Nicht ganz: Er hat noch zu seinen ehemaligen Mitspielern Matthias Kämpfert (sein Steuerberater) und Marktell Schühler (sein Fahrradspezialist) Kontakt. Ins Stadion geht er nicht mehr. Zu Hause schaut er sich hin und wieder noch das eine oder andere Topspiel aus der Bundesliga an. Er bekennt: „Mit Fußball hörst du irgendwann einmal auf, Tennis kannst du das ganze Leben lang spielen.“ Und so berichtet er von einem 88-Jährigen aus der Tennissparte des TuS Aurich-Ost: „Als sein Doppelpartner starb, hat er sich später wieder einen neuen gesucht und das in dem Alter. Respekt.“

Die Tennisanlage des TuS Aurich-Ost ist seine zweite Heimat geworden. Täglich steht er mehrere Stunden auf dem Platz und trainiert seine Schützlinge. Eine Arbeit, die ihn erfüllt. Darüber hinaus arbeitet er als Dozent an der KVHS Aurich. Er vermittelt Sprachkenntnisse und hilft Flüchtlingen, sich im Alltag zurechtzufinden. Seine Tochter findet sich seit einem Jahr in den USA zurecht. Sie studiert an der East Carolina University in Greenville, US-Bundesstaat North Carolina. Dort hat sie ein kostenloses Stipendium erhalten. Jeromin beziffert die Kosten pro Jahr auf rund 45 000 Euro. Das Stipendium sei der Lohn für die gemeinsame Arbeit von Tochter und Vater als Tennisgespann. Der Weg war hart und mühsam, koste Geld, Zeit und Nerven.

Nach Turnieren wurde auf der Rückbank gelernt

Jeromin erinnert sich an ein erfolgreiches Turnier seiner Tochter. Sie kam weiter als gedacht und so mussten noch einige Tage im Hotel zusätzlich bezahlt werden. Das Geld war knapp. Um über die Runden zu kommen, wurde beim Essen gespart, und die Pizza geteilt, erzählt Jeromin und Falten legen sich auf seine Stirn. Ihm fallen Rückfahrten mit dem Auto nach Turnieren ein. Da saß seine Tochter auf der Rückbank und büffelte für Klausuren, übermüdet und gezeichnet. Schattenseiten des Turnierbetriebs für vielversprechende Talente.

Jeromin hat seinen Berufswechsel von der Versicherungs- in die Tennissparte nicht bereut. „Ich arbeite gerne auf dem Platz und fühle mich beim TuS Aurich-Ost wohl. Der ist für mich wie eine Familie.“

Im Dezember steht sein 60. Geburtstag an. Noch einen Wunsch frei? Jeromin lehnt sich in seinem Stuhl zurück und strahlt: „Hmm, ich habe alles, was ich brauche. Wir sind glücklich verheiratet, die Arbeit macht Spaß und die beiden Kinder gehen ihren Weg.“

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