Hannover Berater, überall Berater! Wer von der Sanierung der Meyer Werft profitiert
An der Sanierung der Meyer Werft in Papenburg verdienen viele mit. Recherchen unserer Redaktion zeigen, in welchem Ausmaß Beraterkosten anfallen.
Die Betriebsversammlung in Halle 4 lief schon eine ganze Weile, da kam Andreas Hensen nach Teilnehmerangaben auf ein sensibles Thema zu sprechen: Beraterkosten. Die seien extrem hoch, soll der Betriebsratsvorsitzende der Meyer Werft gesagt und die Frage gestellt haben, ob das wirklich gerechtfertigt sei. Hensen habe von einer zweistelligen Millionensumme gesprochen, heißt es.
Adressat seiner Aussage? Die Werftleitung um Sanierer Ralf Schmitz. Der hatte zuvor betriebsintern, aber auch öffentlich den Betriebsrat heftig kritisiert. Dessen Weigerungshaltung beim Thema Videoüberwachung auf Schiffsbaustellen koste die Werft einen einstelligen Millionenbetrag, so Schmitz seinerzeit. Geld, das das Unternehmen dringend brauche.
Hensen machte nun vor versammelter Belegschaft die Gegenrechnung auf: Was sei dieser Betrag schon im Vergleich zu den Beraterkosten, die auf der Werft anfielen. Die Unternehmensleitung soll später darauf nicht mehr eingegangen sein. Der Streit zwischen Arbeitnehmervertretern und Geschäftsleitung an sich gilt nach einer Einigung zur Videoüberwachung auch weitgehend als befriedet.
Aber Werft-öffentlich angesprochen war damit ein Thema, das schon länger köchelt: Gerade auf der Büroebene der Werft, heißt es aus Unternehmenskreisen, sei den Mitarbeitern nicht entgangen, wie viele Berater mittlerweile beauftragt sind. Von einer regelrechten Berater-Bürokratie ist die Rede. Und von deutlich höheren Ausgaben als ursprünglich mal geplant.
Rund um die Werft in Papenburg sowie bei der Neptun Werft in Rostock sind viele entsprechende Firmen von Rang und Namen aktiv. Öffentlich bekannt ist Deloitte. Deren Wirtschaftsprüfer hatten der Werft im vergangenen Jahr die grundsätzliche Sanierbarkeit attestiert und damit den Weg frei gemacht für die staatliche Rettung. Deloitte begleitet die Sanierung weiter. Hinzu kommen oder kamen in den vergangenen Monaten Freshfields, Roland Berger, Accenture und – auch sie sind letztlich Berater – das Team um Sanierer Ralf Schmitz.
Die Berater kommen in unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz: Sie stellen den Einkauf neu auf, helfen bei der Implementierung neuer Software oder beraten die Werft in anderen Rechtsfragen. Für ihre Leistungen schreiben sie regelmäßig Rechnungen.
Betriebsratschef Hensen sprach vor der Belegschaft wohl von einer zweistelligen Millionensumme. Gegenüber unserer Redaktion wollte er sich nicht weiter zu dem Thema äußern. Auch die Werft selbst nannte auf Anfrage keinen Betrag und verweist bezüglich konkreter Vertragsinhalte auf die geschäftliche Vertraulichkeit. Ein Sprecher betont jedoch: „Sämtliche Kosten, wie auch die Beraterkosten, werden im Rahmen der Sanierung engmaschig überwacht. Die entsprechenden Gremien der Meyer Werft werden dazu regelmäßig und transparent informiert.“
Nach unseren Informationen soll die Summe, die seit vergangenem Sommer aufgelaufen ist, im mittleren Bereich des von Hensen genannten Spektrums liegen. Und damit wohl – Stand jetzt – über den ursprünglich anvisierten Beraterkosten. Auch für das laufende Jahr könnten die Kosten über Plan liegen, ist aus dem Unternehmensumfeld zu hören. Auf der Kostenseite heißt das, dass die Beraterkosten im Laufe der Sanierung die 100-Millionen-Euro-Grenze spürbar überschreiten könnten.
Offenbar ist der Bedarf an externer Unterstützung größer als zunächst angenommen. Wie groß, hatte nicht zuletzt ein Werft-Berater selbst in einem Handelsblatt-Interview öffentlich gemacht, als er erklärte, bei der Kostenplanung eines Schiffes seien „schlicht und einfach fast 200 Kilometer Kabel zu wenig kalkuliert und ein ganzer Schiffsteil bei einem Angebot vergessen worden“.
Ein Sprecher der Werft erklärt, die Berater unterstützten mit Ressourcen und Kompetenzen in solchen Bereichen, „bei denen der Werft eigene Kapazitäten fehlen, die aber zwingend für den Erfolg der Sanierung notwendig sind“. Und weil die Berater eben unabhängig agieren, könnten sie „wichtige kritische Analysen vornehmen, die für die Wettbewerbsfähigkeit der Werft essenziell sind“.
Teil der Beraterkosten sind diejenigen Berater, die den Bund und das Land Niedersachsen beim Staatseinstieg unterstützt haben. EY beispielsweise hatte ein Gutachten zu Chancen und Risiken erstellt. „Grant Thornton“ und CMS hatten rechtlich beraten oder tun das nach wie vor.
Auch diese Berater werden Rechnungen geschrieben haben. Wie hoch sie am Ende ausfielen, ist nicht bekannt. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärt, es seien entsprechende Vereinbarungen mit der Meyer Werft GmbH geschlossen worden, dass diese die Beraterkosten des Bundes übernehme. „Entsprechend sind hierfür beim Bund keine Kosten angefallen.”
Kritik an Beratern ist populär, gerade, wenn der Staat auf externe Hilfe zurückgreift. Von einem Berater-Unwesen ist immer wieder die Rede. Dreistellige oder vierstellige Stundensätze wirken schnell astronomisch. Andererseits kommen die Berater idealerweise dort zum Einsatz, wo dem Auftraggeber das nötige Wissen fehlt. Sie stellen Prozesse neu auf und helfen so, Millionenkosten einzusparen. Oder verhindern vorausschauend, dass Probleme auftreten.
Genau das hatte auf der Werft im vergangenen Jahr an einem Punkt nicht funktioniert. Kurz nach den Beschlüssen der Politik zum Staatseinstieg waren Abweichungen von fast 190 Millionen Euro bei einzelnen Projekten, insbesondere beim Bau von Konverterplattform-Teilen, entdeckt worden. Diese Risiken waren im Sanierungsgutachten der Prüfer von Deloitte nicht berücksichtigt worden.
Zwar hieß es schnell, die Abweichungen stellten die Sanierungsfähigkeit der Werft nicht grundsätzlich infrage. Trotzdem wurde von Seiten der neuen Besitzer auf staatlicher Seite eine Untersuchung angestoßen, wie es dazu kommen konnte, dass das Risiko nicht bekannt war. Die Untersuchung ist abgeschlossen. Sowohl Bund als auch Werft setzten dabei wieder auf Rechtsberater. Ein juristisch relevantes Fehlverhalten wurde nicht entdeckt.
Betriebsratschef Hensen rief die Abweichungen auf der Versammlung nun wieder in Erinnerung: Was seien die Beträge, die sich durch eine bessere Videoüberwachung sparen ließen, im Vergleich zu jenen fast 190 Millionen, die Deloitte nicht entdeckt hätte.
Ein Werft-Sprecher betont: „In der Vergangenheit – und auch aktuell – wurden in intensiven Verhandlungen mit Beratungsunternehmen wiederholt substanzielle Kostensenkungen bzw. wirtschaftliche Erfolge erzielt.“ Und wenn eine Führungskraft des Unternehmens neue Berater beauftragen wollte, sei sie immer angewiesen, drei unterschiedliche Angebote einzuholen.