Zeitreise mit Jürgen Kleen So half das Schreibmaschinen-Sterben Wiesmoors Torfbaggern
Eigentlich erzählt das Wiesmoorer Torf- und Siedlungsmuseum die Geschichte der Blumenstadt. Doch auch seine eigene Geschichte könnte ganze Bücher füllen. Jürgen Kleen plaudert aus dem Nähkästchen.
Wiesmoor - „Jürgen Kleen ist unser wandelndes Lexikon auf zwei Beinen“, stellt Arianne Schoon den drahtigen Rentner vor, der wie so viele Rentner eigentlich nie Zeit hat. „Ich muss gleich zum Tanzen“, kündigt er an, während er über den Muskelkater von der Gartenarbeit stöhnt. Hilft ja nix, denn der 86-Jährige ist nun einmal einer der wenigen Wiesmoorer, die die Geschichte des Torf- und Siedlungsmuseums und seiner Ausstellungsstücke noch auswendig kennen.
Kein Wunder: Schließlich war er selbst von Anfang an dabei. Eigentlich sollte Kleen wegen der knappen Zeit drei Geschichten über Ausstellungsstücke des Museums erzählen. Doch am Ende könnte man mit Kleens Erzählungen ein Buch füllen. Die meisten handeln davon, wie das Museum in seiner heutigen Form entstehen konnte. Hier folgen deshalb die kuriosesten Fakten zur Entstehung des Torf- und Siedlungsmuseums:
Warum der Niedergang der Schreibmaschine hilfreich war
Wer weiß schon, warum es für die Erinnerungskultur der Blumenstadt ein Segen ist, dass seit den 80er Jahren Computer die Schreibmaschinen immer mehr verdrängten? Jürgen Kleen erinnert sich noch daran, wie auch Wiesmoor die Auswirkungen zu spüren bekam – doch nicht nur auf negative Weise.
In seiner Blütezeit, den 70er Jahren, gehörten die Olympia-Schreibmaschinenwerke in Wilhelmshaven-Roffhausen mit 20.000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern der Region. Mit ihrem Niedergang wurden bis Anfang der 90er Jahre auch viele Wiesmoorer arbeitslos. „Viele Menschen im besten Alter fanden keine Arbeit. Sie hatten viel Zeit und halfen, das Torf- und Siedlungsmuseum aufzubauen“, erinnert sich Kleen.
Ein Gebäude nach dem anderen entsteht
Wie Wiesmoor selbst ist auch die Erinnerungskultur dort noch jung. Der „Förderverein Wiesmoor zur Erhaltung des moorkundlichen Heimatgutes“ hatte sich erst im Jahr 1985 gegründet. Dann übernahm zunächst die Stadt den Aufbau eines typischen Kolonistenhauses für das Torf- und Siedlungsmuseum. Das Gulfhaus wurde im Jahr 1988 eröffnet und zeigt noch heute, wie die ersten Moorkolonisten um 1900 gelebt haben. Später folgten im Auftrag der Stadt die Schmiede und das Backhaus.
„Alles andere haben wir in Eigenleistung nach und nach aufgebaut“, sagt Jürgen Kleen. Viel Hilfe kam von örtlichen Bauunternehmen. Aber auch andere halfen beim Aufbau des Torf- und Siedlungsmuseums. „Unser Schulgebäude war zum Beispiel ein Projekt von Auszubildenden der Handwerkskammer in Aurich“, sagt Kleen. Die jungen Maurer lernten, was zum Hausbau dazugehört – und das Torf- und Siedlungsmuseum bekam seine Schule. Auch das noch junge Eingangsgebäude hat der Verein zwar mit finanzieller Unterstützung der Stadt, aber mit viel Eigenleistung errichtet. Es wurde im Jahr 2011 eröffnet.
Das Museum mit eigener Wieke
Was sich heute wohl ebenfalls kaum jemand vorstellen kann: Auch der Seitenkanal – Wieke genannt – direkt am Museum, wurde eigens für das Torf- und Siedlungsmuseum angelegt. Dort liegen heute das Torfschiff „Tullum“ und die Tjalk „Anna Sophie“. „Ohne den Kanal und die Wieken hätte es in Wiesmoor keinen Torfabbau und auch kein Kraftwerk gegeben“, erklärt Kleen, warum die Wasserwege zur Geschichte Wiesmoors dazugehören.
Die Museumswieke entstand so, wie es im Torf- und Siedlungsmuseum meistens ablief: „Früher waren nicht solche langwierigen Genehmigungsverfahren notwendig wie heute“, sagt Jürgen Kleen. „Anfang der 90er Jahre kam einfach ein Bagger von Bohlen & Doyen vorbei und hat den Kanal nach unseren Vorgaben gegraben“, ergänzt er und lacht. In Erinnerung an die Unterstützung beim Bau erhielt das neue Gewässer den Namen „BoDo’s Wieke“.
Wiesmoorer Fehnkultur wird sichtbar
„Da auf einen Kanal auch ein Torfschiff gehört, haben wir das auch gleich noch mitgebaut“, sagt Jürgen Kleen. So entstand zunächst das Torfschiff – in Eigenregie, wie die Häuser. Es erhielt zu Ehren des Großefehntjer Unternehmers und Kommunalpolitikers Rolf Trauernicht dessen Spitznamen „Tullum“. „Tullum war immer hier und hat uns unterstützt, wo er nur konnte“, erinnert sich Jürgen Kleen: „Deshalb haben wir das Schiff als Dank zu seinem 70. Geburtstag nach ihm benannt.“ Das war im Jahr 1994.
Dass es nicht bei einem Schiff blieb, sei wiederum dem Wiesmoorer Unternehmen Bohlen & Doyen zu verdanken. „Sie wollten sich nicht lumpen lassen und sind extra mit vier Mann nach Holland gefahren, um ein Schiff zu kaufen“, sagt Jürgen Kleen. Es klappte jedoch nicht beim ersten Versuch, wie Kleen sich erinnert: „Das erste Schiff war gesunken, als sie dort ankamen.“ Es dauerte noch ein wenig länger, bis schließlich die „Heidi“ eintraf.
Ganz ohne Eigenleistung des Vereins kam diese Tjalk in Wiesmoor nicht ins Wasser. „Wir mussten das Schiff noch um fünf Meter kürzen“, erinnert sich Kleen. Ihren neuen Namen „Anna Sophie“ erhielt die alte Dame durch ihre Stifter. Sie benannten sie nach ihren Frauen: Die Frau von Heinrich Bohlen hieß Sophie und die Frau von Heinrich Doyen trug den Namen Anna.
Was eine Nähmaschine vom Kraftwerk erzählt
„Vom Kraftwerk selbst haben wir gar nicht so viele Ausstellungsstücke hier“, sagt Jürgen Kleen. Und das, obwohl das im Jahr 1909 in Betrieb genommene Torfkraftwerk am Standort des heutigen Rathauses die Blumenstadt erst wachsen ließ. So wurde im Jahr 1922 zunächst die Gemeinde Wiesmoor im Bereich der heutigen Kernstadt rund ums Kraftwerk gegründet. Sie wuchs immer weiter und wurde schließlich im Jahr 2006 zur Stadt Wiesmoor. Zwar gibt es ein Modell des Kraftwerks, doch im Museum selbst dominieren eher Ausstellungsstücke rund um den Abbau des Brennstoffs Torf.
Wer zwischen den Zeilen liest, entdeckt viel aus der Zeit, als Wiesmoor der ostfriesischen Halbinsel den Strom brachte. Später versorgte die Stadt mit der Abwärme des Kraftwerks sogar ganz Deutschland mit Gurken und Tomaten. Manches ist nicht gleich erkennbar – doch viele Ausstellungsstücke erzählen eine Geschichte, wie auch das Museum selbst. Zum Beispiel die Nähmaschine des Schneidermeisters Tönjes Schmidt (1893 bis 1953). Er kam wie viele im Jahr 1929 nach Gründung der Wiesmoor-Gärtnerei von Großefehn in die Gemeinde Wiesmoor.
Der erste Schneidermeister Wiesmoors war von 1946 bis 1952 auch der erste Nachkriegsbürgermeister und ab 1952 Gemeindedirektor. Er starb am Ostersamstag 1953 an den Folgen eines Unfalls im damaligen Rathaus – offenbar ausgerechnet an einem Stromschlag. „Der Strom, der Wiesmoors Leben ausmachte, hat nun seinen Tod verursacht“, hieß es in der Traueransprache von Pastor Ahlers. So steht es auf einem Schild in der Ausstellung. Ob es tatsächlich so passierte, wie die Ansprache des Pastors vermuten lässt, ist laut Jürgen Kleen allerdings nicht überliefert.