Hamburg Warum ich mir nie ein Lastenrad kaufen würde
Lastenräder und E-Scooter gelten als Vorzeigeprojekte der Mobilitätswende. Doch im Alltag blockieren sie Gehwege und sind eine unterschätzte Gefahr für Kinder. Die Defizite der Verkehrspolitik können sie nicht beheben.
Als der Menschheit die Gabel zu praktisch und der Löffel zu vollkommen erschien, erschuf sie den Göffel. Zum Konsum kalter Ravioli auf Festivals ein möglicherweise geeignetes Zwitter-Werkzeug; sonst ein doch eher zweifelhafter Kompromiss.
Gleiches gilt für die Göffel der Mobilitätswende: das Lastenrad und den E-Scooter. Das Lastenfahrrad soll die Transportkapazitäten des Autos mit der Umweltfreundlichkeit des Fahrrads in Einklang bringen. Der E-Scooter wird als die Lösung für jene Kurzstrecken angepriesen, die sich zu Fuß unangenehm ziehen, es gleichwohl nicht rechtfertigen, dafür den Drahtesel aus dem Keller hochzutragen. Und das kommt an: 235.250 Lastenräder (davon 189.000 mit Motorunterstützung) wurden 2023 verkauft – 2018 waren es gerade einmal 60.000. Zudem sollen fast eine Million E-Scooter auf Deutschlands Straßen unterwegs sein, ein Großteil davon (780.000 Stück) in privatem Besitz, der Rest als öffentliche Leihroller.
Ist die Mobilitätswende also geglückt und wir können alle schnell, sicher und unseren körperlichen Möglichkeiten entsprechend ans Ziel kommen? Von wegen! Die Fahrzeuge, die uns als Retter urbaner Mobilität angepriesen werden, schaffen mehr Probleme, als sie lösen, und verstopfen dabei Straßen und Gehwege zum Leide aller.
Bei den E-Scootern sind es gerade die jüngeren Verkehrsteilnehmer, die eine Gefahr für sich und andere darstellen: Mehr als 40 Prozent der in Unfälle verwickelten E-Scooter-Fahrer waren unter 25. Im Jahr 2023 kam es zu 9.425 Unfällen mit verletzten Personen, 22 Menschen starben. Die häufigsten Unfallursachen: Jeder Fünfte fuhr auf der falschen Fahrbahn oder auf dem Gehweg, etwa jeder Siebte war alkoholisiert.
Nachvollziehbar, wenn ich an all die – unerlaubterweise mit zwei helmlosen Personen beladenen – Scooter denke, denen ich in der Innenstadt gefühlt täglich ausweichen muss. Die Kombination aus fehlender Knautschzone und überraschend schneller Beschleunigung kann einfach nicht sicher sein.
Und was machen rücksichtslose E-Scooter noch lieber als rücksichtslos fahren? Na klar, rücksichtslos parken oder den Scooter einfach auf den Gehweg schmeißen. Sollen Rollstuhlfahrer, Kinderwagenschieber oder Älteren schauen, wo sie bleiben. Doch sollte man sich nicht vom wahren Schrecken aller Gehwege ablenken lassen: dem Lastrad.
Die Schlachtschiffe unter den Zweirädern können mit ihren auch mal 70 Kilogramm Gewicht nicht einfach in einen Fahrradkeller gewuchtet werden. Ergo bleiben sie draußen und blockieren entweder fünf Fahrradstellplätze auf einmal oder sperren den Gehweg.
Würde ein Motorradfahrer so parken, wäre ihm Sachbeschädigung durch Umtreten und Zerkratzen oder Abschleppen sicher – dem Vorzeigekind familienfreundlicher Großstadtmobilität wird es meinem Eindruck nach durchgehen gelassen. Die Not, das eigene Fahrzeug in der Stadt abzustellen, sie trifft Auto- wie Lastenradfahrer gleichermaßen – und die Leidtragenden sind die schwächsten aller Verkehrsteilnehmer, die Fußgänger.
Der Grund, warum ich mir nie ein Lastenrad kaufen würde, ist die Sicherheit im Straßenverkehr. Denn auch wenn es kein 100 Prozent sicheres Verkehrsmittel geben kann – das Lastenrad scheint mir definitiv keines zu sein. Eine Studie der Unfallforschung der Versicherer ergab 2024, dass Kinder beim Mitfahren in Lastenrädern oft schlecht gegen Unfälle geschützt sind.
Die Lastenräder seien schwer zu fahren, „hochgradig kipp anfällig“ und böten Kindern keinen Schutz für Kopf und Oberkörper. Das kann zwar durch das Tragen eines Helms, Anschnallsysteme und stabile Sitze mit Kopfschutz verbessert werden. Der Fußgängerweg (gegebenenfalls auf einem Kinderrad), der Bus oder eben die Rücksitze eines Autos scheinen mir gleichwohl sicherer – und das ist es, worauf es für mich ankommt.
Eine echte Alternative zum Auto sind die zweirädrigen Kolosse sowie nicht. Schließlich passen entweder eine leere Sprudelkiste oder ein Kind rein – beides soll aber mit in den Supermarkt. Auf dem Weg dahin heißt es Luftanhalten, schließlich sitzt Kind genau auf Höhe der Autoauspuffe, wenn man an der Ampel wartet.
Vielleicht würde ich es anders sehen, gäbe es breite Fahrradwege, ein flächendeckendes Netz eben jener und eine Straßenkultur, in der die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer nicht im jeweils anderen ein Feindbild erkennen. Es wäre eine sicherere Welt für Radfahrer – ob es eine für Pendler, Ältere, Mobilitätseingeschränkte oder Handwerker bessere Welt wäre, lässt sich nur mutmaßen. Doch auf Deutschlands Straßen gilt nun mal leider nach wie vor „Fressen oder gefressen werden“. Es tut mir leid, aber dann will ich nicht auf der „Gefressen werden“-Seite stehen.