Hamburg  „Habe ihn immer vermisst“: Wie Wolfgang Plaga seinen großen Bruder verlor

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 13.07.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wolfgang und Dieter Plaga waren als Kinder unzertrennlich, dann stirbt Dieter auf seiner Verschickungskur. Foto: Wolfgang Plaga
Wolfgang und Dieter Plaga waren als Kinder unzertrennlich, dann stirbt Dieter auf seiner Verschickungskur. Foto: Wolfgang Plaga
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Dieter war Wolfgang Plagas großer Bruder, sein Vorbild, sein „Hase“. 1953 kam Dieter von einer Verschickungskur an der Ostsee nicht zurück. Jahrzehntelang glaubt Wolfgang, was seine Eltern ihm sagten — bis unsere Recherche offenlegt, was wirklich passierte.

Es ist der 22. Juni 1953. Ein dunkler Ford fährt durch die Straßen von Herne. Vor einem Mehrfamilienhaus hält der Wagen abrupt an. Die Tür springt auf, ein Mann stürzt hinaus — Wolfgang Plagas Vater. Er läuft auf seine Frau zu, die den jüngsten Sohn an der Hand hält. Die Nachricht, die er bringt, ist furchtbar: Dieter, der ältere Sohn, ist tot.

„Diese Szene hat sich bei mir eingebrannt“, sagt Wolfgang Plaga heute, mehr als 70 Jahre später. Er war damals sechs Jahre alt, gerade eingeschult. Für ihn teilt sich das Leben in ein Davor und Danach.

Vorher war es eine unbeschwerte Kindheit. Wolfgang spielte auf den Straßen des Ruhrgebiets, immer seinem großen Bruder Dieter hinterher. „Mein Bruder war so schnell, dass ihn alle nur Hase nannten“, erzählt er. „Und weil ich immer mitlief, war ich eben der kleine Hase.“ Noch heute muss er leise lachen, wenn er daran denkt. „Ich hätte mir keinen besseren Bruder wünschen können.“

Die Verschickung an die Ostsee im Mai 1953 sollte für Dieter ein Abenteuer werden. Hunderttausende Kinder wurden von der Nachkriegszeit an bis in die 1990er Jahre zur Erholung verschickt. „Wir sind nie verreist. Das war etwas ganz Besonderes“, sagt Plaga. Dieter war zwölf, als er in Antoniusheim an die Ostsee kam, sollte bald auf die weiterführende Schule gehen — ein Aufstiegstraum für die Arbeiterfamilie. „Meine Eltern haben immer gesagt: Unsere Kinder sollen es besser haben”, erinnert sich Plaga.

Doch das Abenteuer endete tragisch. Den Eltern wurde gesagt, es seien plötzlich haushohe Wellen aufgetreten und Dieter sei vor Schreck an einem Herzschlag gestorben, eine Welle habe ihn an Land gespült. Sie nahmen es hin — aus tiefem Glauben. „Für meine Eltern war das Gottes Fügung“, sagt Plaga. „Sie haben niemandem Vorwürfe gemacht.“

Zu Hause wurde es still. Über den Tod wurde kaum gesprochen, das Grab wurde zum Anlaufpunkt. „Ich kannte den Friedhof in- und auswendig“, erzählt Plaga. Auf Fotos aus dieser Zeit wirkt er ernst, fast ausdruckslos. „So habe ich jahrelang ausgesehen, ich habe einfach funktioniert“, sagt er.

Mehr als 70 Jahre lang glaubte Plaga, sein Bruder sei an einem Herzschlag gestorben. Erst durch Recherchen unserer Redaktion erfuhr er die Wahrheit: Dieter war beim Baden ertrunken. Die Betreuerinnen, die mit mehr als 40 Kindern am Strand waren und keine Rettungsausbildung hatten, konnte ihm nicht mehr helfen. Eine Erzieherin wurde zunächst wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, später aber freigesprochen. 

„Das zu lesen, hat mich sehr aufgewühlt“, sagt Plaga. In den Akten findet sich auch ein Schreiben der Verschickungsstelle, in dem sich die Verantwortlichen für das Verständnis der Eltern bedanken. „Das passt zu ihnen“, sagt er. „Sie haben das mit sich selbst ausgemacht.“ Mit ihrem Sohn haben sie nicht darüber gesprochen. 

Der Sohn ging zur Schule, lernte Geige, spielte Harmonium, weil der Vater es wünschte. Halt fand er bei seinem Cousin. „Er war fast wie ein Bruderersatz“, sagt Plaga.

Das Arbeiterkind schaffte den Sprung aufs Gymnasium, studierte Evangelische Theologie und Germanistik, wurde Pfarrer und Lehrer. Er gründete eine eigene Familie, bekam drei Kinder. „Ich habe meinen Bruder immer vermisst“, sagt er. „Bei jedem Meilenstein habe ich mir vorgestellt, was er gesagt hätte. Er fehlt bis heute.“

Und wenn der 22. Juni kommt, ist Dieter wieder ganz nah. „Dann sehe ich auf meinem Smartphone das Datum und muss kurz schlucken“, sagt Plaga leise. „Es wird nicht wieder gut. Aber ich habe meinen Frieden schon vor langer Zeit damit gemacht.“

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