Wandel in Westerende-Kirchloog Senioren-WG statt Tischlerei
Auf dem Grundstück im Ortskern entsteht ein besonderes Wohnprojekt. Damit wollen die Bauherren auch bezahlbaren Wohnraum schaffen.
Westerende-Kirchloog – Die Gesellschaft verändert sich – auch in Ostfriesland. Es gibt immer mehr ältere Menschen, und die benötigen seniorengerechten und vor allem bezahlbaren Wohnraum. Auch in den ländlichen Gemeinden. In Westerende-Kirchloog entsteht deswegen eine weitere Senioren-Wohngemeinschaft. Erst im Frühjahr hatte ein ähnliches Projekt auf dem ehemaligen Gelände der Gaststätte Germann nur ein Stück die Straße weiter eröffnet. Umgesetzt wird die neue WG von dem Auricher Unternehmen Haus & Projekt. Zwölf Appartements und sechs größere Wohnungen sollen an prominenter Stelle direkt an der Auricher Straße gebaut werden. Damit hauchen die Bauherren dem ehemaligen Standort der Tischlerei Harms neues Leben ein.
Grundstück mit Geschichte
20 Jahre lang, von 1963 bis 1983, hatte auf dem Grundstück im Ortskern von Westerende-Kirchloog Theodor Harms eine Tischlerei betrieben. Nach seinem Ruhestand wurde die Ladenfläche vermietet. Viele unterschiedliche Gewerbe waren dort in den vergangenen Jahrzehnten ansässig, zum Beispiel eine Polsterei, ein Bäcker, eine Fahrschule oder auch ein Quelle-Laden, in Analogie zu dem damals bekannten und erfolgreichen Quelle-Katalog.
Das berichtet Grete Harms, die mit dem mittlerweile verstorbenen Theodor Harms jahrzehntelang in dem Gebäude gewohnt hat. Ein paar Erinnerungsstücke hat ihre Familie sich aber bewahrt. So bleibt beispielsweise die selbst gezimmerte Eingangstür im Besitz der Familie.
Gesellschaftliche Entwicklungen machen Umdenken nötig
Familie hat auch für Heiko Kruse von Haus & Projekt einen hohen Stellenwert. Das spürt man im Gespräch in den Geschäftsräumen an der Großen Mühlenwallstraße. Mit am Tisch sitzen seine Kinder Kathy und Piet Kruse, die die Geschäfte der Firma führen. Die drei wissen um die Bedeutung von Zusammenhalt und sozialer Eingebundenheit. Man habe sich in letzter Zeit intensiv mit den gesellschaftlichen Strukturen auch in Aurich und Ostfriesland auseinandergesetzt, so Heiko Kruse.
Dabei hätten die Immobilienentwickler drei Probleme ausgemacht, die vor allem ältere Menschen betreffen: Viele von ihnen leben – ob allein oder als Paar – in großen und vor allem oftmals energetisch veralteten und damit kostenintensiven Einfamilienhäusern. Die seien zudem oftmals nicht altengerecht gebaut, Stichwort Treppen und hohe Duschtassen. Und zum Dritten hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten alte Familienstrukturen aufgelöst. Lebten früher noch mehrere Generationen zusammen – in einem Haus oder zumindest in der Nachbarschaft – sei das heute nicht mehr die Regel. Die Folge: Kommt es zu Pflegebedürftigkeit, muss dies oftmals organisiert werden. Ein schneller Blick, eine rasche Hilfe wird zunehmend schwierig. Sein Vater habe mal gesagt: „Nicht das Altwerden ist das Problem, sondern die Einsamkeit“, ergänzt Heiko Kruse. Ein weiterer Aspekt, den die Bauherren mit ihrem neuesten Projekt aktiv angehen wollen.
Eigenes Reich mit Anschluss an die Gemeinschaft
Für Heiko Kruse und seine Kinder liegt die Lösung im Konzept der Senioren-Wohngemeinschaft. Dabei hat jeder Bewohner seinen eigenen privaten Bereich – in diesem Fall 25 Quadratmeter große Zimmer mit eigenem Bad und der Möglichkeit einer Küchenzeile. Hinzu kommt ein großer Aufenthaltsbereich mit Wohnküche, den die Bewohner gemeinsam nutzen können und ein offener Gartenbereich. „Wir werden rund um die Uhr zwei Pflegekräfte vorhalten“, sagt Kathy Kruse. Ein Einkaufsservice sowie ein Taxidienst gehören außerdem zum Angebot. Abgeguckt haben die Kruses sich das Konzept beim Marienhafer Pflegedienst Andreessen, mit dem sie kooperieren. Der betreibt im Norder Bereich bereits mehrere Senioren-WGs. Know-How, von dem die Auricher profitieren können. „Ziel ist es alles anzubieten, was eine Großfamilie bisher geboten hat“, so Heiko Kruse.
Haus & Projekt investiert drei Millionen Euro in die Senioren-Wohngemeinschaft, eine stolze Summe, die sich allerdings nicht im Mietpreis niederschlagen soll. Für ein Appartement in der Wohngemeinschaft werden laut Haus & Projekt um die 750 Euro Warmmiete fällig, zusätzliche Angebote wie die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen kommen obendrauf. „Im Vergleich zu einem Seniorenheim sind wir deutlich günstiger“, sagt Kathy Kruse, die allerdings nicht nur den finanziellen Aspekt sieht. „Das Leben in einer Senioren-WG ist familiärer und sozialer“, sagt sie. Das hätten sie bei Besuchen in Einrichtungen des Pflegedienstes Andreessen gespürt.
Die Kruses sind überzeugt von dem Konzept und damit offenbar auch bei der Gemeinde Ihlow auf offene Ohren gestoßen. Heiko Kruse spricht von schnellen Entscheidungswegen und einem guten Ansprechpartner. Nach dem Abriss der alten Gebäude laufen die Bauarbeiten nun an. In dieser Woche soll die Bodenplatte gegossen werden. „Der Bezug ist für Ende 2026 geplant“, so Piet Kruse.