Rangliste Sind die guten Zeiten in Ostfriesland vorbei?
Glaubt man einem aktuellen Ranking von Wirtschaftsforschern, steht Ostfriesland vor einer schwierigen Zukunft. Eine Nachbarregion hingegen boomt: Müssen Arbeitnehmer bald ins Emsland abwandern?
Ostfriesland/Emsland - Das „Handelsblatt“ hat gemeinsam mit den renommierten Wirtschaftsforschern von Prognos ein Zukunftsranking veröffentlicht, in dem Ostfriesland ziemlich schlecht abschneidet. Es geht dabei unter anderem um Wohlstand, Veränderungstempo und gute Jobs. Vertreter aus der Region wollen sich von dem Ranking aber nicht entmutigen lassen.
Die regional schlechtesten Werte hat der Kreis Wittmund. In der Rangliste, die insgesamt 400 kreisfreie Städte und Landkreise in ganz Deutschland umfasst, landet Wittmund auf Platz 348. Es folgt Aurich mit Platz 315. Beiden Landkreisen werden bei den Zukunftschancen „leichte Risiken“ attestiert. Es gibt acht Kategorien, die von „beste Chancen“ bis „sehr hohe Risiken“ gehen; die Kategorie „leichte Risiken“ steht an sechster Stelle.
Etwas besser steht es um den Kreis Leer und die Stadt Emden. Leer kommt auf Platz 271, Emden auf Platz 277. Bei beiden gelten „ausgeglichene Chancen und Risiken“; das steht bei den acht Kategorien an fünfter Stelle. Klar ist damit, dass die drei ostfriesischen Landkreise und die Stadt Emden im Deutschlandvergleich in der unteren Hälfte angesiedelt sind.
Große Unterschiede zwischen Ostfriesland und dem Emsland
Anders als Ostfriesland kann das benachbarte Emsland mit einem brillanten Rankingplatz punkten. Der Landkreis Emsland landet im Zukunftsatlas von Prognos auf Platz 55; ihm werden „hohe Chancen“ eingeräumt (Kategorie 3). Auffällig ist dabei, dass sich das Emsland seit 2004 um 117 Plätze verbessert hat; Emden hingegen hat sich in diesem Zeitraum um 188 Plätze verschlechtert.
Laut „Handelsblatt“ untersucht das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos anhand von 31 Variablen mit der Großstudie alle drei Jahre die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der 400 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte. Die Patentanmeldungen pro Kopf fließen demnach ebenso ein wie die Kriminalitätsrate und erstmals auch der Anteil Hochqualifizierter an den Beschäftigten sowie der Ausbaustand bei den erneuerbaren Energien.
Großes Lob für das emsländische Lingen
Die Unterschiede zwischen dem Emsland und Ostfriesland können nach den Ergebnissen der Prognos-Studie nicht anders als signifikant bezeichnet werden. Dirk Lüerßen vermeidet es als Geschäftsführer der „Wachstumsregion Ems-Achse e.V.“ mit Sitz in Papenburg natürlich, das Emsland gegen Ostfriesland auszuspielen. Zur Ems-Achse gehören Ostfriesland, das Emsland und die Grafschaft Bentheim. Lüerßen verweist stattdessen auf die Stadt Lingen. „Wegen der planmäßigen Abschaltung des Atomkraftwerks hat sich Lingen früh auf den Weg zu erneuerbaren Energien gemacht“, sagte Lüerßen im Gespräch mit unserer Redaktion. Lingen habe hohe Investitionen im Bereich Wasserstoff getätigt.
Neben dem Energiesektor ist Lingen laut Lüerßen auch in der Digitalisierung weit vorn. „Lingen hat einen KI-Park, eine große Ansiedlungsfläche für Künstliche Intelligenz samt Rechenzentrum in Planung“, sagte der Ems-Achse-Geschäftsführer. „Dort sollen einmal rund 2000 IT-Fachkräfte arbeiten.“
Große Zuversicht in Ostfriesland
Wiard Siebels aus Aurich, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im niedersächsischen Landtag, weiß Ostfriesland hingegen gut zu verteidigen. „Tatsächlich schneidet das Emsland im deutschlandweiten Vergleich sehr gut ab“, räumte Siebels gegenüber unserer Redaktion ein. Das liege vor allem an klar messbaren Faktoren wie Wirtschaftsdynamik, Bevölkerungsentwicklung und Investitionskraft in sogenannten Zukunftsbranchen etwa Maschinenbau, Logistik oder IT. Hier sei das Emsland in den letzten Jahren strategisch stark gewachsen und profitiere von einem gezielten Ausbau der Infrastruktur und von Industrieansiedlungen.
„Aber Rankings wie dieses bilden nicht das gesamte Bild einer Region ab“, so Siebels weiter. Ostfriesland punkte zum Beispiel mit hoher Lebensqualität, wachsendem Tourismus, nachhaltiger Regionalentwicklung und einem immer stärkeren Profil im Bereich erneuerbare Energien. Die vielen Projekte rund um Wasserstoff, Küsten- und Umwelttechnologie zeigten, dass hier großes Zukunftspotenzial entstehe – auch wenn das vielleicht noch nicht vollständig im Ranking sichtbar werde. „Das bedeutet nicht, dass Ostfriesland weniger Zukunft hat – nur dass sich die Stärken noch in anderen Bereichen zeigen“, sagte Siebels. „Gerade in Zeiten von Transformation bei Energie, Klima und Digitalisierung bietet Ostfriesland mit seiner Innovationskraft und Lebensqualität ideale Voraussetzungen, um künftig weiter aufzuholen.“
Große Fragen bei der Innovationskraft
Die CDU ist da etwas kritischer unterwegs. „Ich will es zusammenfassend mit Blick auf das Emsland positiv formulieren: Dort ist man ins Gelingen verliebt. Und das wünsche ich mir auch noch viel häufiger für unser Ostfriesland“, teilte Ulf Thiele (Filsum), stellvertretender CDU-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, unserer Redaktion mit. Besondere Schwächen weise Ostfriesland in der Studie selbst in der Kategorie Wirtschaft und Arbeitsmarkt auf. Mit Blick auf die Entwicklungen bei Enercon und VW sowie in der Bauwirtschaft sei dies sicherlich nicht überraschend. Im Themenfeld Wettbewerb und Innovation steche in Ostfriesland lediglich die Stadt Emden, sicherlich getrieben durch die Hochschule, positiv hervor. Die Landkreise hingegen fielen erheblich ab.
„Spätestens an dieser Stelle muss ich den Vorwurf platzieren, dass die Versuche der vergangenen Jahre, die Region zu einer Modellregion für Innovation zu entwickeln, von den Landkreisen kaum bis gar nicht aufgegriffen wurden“, so der CDU-Mann. Im Landkreis Leer sei besonders augenfällig, dass viel Energie in naturschutzfachliche Themen investiert werde, während Projekte wie der Bildungscampus nicht weiterverfolgt worden seien. „Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, ob sich in einer Region die Verwaltung mit den Akteuren aus der Wirtschaft und den Hochschulen vernetzt, um gezielt Entwicklungen voranzutreiben“, teilte Thiele mit. „Oder ob man sich in den Verwaltungen eher als unabhängige Prüfbehörde versteht, die alles dreimal kontrolliert, hinterfragt und damit verkompliziert.“