Hamburg NDR-Talker Meyer-Burckhardt über Krebs-Diagnose: „Hatte Marmelade in den Kniekehlen“
Hubertus Meyer-Burckhardt ist ein Talkshow-Urgestein. Welche Weisheiten seiner Oma ihn durch seine Karriere begleiten und wie ihm ein persönlicher Schicksalsschlag zu schaffen machte, erzählte er unserer Redaktion.
Bekannt geworden ist er durch die Dekaden währende Moderation der beliebten NDR-Talkshow, zudem ist er Bestseller-Autor, erfolgreicher Film-Produzent, war Werber und Vorstandsmitglied bei Axel Springer und er geht mit „Meyer-Burckhardts Zeitreisen: Auf historischer Spurensuche“. Hubertus Meyer-Burckhardt macht das, was er macht, prinzipiell mit einer Extraportion Enthusiasmus.
Die Wohnhalle im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten ist ein Ort, nein ein Hort, der Kontemplation, der Ruhe, der Selbstgewissheit. Wer hier sitzt, hat sofort das Gefühl, distinguierter Stammgast zu sein, der ebenso distinguiert bedient und respektiert wird. Und ein Geheimnis der Magie dieses Hortes ist der Eindruck seiner vollkommenen Zeitlosigkeit - mit der blitzeblanken Kuchen-Etàgere, dem behaglichen Mobiliar in feinem roten Stoff, den dunklen, holzgetäfelten Wänden, der dezenten Beleuchtung trotz schwerer Kronleuchter. Und, ohne Frage, der immer wieder fabelhafte Blick auf die Binnenalster.
Wer sich hier begegnet, trifft, verabredet, spricht mithin nicht laut, man artikuliert sich in zivilisierter Dezenz. Ein feiner Platz, um ein Gespräch mit Hubertus Meyer-Burckhardt zu führen: TV-Moderator, Buch-Autor, Film- und Fernseh-Produzent, Medien-Manager.
Er ist eine feste Größe der NDR-Talkshow, die er mit Unterbrechungen seit 1994 moderiert. Insofern ist er quasi eines der letzten, geistreichen Unterhaltungsinstitutionen unserer Bundesrepublik, eine unerschütterliche Bastion in einer sich ständig verwandelnden Medienlandschaft, ein immer gern gesehener Gast in deutschen Wohnzimmern.
Das dies einmal so sein würde, war durchaus nicht ausgemacht als Hubertus Meyer-Burckhardt 1956 im Kassel der Noch-Nachkriegszeit zur Welt kam. Der düstere Vater, der keiner war und verschwand, die liebevolle Mutter, die hart arbeiten musste um ihr Kind und sich zu ernähren, die unkonventionelle Großmutter die Klein-Hubertus mit aufzog. Er erinnert sich wärmstens ihrer „ungebrochenen Lebensfreude, positiven Energie und des staubtrockenen Humors“, die erhellten seine Kindheit und Jugend. Und sie war immer gut für eine sprichwörtliche Lebensweisheit: „Versuch macht kluch.“
Kassel lag damals unweit der deutsch-deutschen Grenze, hatte keinen ICE-Bahnhof, dafür aber die Documenta. Die erste Kunst-Ausstellung fand 1955 statt – in West-Deutschland waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Trümmer beseitigt. Damals hieß die Grundschule noch „Volksschule“ und auf dem Gymnasium, das Hubertus Meyer-Burckhardt besuchte, tobte vor dem Abitur 1975 der „Ich-will-weg-aus Kassel“-Wettbewerb, wie er es beschreibt.
„Wohin war mir egal, ich bewarb mich für Geschichte und Philosophie in Hamburg, Berlin, Düsseldorf und München“, schließlich führte es ihn, den kritischen Geist und wissbegierigen jungen Mann, in die beiden erstgenannten Städte. Bis er für sich beschloss, die renommierte Hochschule für Fernsehen und Film in München zu besuchen und abzuschließen. Zuvor hatte er Erfahrungen als Regieassistent am Hamburger Thalia-Theater und an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin gesammelt. „Es zog mich in Richtung Massenmedien, das war früher der Begriff.“
„Schon früh fühlte ich mich zum Film hingezogen“, erklärt Hubertus Meyer-Burckhardt und da kommt die Oma Christel Vollbrecht ins Bild. In seinem Spiegel-Bestseller „Die Sonne scheint immer. Für die Wolken kann ich nichts“ stellt er fest, dass er sich durch sie „vor allem die Fähigkeit zu träumen“ erschloss. Und: „Die Realität auszublenden und sich eine eigene – autonome – Welt zu erschaffen.“ Eine Persönlichkeit wie etwa Schauspieler, Produzent, Regisseur Maximilian Schell passte dazu, „der mir schon ein stilles Vorbild war.“
Weitere, bedeutende Akzente setzte für Hubertus Meyer-Burckhardt der Regisseur Hal Ashby („Harold and Maude“, „Coming Home“, „Willkommen Mr. Chance“ mit dem unwiderstehlichen Peter Sellers), eine der herausragenden Figuren des unabhängigen „New Hollywood“-Kinos. Aber auch ein Kino-Gigant wie Federico Fellini („La Strada“, „8 1/2“, „Ginger and Fred“ mit dem unvergleichlich eleganten Marcello Mastroianni) schlug den jungen Meyer-Burckhardt in seinen Bann, gerade wegen dessen Stilmittel der traumhaften Sequenzen.
„In einem Fellini-Film kann man sich wunderbar verlieren“, findet Hubertus Meyer-Burckhardt. Dabei bewegt er seine Arme lebhaft wie ein Dirigent und mit einem melancholischen Lächeln, das er oft durch ein angedeutetes Kopfnicken bekräftigt, dabei schließt er die Augen, kurz, als entwische er mal irgendwo anders hin.
Ehe sich Hubertus Meyer-Burckhardt jedoch ins Film-Business kopfüber und leidenschaftlich stürzt, „wollte ich Strecke machen“, wie er es nennt, wird Anfang der Neunzigerjahre Creative Director bei BBDO, einer allerersten Adresse in Sachen Werbeagenturen in Düsseldorf. Er produziert einen Werbefilm nach dem nächsten, ist ständig im Ausland unterwegs. Das wäre der Oma zupass gekommen, im erwähnten Buche heißt es: „Sie mochte die, die sich nicht dauernd absichern, sondern einfach mal sehen, was passiert.“
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Wohlan Hubertus Meyer-Burckhardt gründet 1993 gemeinsam mit der Neuen deutschen Filmgesellschaft (ndF) die Akzente Film, deren geschäftsführender Gesellschafter er wird. Zudem wird er von 1994 bis 2001 mit Alida Gundlach Moderator der NDR-Talkshow. In dieser Zeit produziert er mehrere ausgezeichnete Fernsehfilme, die sich des Öfteren mit dem Verhältnis der deutschen Vergangenheit und Gegenwart zu ihren jüdischen Mitbürgern kritisch auseinandersetzt. „Mir lag und liegt es am Herzen in unserer Gesellschaft Toleranz wirken zu lassen, Diversität betrachte ich als Bereicherung, Kultur lebt und atmet Vielfalt.“
„Irgendwas geht immer“, noch ein Zitat der Oma, das sich fügt, Hubertus Meyer-Burckhardt wechselt 2001 in den Vorstand der Axel Springer AG, dort führt er das Ressort Elektronische Medien und Buch bis 2004. Danach geht es vom Aufsichtsrat der ProSiebenSat.1 Media AG in deren Vorstand, um 2006 wieder zurück nach Hamburg zu ziehen - er übernimmt die Geschäftsführung der großen Film-Produktionsfirma Polyphon.
Und produziert weiterhin Filme (etwa „Meine fremde Freundin“, inhaltlich ging es um strukturelle sexuelle Gewalt, ) befasst sich jedoch naturgemäß in seinen Spitzenpositionen oft mit internen personellen und politischen Themen, das für ihn wichtige kreative Element gerät ein ums andere Mal zu kurz, 2013 scheidet er aus der Polyphon-Geschäftsführung aus, arbeitet für das Unternehmen aber noch eine Weile als Produzent.
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Um nochmals aus „Die Sonne scheint immer …“ zu zitieren, bist Du erstmal auf der Welt musst Du „die Strömungen und Stimmungen, auf die Du triffst, wie ein Frühwarnsystem filtern. Wohl dem, der mit einem fliegenden Radar ausgestattet ist. Bist Du es nicht, fällst Du aus Deiner Zeit.“
Der spezielle Meyer-Burckhardt-Radar hat eigentlich immer tipptopp funktioniert, so etwa als er ab 2008 mit einer zu dieser Zeit noch nicht besonders populären Barbara Schöneberger wieder und bis heute die NDR-Talkshow moderiert. „Uns verbindet mittlerweile eine berufliche und persönliche Freundschaft“, hebt der TV-Mann hervor, „wir haben immer, wirklich immer, enormen Spaß miteinander und schätzen uns gegenseitig sehr.“
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Das liegt wohl daran, dass diese beiden Persönlichkeiten sich auf einer Flughöhe bewegen und fraglos einer gewissen Selbstironie nicht abhold sind. Aber das beste Radar versagt, wenn ihn „wie der Blitz aus heiterem Himmel“ 2017 eine Krebs-Diagnose erwischt und „ich erst einmal Marmelade in den Kniekehlen hatte.“
Das war ein Schock, „aber ich habe nicht den Fehler gemacht zu fragen: Warum bloß ich?“ Stattdessen war seine Devise: „Jetzt erst Recht!“ Sein Buch „Die ganze Scheiße mit der Zeit“ gerät zum Plädoyer, zu lernen die Zeit zu leben, oder wie es Schriftstellerin Ildikó von Kürthy formuliert, das Buch sei das Werk eines Mannes, „der das Leben liebt, auch dann, ja besonders dann, wenn es in die Jahre kommt.“
Sicher war es ein Weg, um mit der Diagnose umzugehen, insgesamt „passe ich besser auf mich auf“, sagt Hubertus Meyer-Burckhardt und wird in der Wohnhalle des Vier Jahreszeiten für einen kurzen Moment still, vielleicht denkt er just an einen Satz seiner Großmutter: „Junge, komm vormittags, da bin ick noch frischer.“
Mit der Stadt Osnabrück, nebenbei bemerkt, verbindet ihn etwa das vom US-Architekten Daniel Libeskind entworfene Felix-Nussbaum-Museum. Für den in Osnabrück geborenen und in Auschwitz ermordeten jüdischen Künstler wurde die Malerei zur individuellen Widerstandshaltung - eine Haltung, die Hubertus Meyer-Burckhardt bewundert und die seiner Ansicht in diesem Museum einen würdigen Ausdruck findet.
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„Menschen, die verhärtet waren in ihrem Hass, mied sie“, schreibt er in dem Buch über die Oma, die fand, dass man dankbar sein solle für das, was gut ist. „Und warte nicht, bis Dich jemand wachküsst.“ Hubertus Meyer-Burckhardt, dieser Tausendsassa der deutschen Medienbranche, schenkt sich den Rest des Pfefferminz-Tees in die edle Tasse - still und seelenruhig ist die Binnenalster - und äußert: „Ein schönes Gespräch“. Dabei fällt ihm ein, dass er im Frühjahr 2026 eine Lesung in Bramsche hat, im von ihm geschätzten Tuchmachermuseum.
Bodenständigkeit ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und diese Geschichte kann nur aufhören mit einer Weisheit seiner geliebten Großmutter: „Kleener, wenn du abends ins Bett jehst, und et war een juter Tag, verabschiede Dich von ihm so, als würdeste dich von eenem Teil deines Lebens verabschieden. Dann ist der nächste Morgen wie ne Wiedergeburt“. In diesem Sinne.