Glückstadt/Berlin  Neue Kostenschätzung für A20-Elbtunnel bei Glückstadt – mit überraschendem Ergebnis

Henning Baethge
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Von Henning Baethge
| 10.07.2025 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Umstrittenes Projekt: Der Weiterbau der Küstenautobahn A20. Foto: Carsten Rehder
Umstrittenes Projekt: Der Weiterbau der Küstenautobahn A20. Foto: Carsten Rehder
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Die Autobahn GmbH von Bundesverkehrsminister Schnieder hat die Kosten für den geplanten A20-Elbtunnel und das Kreuz Kehdingen neu schätzen lassen. Das Resultat überrascht – und stößt bei A20-Kritikern auf Zweifel.

Der geplante Elbtunnel zwischen Glückstadt und Drochtersen bildet das Herzstück des Weiterbaus der Küstenautobahn A20 von Bad Segeberg nach Niedersachsen. Er ist seit gut einem Jahr rechtskräftig genehmigt – und erhält nun weiteren Rückenwind.

Eine neue Kostenschätzung der mit der Planung beauftragten Projektfirma Deges und der bundeseigenen Autobahn GmbH zeigt, dass der Tunnel bezahlbar bleibt und die von Kritikern prophezeite Preisexplosion zumindest vorläufig nicht eintritt. Das Bauwerk wird demnach kaum teurer als vor fünf Jahren geplant.

Laut damaliger Schätzung der Autobahn GmbH kostete der A20-Tunnel samt dem südlich anschließenden Kreuz Kehdingen 2,187 Milliarden Euro. Gemäß der neuen, lang erwarteten Berechnung sind es nun 2,191 Milliarden Euro, also nur minimal mehr. Davon entfallen nach Angaben der Autobahn GmbH 1,948 Milliarden auf den Tunnel und 243 Millionen auf das Kehdinger Kreuz.

Diese Zahlen werde die Autobahn GmbH auch in ihren noch unveröffentlichten Finanzierungs- und Realisierungsplan 2025-2029 übernehmen, sagt ein Firmensprecher unserer Redaktion. Die Autobahn GmbH ist Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder unterstellt.

Dass sich ein Großprojekt wie der rund sechs Kilometer lange A20-Tunnel zwischen Glückstadt und Drochtersen in fünf Jahren kaum verteuert, ist ungewöhnlich. Der Autobahn-Sprecher erklärt das damit, dass sich zwar die Baukosten für den Tunnel seit 2020 durchaus erhöht haben – aber im Gegenzug die vorsorglich eingeplanten Risikozuschläge gesunken seien.

„Risiken verwirklichen sich in der Regel nicht vollständig, sondern sinken von einer Planungsstufe zur anderen“, sagt er. Im besten Fall träten einkalkulierte Probleme wie unerwartete Baugrundverhältnisse oder Fehlplanungen gar nicht ein. Daher seien auch die Kosten für den Tunnel in der neuen Schätzung annähernd konstant geblieben.

Geht man allerdings etwas weiter zurück und vergleicht die Kosten mit der Schätzung aus dem aktuellen Bundesverkehrswegeplan von 2016, sind sie stark gestiegen und haben sich mehr als verdoppelt. Damals beliefen sie sich – noch ohne das Kreuz Kehdingen – auf lediglich 1,032 Milliarden Euro.

Darum zweifelt man beim Umweltverband BUND Schleswig-Holstein auch an der neuen Kostenschätzung. „Das Ergebnis ist angesichts der hohen Baupreissteigerungen der letzten Jahre völlig unrealistisch“, sagt BUND-Landeschef Ole Eggers. Sein Verband hatte gegen die Baugenehmigung für den Tunnel geklagt – letztlich erfolglos.

Eggers glaubt, dass die Autobahn GmbH die neue Zahl „geschönt hat“, um das Nutzen-Kosten-Verhältnis des Tunnels über der Wirtschaftlichkeitsschwelle von 1,0 zu halten und das Projekt attraktiv für einen privaten Bau- und Finanzierungspartner zu machen. „Dass der Tunnel nur 2,2 Milliarden Euro kostet, ist genauso wahrscheinlich wie der Bau der Northvolt-Batteriefabrik bei Heide“, lästert er.

Endgültig bewilligt ist das Geld für den A20-Tunnel mit der Aufnahme der knapp 2,2 Milliarden Euro in den Realisierungsplan der Autobahn GmbH noch nicht. Vielmehr muss CDU-Minister Schnieder das Projekt erst noch in seinen alle fünf Jahre aufzustellenden Investitionsrahmenplan hineinschreiben.

Dieser neue Rahmenplan soll demnächst vorliegen – und eine Sprecherin des Ministeriums hatte kürzlich bereits angekündigt, dass auch „mehrere Abschnitte des A20-Neubaus in Schleswig-Holstein und Niedersachsen darin enthalten sein werden“. Das letzte Wort hat aber der Bundestag.

Trotz der rechtskräftigen Baugenehmigung für den A20-Tunnel kann mit dem Bohren unter der Elbe ohnehin noch nicht begonnen werden. Vielmehr müssen dazu laut einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts auch das Kreuz Kehdingen und das auf schleswig-holsteinischer Seite anschließende Stück bis zur A23 unanfechtbar genehmigt sein – und das kann noch dauern.

Zwar existiert für das Kreuz Kehdingen eine Bau-Erlaubnis und für das Stück vom Tunnel zur A23 wird sie laut dem Ressort des Kieler Verkehrsministers Claus Ruhe Madsen noch dieses Jahr erwartet. Doch gibt es gegen das Autobahnkreuz schon drei Klagen beim Bundesverwaltungsgericht. Und für den Bauabschnitt bis zur A23 ist ebenfalls mit Klagen zu rechnen. Erst wenn die abgewiesen würden, könnte der Tunnelbau losgehen.

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