Ärztemangel Wie lockt man Ärzte nach Ostfriesland?
In Ostfriesland gibt es zu wenig Hausärzte. Dabei bemühen sich Ärzteschaft und auch Landkreise und Kommunen seit Jahren um neue Mediziner – und sie locken nicht nur mit Geld.
Aurich/Leer - Überfüllte Praxen, lange Wartezeiten – dass Hausärzte in Ostfriesland Mangelware sind, spüren die Patienten am eigenen Leib. Derzeit fehlen in der Region bereits 46 Mediziner für die hausärztliche Versorgung, so eine aktuelle Erhebung des Bezirks Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Und die Prognose ist düster: 2035 wird der hausärztliche Versorgungsgrad in Ostfriesland teilweise schon unter 50 Prozent liegen, so die Zahlen der KVN. Doch wie kann man gegensteuern? Wie lockt man Ärzte nach Ostfriesland? Die KVN und auch die Landkreise, Städte und Gemeinden haben sich inzwischen einiges einfallen lassen. Dabei geht es um mehr, als nur um finanzielle Anreize für die Mediziner.
„Ostfriesland bietet Ärzten optimale Arbeitsbedingungen“
Dieter Krott, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Aurich, zählt die Vorteile der Region auf, mit denen er auch bei den Medizinern wirbt: „Es gibt hier optimale Arbeitsbedingungen, etwa kurze Wege zu den Praxen, günstige Anbindungen mit dem Pkw, genügend Parkplätze für Patienten und Mitarbeiter. Und die Umsätze, die die Praxen in Ostfriesland erwirtschaften, sind wenigstens so hoch wie im Durchschnitt des Landes. Wenn man hier eine Praxis mieten oder kaufen will, sind die Preise dafür aber niedriger. Zudem bietet Ostfriesland eine Super-Umgebung für die Familien – vom Kindergarten bis zu den weiterführenden Schulen ist ja alles da.“
Jeder vierte Hausarzt in Deutschland plant einer Umfrage zufolge, seine Tätigkeit in den kommenden fünf Jahren aufzugeben. Zudem wollen viele Hausärztinnen und Hausärzte ihre Wochenarbeitszeit bis 2030 im Schnitt um zweieinhalb Stunden verringern, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung. In Niedersachsen sind bereits jetzt mehr als 70 Prozent der Hausärzte älter als 50, mehr als 37 Prozent sind älter als 60. Die Anzahl der Hausärztinnen und Hausärzte wird niedersachsenweit von heute 5.067 auf rund 3.750 im Jahre 2035 sinken. Aktuell sind in Niedersachsen 577 Hausarztsitze unbesetzt. Die heute aktiven Ärzte sind im Schnitt rund 56 Jahre alt. Gleichzeitig steigen junge Medizinerinnen häufig in Teilzeit in den Beruf ein. Für jeden ausscheidenden Arzt würden daher rechnerisch 1,6 neue Ärztinnen benötigt, so eine Erhebung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Da der Ärztenachwuchs die Lücke nicht füllen kann, wird sich laut Bertelsmann Stiftung die Zahl der fehlenden Hausärztinnen und Hausärzte bundesweit in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Bereits jetzt sind in ganz Deutschland mehr als 5.000 Hausarztstellen nicht besetzt.Ärztemangel
Die KVN bietet zudem Investitionskostenzuschüsse an. Derzeit seien beispielsweise im Bereich Leer-Süd zwei Förderungen mit insgesamt 60.000 Euro für die hausärztliche Versorgung ausgeschrieben, und für die Inseln Langeoog, Norderney und Borkum jeweils 50.000 Euro. „Wenn der Arzt mindestens fünf Jahre an dem Standort zugelassen ist, kann er den Zuschuss behalten, ansonsten muss anteilig zurückgezahlt werden“, erklärt Krott. Für Hausärzte auf den Inseln werde zudem noch eine Erschwerniszulage gezahlt und eine Zulage für den Bereitschaftsdienst.
Umsatzgarantien und Weiterbildungsangebote
Was aber noch besser wirke, als der finanzielle Anreiz, seien die Angebote in der Weiterbildung, die vor Ort gemacht würden. „Wenn Ärzte hier in den Praxen ihre Facharztausbildung machen, erhalten sie zwei Jahre lang 5800 Euro monatlich. Das Geld geht zunächst an den ausbildenden Arzt, der es weiterleitet“, erklärt Krott. „Das wird wirklich stark nachgefragt. Wir haben gerade 65 Weiterbildungsassistenten in Ostfriesland, davon sind 39 in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.“ Wie viele von ihnen am Ende in der Region bleiben, könne er aber nicht sagen. „Wir erheben dazu keine Daten“, so Krott. „Auf die Dauer bleiben sicher nicht alle vor Ort, aber es überlegen ja immerhin von den 39 eine gewisse Anzahl, hier zu bleiben.“ Zudem bietet man den neuen niedergelassenen Ärzte auch eine Umsatzgarantie an. Die richte sich nach dem Durchschnittseinkommen der Allgemeinmediziner im Quartal des vergangenen Jahres.
Stipendien und finanzielle Förderung
Der Landkreis Leer lockt zudem seit 2011 mit einem eigenen Stipendienprogramm für Studenten der Humanmedizin. Bislang sind 52 Stipendien vergeben worden. „Ziel ist es, durch die gezielte Förderung von Studentinnen und Studenten Hausärzte zu gewinnen und somit die Versorgung im Kreisgebiet sicherzustellen“, erklärt Pressesprecher Philipp Koehnen. Der Landkreis fördert auch Medizinstudenten der Uni Oldenburg finanziell, wenn diese ihre Hospitationen und Praktika im Landkreis Leer absolvieren. Im Gesundheitsamt gibt es zudem eine persönliche Ansprechpartnerin, die zum einen die Stipendiaten betreut und zum anderen versucht, Ärztinnen und Ärzte anzuwerben, etwa durch gezielte Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit. Für neue Praxen können beim Landkreis Förderanträge gestellt werden, um eine Unterstützung aus dem Programm „Förderung kleiner Unternehmen“ zu bekommen.
Solche Zuschüsse gibt es auch im Landkreis Aurich – je nach Standort der Praxis bis zu 20.000 Euro. Auch Medizinstudentinnen und -studenten, die ihr Praktisches Jahr in hausärztlichen Praxen oder ihre Weiterbildung zum Facharzt im Landkreis absolvieren, erhalten eine finanzielle Unterstützung. Darüber hinaus engagiert sich der Landkreis Aurich – unter anderem zusammen mit der Stadt Emden – im Verein Gesundes Ostfriesland. Dieser wirbt auch auf Veranstaltungen der Ärztekammer gezielt für eine Niederlassung in Ostfriesland.
Kostenlose Unterkunft für Medizinstudenten im Praktikum
Der Landkreis Wittmund setzt vor allem auf Vernetzung. 2019 wurde die „Gesundheitsregion“ eingerichtet, in der durch eine stärkere Zusammenarbeit regionaler Akteure die medizinische Versorgung verbessert werden soll. Die „Landpartie im Harlingerland“ bietet Praktikumsplätze für Medizinstudenten an. Sie ist ein gemeinsames Projekt von Hausärzten, dem Landkreis Wittmund sowie der Abteilung Allgemeinmedizin an der Uni Oldenburg. Neben einer kostenfreien Unterkunft für die Studenten gehören fachliche Exkursionen zu regionalen Partnern der Gesundheitsversorgung sowie gemeinsame Freizeitaktivitäten zum Programm. „Ziel ist es, den Studierenden Einblicke in das Leben und Arbeiten als Hausärztin oder Hausarzt in einer ländlichen Region zu geben und so langfristig Ärztinnen und Ärzte für den Landkreis zu gewinnen“, teilt Pressesprecher Ralf Klöker mit.
„Ostfriesland ist nicht per se abgehängt“
Und obwohl den Medizinern in Ostfriesland quasi der rote Teppich ausgerollt wird, lassen sich in der Region immer noch viel zu wenig Ärzte nieder. Krott sieht darin aber kein spezifisch ostfriesisches Problem. „Es fehlt ja nicht nur landesweit sondern auch bundesweit an Ärzten. In Niedersachsen ist kaum noch eine Region gut versorgt“, weiß er. Es gebe in Summe einfach zu wenig Mediziner, nötige Studienplätze fehlten. Die Landkreise Leer und Aurich setzen sich deshalb auch für eine Aufstockung der Medizinstudienplätze an der Uni Oldenburg ein. Mit dem Start des Wintersemesters 2026/2027 werden diese von derzeit 120 auf 200 pro Jahr erhöht.
Dass es Haus- und Fachärzte öfter in die Städte ziehe, weil dort der Anteil an Privatpatienten größer sei, hält Krott für eher unwahrscheinlich. „Der Großteil der Patienten ist gesetzlich versichert. 95 Prozent des Umsatzes einer Praxis kommt aus den gesetzlichen Krankenversicherungen“, rechnet er vor.
Ostfriesland sei nicht per se abgehängt, betont Krott. Es gebe auch immer wieder Mediziner, die eher von der Stadt aufs Land umziehen wollten.
„Seit etwa 2010 wirbt die KVN um Ärzte für den ländlichen Raum. Die Ausschreibungen werden monatlich veröffentlicht, die KVN bietet eine Praxisbörse an und vermittelt auch die Weiterbildungen.“ Leider kämen bisher trotzdem nicht genügend Hausärzte nach Ostfriesland, so Krott, „aber wer weiß, wie es ohne all diese Bemühungen in der Region aussähe“.