Hamburg  Pistorius und der Bundeswehr-Nachwuchs: Komm her, sonst hol ich dich

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 09.07.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Boris Pistorius lässt beim neuen Wehrdienst zurecht ein Pflicht-Hintertürchen offen. Foto: Tobias Schwarz/afp
Boris Pistorius lässt beim neuen Wehrdienst zurecht ein Pflicht-Hintertürchen offen. Foto: Tobias Schwarz/afp
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Die Bundeswehr setzt beim Wehrdienst auf Freiwilligkeit und mehr Geld. Die Wehrpflicht bleibt das Drohszenario im Hintergrund. Die Jungen alleine werden die Truppe aber nicht retten.

Beim neuen Wehrdienst setzt Boris Pistorius (SPD) vor allem auf Verführung: Rund 2000 Euro monatliches Gehalt samt Verpflegung und Unterkunft für eine Art sechs Monate langes Schnupperpraktikum sollen Rekruten bekommen. Länger wird die erste Phase des Grundwehrdienstes nicht gehen.

2000 Euro netto für einen ungelernten Schulabgänger! Kein schlechtes Angebot. Dazu kommt eine ganz neue Willkommenskultur für die jungen Rekruten, erste Einblicke in der Lieblings-Teilstreitkraft und bestenfalls alles außer Langeweile. Was aktuell zum neuen Wehrdienst durchsickert, zeigt: Mit allen Mitteln will der Verteidigungsminister den Nachwuchs zur Bundeswehr locken. Rund 100.000 junge Menschen bis 2029.

Das Signal in Richtung Nachwuchs ist: Nimm das Zuckerbrot der Freiwilligkeit, sonst kommt die Peitsche der Pflicht. Nur so kann es gehen. Eine direkte Pflicht wäre wegen fehlender Ausbilder und Unterkünfte nicht nur sinnlos, sondern auch nervenaufreibend. Es drohen weitere innerparteiliche Konflikte der SPD und Klagen vonseiten unfreiwillig Eingezogener. Ein rein freiwilliger Wehrdienst ohne Plan B wäre ob der Personalnot jedoch verantwortungslos.

Kriegt Pistorius sein „Wehrpflicht-nur-wenn-es-sein-muss“-Gesetz durch, ist das Personalproblem aber lange nicht gelöst. Die 18-Jährigen können die Bundeswehr alleine nicht retten. Der Nachwuchs stärkt vor allem die Reserve und den Heimatschutz. Mit Glück bleiben welche in der aktiven Truppe hängen. Aber die Lücke in der durchaus gealterten Bundeswehr, bei der jedes Jahr auch noch Tausende Soldaten ausscheiden, füllen sie nicht.

Will die Bundeswehr wirklich schlagkräftiger werden, braucht es noch ganz andere Maßnahmen, auch bei der Truppe selbst. Viel zu viele Soldaten sitzen immer noch auf Verwaltungsposten. Die Verzahnung zwischen Bundeswehr und freier Wirtschaft ist ausbaufähig. Attraktiv wäre ein Dienst, bei dem Soldaten weit unkomplizierter zwischen Kaserne und Arbeitsplatz hin und her wechseln dürfen und nicht dauerhaft bei der Truppe festhängen. So etwas würde dem Beruf echte Attraktivität verleihen. Fast so viel wie 2000 Euro im Monat als Einstiegsgehalt in der „Probezeit“.

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