Ehrenamt in Aurich Zum 20. Geburtstag steigt die Zahl der Hilfesuchenden
Der Vorsitzende der Arbeitsloseninitiative Aurich hat eine schlechte Prognose: Die Zahl der Beratungen scheint sich gegenüber 2023 zu verdoppeln.
Aurich - Eigentlich ist es ein freudiges Zusammenkommen: Die Arbeitsloseninitiative Aurich (AIA) hat am Samstag. 5. Juli 2025, ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Doch beunruhigend ist eine Entwicklung, die der Vorsitzende Johann Erdwiens festgestellt hat: Nachdem 2024 insgesamt 800 Beratungen der AIA durchgeführt worden sind, ist diese Zahl für 2025 bereits jetzt, zum Halbjahr, überschritten. Mit rund 1400 Beratungen rechnet Erdwiens in diesem Jahr. Damit hätte sich die Menge gegenüber den rund 700 Fällen im Jahr 2023 verdoppelt.
Relativierend für die aktuellen Zahlen ist jedoch die Menge der Beratungen durch die AIA über die gesamte Zeit. In den vergangenen 20 Jahren gab es beinahe 40.000 Beratungen, so Erdwiens. Im Schnitt sind das beinahe 2000 pro Jahr, also noch immer 600 mehr als in diesem Jahr erwartet.
Erdwiens ist stolz auf die überstandene Zeit. Er selbst ist berufsunfähig und alleinerziehend. „Aber zu Hause sitzen ist mir zu blöd“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Zeit, die er wegen seiner Berufsunfähigkeit hat, nutzt er seit 19 Jahren und sechs Monaten, um anderen zu helfen.
Die Hilfe zur Selbsthilfe
Es gehe bei der AIA im Grunde darum, den Menschen mit Formularen und Bürokratie zu helfen, erklärt Erdwiens. Dazu gehöre auch, mit zu Sachbearbeitern zu gehen, wenn die Menschen dort bereits schlechte Erfahrungen gemacht hätten, sagt er. „Für so ein Formular braucht man schon mal 45 Minuten. Denn ich fülle es mit den Menschen aus, damit sie es beim nächsten Mal selbst verstehen“, erklärt der Südbrookmerlander.
Es bringe nichts, die Arbeit für die Antragsteller zu machen. Ziel der AIA sei es, dass diese lernen, sich selbst in dem Wirrwarr aus Formularen zurechtzufinden. Häufig müsse Erdwiens Fehler von Sachbearbeitern wieder ausbügeln, sagt er. „Obwohl die das doch eigentlich können müssten.“
Würde und Teilhabe am sozialen Leben
Für Bürgermeister Horst Feddermann und Landrat Olaf Meinen kam Aurichs stellvertretende Bürgermeisterin und Landrätin Antje Harms zu der Feier. An der Arbeitsloseninitiative Aurich sehe man, dass „Hilfe kein leeres Versprechen“ sei. Auch sie erkenne, dass der Kern der AIA die Hilfe zur Selbsthilfe sei. Die Mitarbeiter der AIA verteidigten die Würde der Menschen und ermöglichten ihnen Teilhabe am sozialen Leben, lobte Harms. Es seien alle Menschen willkommen. Unabhängig von ihrer Herkunft. Und auch diese Positionierung sei bei den derzeitigen politischen Geschehnissen ein wichtiges und mutiges Zeichen. „Machen Sie weiter so“, ermutigte Harms die AIA-Mitarbeiter zum Vereinsgeburtstag.
Unterstützung im ganzen Landkreis
Dass nicht nur Auricher bei der AIA Unterstützung suchen, verdeutlichte die stellvertretende Norder Bürgermeisterin Dr. Kerstin Weinbach. Es sei toll, dass die Menschen dank der AIA nicht alleingelassen würden. Denn auch für die Norder sei die Hilfe von großer Bedeutung. „Ich sage einfach mal danke aus der Ferne.“
„Wir sind in Ostfriesland. Und als Radfahrer weiß ich: Wo es Rückenwind gibt, gibt es auch immer Gegenwind. Und bei euch ist das leider nicht anders“, sagte Stefan Kleinert (Südbrookmerland). Denn die Finanzierung der AIA bestehe ausschließlich aus Spenden. Keine Kommune, weder die Stadt noch der Landkreis würden an dieser Stelle finanziell unterstützen. Die Behörden und Gremien würden sich immer irgendwie rausreden. „Eigentlich ist das nicht unsere Zuständigkeit. Eigentlich haben wir dafür kein Geld. Eigentlich sind die ja aber in Aurich“, seien die Ausreden. Das kenne er auch aus Südbrookmerland, wo die AIA konkret um Unterstützung gebeten hatte. Jedoch hätten auch dort die Entscheidungsträger sich zu keiner Hilfe durchringen können. Immerhin konnten Johann Erdwiens und seine Kollegen sich an ihrem 20. Geburtstag über einige Gutscheine vom Kreis, der Stadt und auch von Stefan Kleinert selbst freuen.