Reittherapie in Ihlow  Wie eine Ihlowerin um Unterstützung für Pflegekinder ringt

| | 08.07.2025 08:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Inga Damm mit ihrer Kaltblutstute „Anni“. Foto. Romuald Banik
Inga Damm mit ihrer Kaltblutstute „Anni“. Foto. Romuald Banik
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Inga Damm aus Riepsterhammrich kämpft seit Monaten darum, dass auch Pflegekinder mit seelischem Gepäck auf dem Pferd zur Ruhe kommen können. Warum dabei die Bürokratie das größte Hindernis ist.

Ihlow - Wenn Kinder oder Erwachsene sich aufs Pferd setzen, passiert in dem Moment etwas ganz Besonderes. Inga Damm aus Riepsterhammrich kann es selbst nur versuchen, zu umschreiben. Aber sie sieht es täglich bei ihrer Arbeit. Ihr gehört das „RRCO (Reittherapie, Reitschule, Coaching Ostfriesland) by Inga Damm“ am Rande der Gemeinde Ihlow. Mit Reittherapie, tiergestützte Intervention mit dem Medium Pferd, Reitunterricht, Ponykindergarten und vielen Angeboten mehr, hat sie sich zum Ziel gesetzt, dass vor allem die Kinder mit einem Lächeln vom Hof gehen. Vor allem im therapeutischen Bereich, kommen oft Kinder und auch junge Erwachsene, die so einiges an emotionalen oder psychosozialen Belastungen mit sich herumtragen. Deswegen setzt sich die Hammricherin dafür ein, dass sie auch mehr Pflegekindern Unterstützung anbieten kann. Doch der Weg dahin ist bislang ein stetiges Verhandeln mit Behörden und eine Menge Papierkram. Seit zwei Jahren ringt sie um Unterstützung von Behördenseite, jetzt gibt es ein zaghaftes Entgegenkommen. Im Gespräch mit der Redaktion verrät Inga Damm, warum für sie die Arbeit mit den Pferden so wichtig ist, aber die bürokratische Seite der Arbeit so mühselig läuft.

Das Gleichgewicht zu halten und das spielerisch mit Ringen in der Hand, lernen die Kinder, wie etwa hier mit dem Pony „Luke“ unter Anleitung von Kim Rohlfs. Foto: Romuald Banik
Das Gleichgewicht zu halten und das spielerisch mit Ringen in der Hand, lernen die Kinder, wie etwa hier mit dem Pony „Luke“ unter Anleitung von Kim Rohlfs. Foto: Romuald Banik

Körperspannung, Wahrnehmung, Selbstvertrauen: Das sind die Dinge, die durch die Arbeit mit dem Pferd unter anderem geschult werden. Das erlebt Inga Damm nicht nur bei der Reittherapie oder der tiergestützten Intervention. Und natürlich soll es Spaß machen: „Die Kinder sollen mit einem besseren Gefühl nach Hause gehen“, sagt Inga Damm. Zu ihr kommen teilweise Kinder, die etwa ADHS, Ängste haben oder durch traumatische Erlebnisse geprägt sind. Es gibt viele Bilder, die durch eine Form der Reittherapie begleitet werden können. Panikattacken oder auch Bettnässen sind nur einige der Themen, die die Kinder im Gepäck haben. Im Umgang mit dem Pferd können sich die Verhaltensweisen verändern. In der Regel hat die Hammricherin die Erfahrung gemacht, je früher die Kinder kommen, desto besser könne sie ihnen helfen. Deswegen setzt sich Damm dafür ein, dass auch Pflegekinder zu ihr kommen können. Die Betreuer könnten etwa für die Pflegekinder Anträge auf die sogenannte „Tiergestützte Intervention mit dem Medium Pferd für das Pflegekinderwesen oder der Eingliederungshilfe“ stellen. Denn solch eine Form der Unterstützung wird nicht von den Krankenkassen getragen, sondern von Jugendämtern. Dafür müssen aber die zuständigen Behörden, etwa die Landkreise und Städte auch ihr Okay geben.

Bürokratischer Hindernisparcours

Wie ein nicht enden wollender Hindernisparcours fühlt sich das an. Oder wie Damm es ausdrückt: „Es fühlt sich an wie das Warten auf eine Baugenehmigung.“ Nach monatelangem Hin und Her und einer Menge Papierkram hat Inga Damm einen ersten kleinen Erfolg erringen können. Der Landkreis Aurich trägt die Kosten über eine Leistungsvereinbarung. Aber die Errungenschaft hat eine Einschränkung: Es gilt nur für Pflegekinder, die eine schwere traumatische Vergangenheit hinter sich hätten oder unter den Auswirkungen des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) leiden. Das betreffe nur einen kleinen Kreis der Pflegekinder. Damm würde gern mehr Kindern den Zugang zum Pferd ermöglichen und sei deshalb auch mit weiteren Städten und Landkreisen im Gespräch. Sie hofft, dass das Signal aus Aurich auch auf andere Kommunen ausstrahle.

Pferd und Therapie – viele Begriffe

Rund um das Pferd gibt es verschiedene Begriffe, die alle unterschiedliche Nuancen aufweisen. So gibt es etwa die Reittherapie, die eben bei Menschen mit psycho-emotionalen Störungen eingesetzt werden kann.

Zu unterscheiden ist dies deutlich von der Hippotherapie. Die richtet sich etwa an Menschen mit körperlichen Behinderungen und wird nicht von Damm, aber anderen Therapiezentren in der Region angeboten. In der Hippotherapie müssen die Anbieter auch eine entsprechende medizinische Vorbildung nachweisen, etwa Physiotherapie.

Reitpädagogik setzt dann bei Kindern an, die spielerisch im Umgang mit dem Pferd Teamfähigkeit, fein- und Grobmotorik, Gleichgewichtssinn und Achtsamkeit lernen können, etwa beim Pony-Kindergarten.

Heilpädagogisches Reiten gibt es ebenfalls und kann etwa hauptsächlich bei Kindern, zum Beispiel bei Angststörungen oder Konzentrationsstörungen angewandt werden. In solchen Fällen gibt es auch die Möglichkeit der Entspannungstherapie mit dem Pferd, etwa mit einer Gewichtsdecke auf dem Pferd liegen und einer Geschichte lauschen.

Schon bei den kleinen Kindern, etwa in der Reitpädagogik im Pony-Kindergarten oder die Jüngsten, die sie im Bambinikurs ans Pferd heranführt, erlebt sie, wie sehr sich die Kinder teilweise verändern, sobald sie im Kontakt mit den Ponys sind.

Gegenseitiges Unterstützen bei den Aufgaben, etwa einen Würfel hochreichen, gehört bei der Arbeit mit den Ponys dazu. Mit dem Würfel wird die nächste Aufgabe vom Pony aus erwürfelt. Foto: Romuald Banik
Gegenseitiges Unterstützen bei den Aufgaben, etwa einen Würfel hochreichen, gehört bei der Arbeit mit den Ponys dazu. Mit dem Würfel wird die nächste Aufgabe vom Pony aus erwürfelt. Foto: Romuald Banik
Etwa im Bambinikurs, wo schon Zwei- bis Vierjährige an die Tiere herangeführt werden. Nach dem vergangenen Kurs meldete sich etwa eine Mutter bei Damm, die sagte, ihr zweieinhalb Jahre altes Kind habe nach dem Kurs angefangen zu sprechen. Damm ist die Freude über solche Rückmeldungen anzumerken und auch so hat sie schon viele Erfahrungen mit Kindern gemacht, die als Selbstzahler durch die Reittherapie wieder gefestigter waren und etwa in den normalen Reitunterricht wechseln konnten. Das hängt natürlich von den Kindern ab.
Teamarbeit ist unter den Kindern gefragt, etwa wenn Pony „Johnny“ lieber stehenbleiben will, statt weiterzulaufen. Foto: Romuald Banik
Teamarbeit ist unter den Kindern gefragt, etwa wenn Pony „Johnny“ lieber stehenbleiben will, statt weiterzulaufen. Foto: Romuald Banik
„Einen Zauberstab habe ich nicht“, sagt Damm. Aber sie weiß um die Wirkung ihrer Pferde und Ponys. Selbst Erwachsene kommen zu ihr, etwa nach Burn-out oder auch nach Magen-Bypass-Operationen betreut sie. Dafür hat sie auch extra zwei größere Pferde im Stall. Warum genau gerade Pferde und Ponys eine so besondere Auswirkung auf Menschen haben, kann sie selbst nicht in Worte fassen, aber sie weiß es aus ihrer täglichen Arbeit. Und wer einmal zu Besuch im Stall ist und sieht wie die Kinder plötzlich zusammenarbeiten, um das Pferd schick zu machen, oder mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf dem Ponyrücken sitzen, der kann erahnen, warum Damm dieses Gefühl auch Pflegekindern gerne vermitteln möchte.

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