Berlin Donna Leon: „Tarantino kann nur für sich selbst sprechen“
Lässt Kreativität im Alter nach? Donna Leon widerspricht Quentin Tarantinos Skepsis gegenüber Alterswerken und legt offen, welche Probleme sie selbst mit dem Alter hat. Außerdem erzählt die 82-Jährige sehr lustig, wie und warum sie so oft weint. Die Bestseller-Autorin im Interview.
Seit Donna Leon 50 Jahre alt ist, schreibt sie Jahr um Jahr einen neuen Fall für Commissario Brunetti. Die Bücher werden regelmäßig Bestseller, auch als TV-Krimi ist die Reihe ein Erfolg. In ihrem neuen Buch „Backstage“ gibt sie jetzt Einblicke in ihr Handwerk. Wir nutzen die Gelegenheit für ein Gespräch über all die Kniffe, Tricks und Routinen, mit denen sie aus einer Idee ein gutes Buch macht.
Frage: Frau Leon, ist Schreiben ein Handwerk, das man lernen kann?
Antwort: Schriftstellersein kann man nicht lernen. Was einen interessiert, merkt man schon als Teenager, vielleicht sogar früher – ob man nun gerne Basketball spielt oder tanzt oder ob ein guter Klempner in einem steckt. Beim Schreiben merkt man es vielleicht an einer Liebe für Sprachspiele, Gags und Doppeldeutigkeiten, einfach für Wörter. Der Impuls muss da sein. Was man lernen kann, ist gut und effektiv zu schreiben.
Frage: Dazu gehört, gute von schlechten Ideen zu unterscheiden. Wie machen Sie das?
Antwort: Beim Krimi fangen die meisten mit dem Verbrechen an. In meinen Schreibkursen habe ich immer empfohlen: Erzählt einfach die Geschichte. Man merkt, was am spannendsten ist. Das sagt einem eine innere Stimme: Die Ehefrau ist als Täterin uninteressant. Der Bibliothekar wäre besser. Man braucht Instinkt, und den trainiert man beim Lesen. Wer ein Autor werden will, muss lesen. Je mehr, je ausschweifender und je ernsthafter, desto leichter fällt das Schreiben.
Frage: Hatten Sie jemals eine brillante Idee, die trotzdem nicht funktioniert hat?
Antwort: Nein, ich bin ein Glückspilz.
Frage: Welchen Autor empfehlen Sie, wenn man lernen will, einen Krimi-Plot zu entwickeln?
Antwort: Vielleicht hilft es da, Dashiell Hammett zu lesen – gerade, weil er jemand ist, der das überhaupt nicht kann. Er schreibt wundervoll. Aber seine Plots sind ziemlich chaotisch.
Frage: Wer ist ein Vorbild für schöne Sprache?
Antwort: Besonders bewundere ich Ross MacDonald. Er beschreibt immer und immer wieder das, was man in der Branche „the girl in jep“ nennt, das Mädchen in Schwierigkeiten. Sein Detektiv kriegt es ständig mit verwirrten, problematischen, jungen Frauen zu tun – und zwar richtig jungen: 16, 17 oder 18. Das aber macht Ross MacDonald in einer herrlichen Prosa. Er beschreibt ungeheuer gut, wie Leute oder Räume aussehen – was mir schwerfällt. Wenn er sich ein anderes Genre als Krimis ausgesucht hätte, wäre das sicher genauso hervorragend geworden.
Frage: Wer erfindet die besten Schurken?
Antwort: Ruth Rendell. Ganz egal, welche Bestenliste Sie angucken – am Ende blinzelt immer sie um die Ecke. Sie ist eine fabelhafte Autorin und wunderbar darin, schlechte Menschen zu produzieren. Ihr Instinkt für das Böse gleicht dem von Hunden. Wie ein Fährtenhund wittert sie den flüchtigen Mörder über Kilometer hinweg. Ihre Nase für böse Menschen macht einem Angst. Sie taucht so tief in die Verbrecher ein, dass man sie genau begreift. Und dass man sie begreift, macht alles noch schrecklicher.
Frage: Mit Ruth Rendell waren Sie auch befreundet. Haben Sie sie je gefragt, woher ihr Sinn fürs Böse kommt?
Antwort: Ich würde mit Kollegen nie über den Beruf sprechen. Wenn sie dann eine brillante Idee formuliert hätte, eine, die womöglich auch noch leicht umzusetzen wäre, dann müsste ich mein restliches Leben damit verbringen, diesen Einfall zu umschiffen. Weil ich ihn von jemand anderem gehört habe. Ruth und ich haben über Musik gesprochen.
Frage: Von Harold Bloom gibt es das Konzept der „Einflussangst“. Er unterscheidet Autoren nach den unterschiedlichen Methoden, mit denen sie auf den Einfluss ihrer Vorbilder reagieren. Steckt das bei Ihnen dahinter?
Antwort: Es ist viel einfacher: Man klaut keine Ideen. Ich bin sowieso keine sehr vernetzte Autorin. Ich kenne Richard Powers. Ich kenne Harry Sidebottom, der historische Romane schreibt. Wenn ich da klauen würde, wäre offensichtlich, woher die Idee kommt. Aber vor allem klaut man einfach nicht.
Frage: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie fleißig der von Ihnen bewunderte Komponist Georg Friedrich Händel geklaut hat.
Antwort: Mister Händel darf so viel klauen, wie er will – ich werde immer seine Tugend preisen. Er hat im 18. Jahrhundert komponiert. Da haben alle geklaut. Er hat sich auch bei sich selbst bedient. Die Ouvertüre von „Agrippina“ zum Beispiel hat er 15 Jahre später in einer anderen Oper wiederverwendet. Was mich betrifft, darf Händel sich alles rausnehmen.
Frage: Wenn Sie den Rat von Kollegen vermeiden – welche Kritiker helfen dann bei Ihrer Arbeit? Man braucht doch jemanden, der einem Irrtümer ausredet.
Antwort: Ich habe zwei solcher Kritikerinnen, eine macht das beruflich. Das ist meine Lektorin bei Diogenes. Mein neues Buch ist ihr gewidmet. In ihrer Hingabe findet sie noch den kleinsten meiner Fehler. Die andere ist meine beste Freundin, die – sehr unbequem – in Kanada lebt: Judith Flanders, eine bekannte Historikerin, die auch Kritiken für das „Times Literary Supplement“ schreibt. Wenn ich etwas für gut halte, schicke ich es Judith. Wir sind seit Ewigkeiten befreundet, aber ihre Treue gilt immer erst der Prosa. Wenn etwas schlecht ist, sagt sie es. Höflich, aber es sitzt. So jemanden brauchen Sie, wenn Sie schreiben wollen: Menschen, denen Sie trauen und deren Urteil Sie nicht verletzt.
Frage: Sind Sie leicht zu verletzen?
Antwort: Es ist schwer, etwas kritisiert zu sehen, das man mit Liebe gemacht hat. Aber es ist notwendig. Es ist wie beim Klempner. Wenn der Ihnen sagt, dass Ihr Waschbecken ausgetauscht werden muss, fangen Sie auch nicht an zu diskutieren. Die wahren Freunde von Schriftstellern sind Klempner. Sie sehen, wo es tropft. Ich freue mich immer auf Judiths Reaktion. Weil ich schlampig bin. Wie bei allen Autoren sind meine ersten Fassungen voller Fehler. Sie findet sie. Beim Verlag kann ich dann ein Manuskript abgeben, in dem die gröbsten Pannen behoben sind.
Frage: Aus Ihrem Buch weiß ich, dass es eine Korrespondenz zwischen Ihnen und Ruth Rendell gibt. Wenn zwei Autorinnen Briefe schreiben – haben Sie dann automatisch den Gedanken an eine Publikation und die Nachwelt im Kopf? Und hemmt das den privaten Austausch?
Antwort: Überhaupt nicht. Ruth ist vor zehn Jahren gestorben und ich weiß nicht mal, wo die Briefe sind. Ich bin so oft umgezogen und habe dabei mehrfach den Kontinent gewechselt. Ich habe keine Ahnung, wo der ganze Kram jetzt ist. In Gottes Hand, denke ich mal.
Frage: Viele Autoren waren Alkoholiker. Helfen Rauschmittel der Kreativität?
Antwort: Keine Ahnung. Ich trinke nicht. Ich glaube, meinen letzten Drink hatte ich, als ich … – na, wahrscheinlich an der Uni. Da macht man sowas ja. Am Ende mochte ich es nicht, also habe ich aufgehört. Mein Suchtmittel ist Kaffee, der hat weniger schwere Nebenwirkungen. Trinken scheint ein Laster oder, sagen wir mal, ein Verhaltensmuster zu sein, für das Autoren anfällig sind. Faulkner war ein hoffnungsloser Alkoholiker, der bis zum Umfallen getrunken hat. Coleridge war drogenabhängig, lange bevor es modern war. Es ist wahrscheinlich verlockend. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es mit dem Schreiben zusammenhängt. Wahrscheinlich ist der Alkoholikeranteil unter Klempnern genauso groß wie unter Schriftstellern.
Frage: Frau Leon, spielt der nächste Brunetti im Handwerker-Milieu? Sie zitieren die ganze Zeit Klempner.
Antwort: Klempner sind mein Beispiel für die Macht des Unverzichtbaren. Viele Leute halten Elektriker für wichtig, aber da sage ich: Ohne Licht kann man leben. Was man wirklich braucht, ist ein Klempner. Wenn ich wählen sollte, ob ich Kabel reparieren kann oder den Sanitärbereich, dann würde ich mich immer fürs Klempnern entscheiden.
Frage: Brauchen Sie für die Arbeit bestimmte Materialien? Nutzen Sie bestimmte Notizbücher oder den immer gleichen Stift? Und halten Sie feste Bürozeiten ein? Wie wichtig ist äußere Ordnung fürs Schreiben?
Antwort: Ich bin nicht preziös. Manche Leute können nur Drei-Minuten-Eier essen und trinken immer aus derselben Tasse – ich nicht. Was die Zeiten angeht: Normalerweise fange ich gegen 10 Uhr mit dem Schreiben an und arbeite dann bis nachmittags, vielleicht so bis vier oder fünf. Aber es kommt immer drauf an. Ich reise viel. Gerade habe ich mir in Dortmund Händels „Jephta“ angehört, was sehr, sehr gut war. Morgen bin ich wegen „Stabat Mater“ in Genf. Danach fahre ich nach England für ein Podiumsgespräch mit Anna Bonitatibus, einer sehr guten Mezzo-Sopranistin, und der Pianistin Angela Hewitt. Von der Sache in Genf habe ich gestern erst erfahren und morgen ist es schon – aber ich muss da einfach hin. Wegen solcher Geschichten kann ich keine Schreibzeiten einhalten. Für mich gibt’s keine Routine.
Frage: Wenn Sie über die Oper schreiben, betonen Sie Ihre Lust an den aufgepeitschten Gefühlen.
Antwort: Ich bin eine Tränenfontäne. Es gibt eine ganze Reihe von Opern, nach denen ich ein einziges klitschnasses Taschentuch bin, so viel weine ich. Das passiert sogar in Opern, die ich nicht mal besonders mag – in „Tosca“ zum Beispiel. Die Musik verleitet mich dazu. Mit Romanen geht das auch. In Dickens‘ „Great Expectations“ stirbt am Ende Magwitch, der Mann, der die ganze Zeit gütig zum Helden Pip gewesen ist. Sie ziehen ihn aus dem schmutzigen Wasser, er liegt auf dem Boden und erblickt noch einmal den Jungen, für den er sein Leben riskiert hat. Pip beugt sich über ihn, Magwitch sagt: „Oh, mein lieber Junge“ – und es sprudelt aus mir heraus. Ich weine nicht, ich flenne – egal, wie oft ich das gelesen habe. Am Ende von Edith Whartons „House of Mirth“ ist es genauso: Die Heldin nimmt eine Überdosis und der Mann, den sie liebte und der sie liebt, kommt zu spät. Auch das dreht bei mir augenblicklich den Wasserhahn auf.
Frage: Ist das etwas, dass Sie beim Schreiben selbst evozieren wollen?
Antwort: Nein, nein, nein, nein! Wenn ich irgendwas im Sinn habe, dann die Vorstellungskraft der Leser anzuregen. Ich habe ein gutes Beispiel parat: In einem meiner Bücher geht Brunetti in ein Schlachthaus, zieht einen Schutzanzug an, hört die Geräusche von Hunderten Kühen und im Boden sind Gitter, damit abfließen kann, was immer die Tiere beim Schlachten von sich geben. Sehr viele Leute haben mir daraufhin geschrieben, wie entsetzlich und abstoßend sie die Schlachthausszene fanden. Und jedem antworte ich: Lies das bei Gelegenheit noch mal. Es wird kein Tropfen Blut erwähnt. Es gibt keine Gewalt. Das ist für mich eine sehr geglückte Szene. Die Leser werden von einem Horror umgeworfen, der nie beschrieben wird. Sie haben sich das Grauen selbst vorgestellt. Das zu können, finde ich toll: Leute etwas sehen lassen, das nicht da ist.
Frage: Ich habe mal ein Zeitungsprojekt für Schüler geleitet, von dem wir uns einen jungen Ton im Blatt erhofft hatten. Tatsächlich haben die Schüler dann eher bieder geschrieben. Warum klingen junge Autoren nicht automatisch jung?
Antwort: Sie hätten die Schüler Texte lesen lassen sollen, die richtig klingen. Und ihnen dazu sagen: Klingt nicht wie 19, klingt lieber wie 40. Das ist ein anständiges Alter. Da hat man noch ein paar der Hoffnungen der Jugend, peilt aber schon eine mehr oder weniger hoffnungslose Zukunft an. 40 ist ein Alter mit einem guten Klang. Wenn man 40 ist, schwingt beides mit: Erfolg und Niederlage.
Frage: Tarantino will keine Filme mehr drehen, weil er glaubt, dass die kreativsten Jahre mit 60 vorbei sind. Was antworten Sie darauf?
Antwort: Er kann ja nur für sich selbst sprechen. Es ist seine Erfahrung. Milton war um die 60, als er „Paradise Lost“ geschrieben hat. Shakespeare hat die Sonette am Ende seines Lebens geschrieben. Es kommt auf die Ausdauer an: Wie lange halten wir durch mit dem, was wir tun? Ich glaube aber auch, dass es im Alter schwerer wird. Wenn man Kapitel 9 schreibt, dann das zehnte und das elfte bezieht sich dann auf irgendwas, das am Anfang passiert, dann muss man auf einmal zurückblättern. Vor dreißig, vor zwanzig oder sogar noch vor zehn Jahren hatte ich das Buch im Kopf. Das ist etwas beunruhigend.
Frage: Sie selbst haben das Schreiben ja überhaupt erst mit 50 angefangen.
Antwort: Stimmt. Ich war ein Spätzünder. Und ich glaube, Leute mit einem guten Gedächtnis können lange weitermachen.
Frage: Sie erwähnen in Ihrem Buch einen Schreibkurs, aus dem später eher ein Lesezirkel wurde. Hat jemals eine Ihrer Schülerinnen ein eigenes Buch geschrieben?
Antwort: Nicht, dass ich wüsste. Aber ein anderer Kurs, ein ganz früher von mir, hat zwei Autorinnen hervorgebracht, die in Spanien immer noch ihre Krimis schreiben.