Osnabrück  Terre-des-Hommes-Chef: „Nur wenn es der Welt gut geht, geht es uns auch in Deutschland gut“

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 03.07.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Palestinian children queue up for food at a distribution point in Nuseirat, in the central Gaza Strip, on June 11, 2025. Israel has faced growing condemnation over the humanitarian crisis in the war-ravaged Gaza Strip, where the United Nations has warned the entire population faces the risk of famine after no aid was allowed to enter for more than two months. (Photo by Eyad BABA / AFP) Foto: AFP/EYAD BABA
Palestinian children queue up for food at a distribution point in Nuseirat, in the central Gaza Strip, on June 11, 2025. Israel has faced growing condemnation over the humanitarian crisis in the war-ravaged Gaza Strip, where the United Nations has warned the entire population faces the risk of famine after no aid was allowed to enter for more than two months. (Photo by Eyad BABA / AFP) Foto: AFP/EYAD BABA
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Joshua Hofert, Vorstandssprecher von Terre des Hommes, warnt vor einem Rückzug bei der Entwicklungshilfe. Kinder leiden, Konflikte nehmen zu – dies zu ignorieren, sei fatal. Hofert findet: An der Entwicklungshilfe darf nicht gespart werden. Aus Fehlern der Vergangenheit habe man gelernt.

Die Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes hat die Bundesregierung in der Diskussion um Verteidigungsausgaben und Nato-Ziele für einen unverhältnismäßigen Fokus auf das militärische Budget kritisiert. In einem Interview mit NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert sagte Vorstandssprecher Joshua Hofert, „wer globale Sicherheit anstrebt, wer eine regelbasierte globale Ordnung anstrebt, der darf nicht nur an Rüstung denken, sondern darf auch an humanitären Aufgaben nicht sparen“. Dies aber habe die Bundesregierung angekündigt, warf Hofert Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seinem Kabinett vor.

Mit Blick auf Staaten wie die USA, die Niederlande und Großbritannien, die ihre Hilfsausgaben auch unter Hinweis auf Fehlanreize und mangelnde Wirksamkeit zuletzt drastisch gesenkt hatten, warnte Hofert, „Deutschland sollte die Fehler anderer Länder nicht selbst begehen“.

Gleichzeitig gab sich Hofert selbstkritisch. „Mehr und mehr Staaten wenden sich gegen eine westliche Dominanz und grenzen sich vom globalen Norden ab.“ Modern arbeiten Organisationen hätten aber aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. „Ich glaube, dass das traditionelle Bild westlicher Entwicklungshilfe längst überholt ist“, sagte Hofert.  

Das Interview hat folgenden Wortlaut:

Frage: Herr Hofert, die Entwicklungshilfe gerät derzeit auf vielerlei Weise unter Druck. Täuscht das, oder wie erleben Sie es in Ihren Projekten?

Antwort: Uns geht es um Kinder und Jugendliche, und wir sehen, dass gerade sie unter den gegenwärtigen Kriegen und Konflikten in besonderem Maße leiden und Hunger, Ausbeutung und Armut erleben. Das ist bitter, weil Hilfe daher umso nötiger wäre, und Ihre Beschreibung leider zutrifft. 

Frage: Interessanterweise wächst die Skepsis auch in den Ländern selbst, in denen man helfen möchte. Im Sahel, aber auch andernorts, sind Westeuropäer nicht mehr gerne gesehen und wendet man sich anderen Partnern zu. Wie gehen Sie damit um? 

Antwort: Ich kann von vielen Regionen und Projekten berichten, wo wir das Gegenteil erleben. Dort hören wir, dass es Kindern schlechter geht als früher. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind immer noch spürbar, dazu kommen die Folgen von Kriegen und Konflikten und der Klimawandel. Da reden wir nicht über irgendwas, was in der Zukunft geschieht. Schon heute hungern Menschen aufgrund von Dürren und fehlt es an sauberem Trinkwasser. Auf der anderen Seite kann man das, was Sie beschreiben, nicht abstreiten. Mehr und mehr Staaten wenden sich gegen eine westliche Dominanz und grenzen sich vom globalen Norden ab. 

Joshua Hofert auf dem Instagram-Profil der Organisation:

Frage: Wie äußert sich das?

Antwort: Wir sehen eine geopolitische tektonische Plattenverschiebung und das Entstehen einer multipolaren Welt mit verschiedenen einflussreichen Akteuren. In der Entwicklungszusammenarbeit ist das primär China mit seinem vollständig anderen Ansatz, nämlich günstige Krediten für Großprojekte und Infrastruktur zu gewähren und damit eine direkte Abhängigkeit zu schaffen.

Antwort: Ich frage mich dann oft, was kommt wirklich bei den Menschen an? Denn wenn man diese Menschen fragt, hört man, dass sie den Kampf gegen Armut und Hunger herbeisehnen, dass sie eine gute Schulbildung für ihre Kinder anstreben, dass die Ausbeutung enden soll. Für die Rechte dieser Menschen steht Terre des Hommes. 

Frage: Entwicklungshilfe ist immer auch ein Mittel politischer Einflussnahme – wie stehen Sie dazu? 

Antwort: Wir grenzen uns davon ab. Erstens organisatorisch: Terre des Hommes ist überwiegend durch Spenden finanziert und unabhängig von staatlichen Vorgaben. Zweitens stehen wir nicht auf einer politischen oder ideologischen Seite, sondern immer an der Seite der Kinder und der Humanität. Drittens sind wir auch in unseren Projekten unabhängig von der Politik. In Afghanistan zum Beispiel, wo sich die Bundesregierung mit guten Argumenten entschieden hat, nicht mit den Taliban zusammenzuarbeiten, sind wir als eine von sehr wenigen Organisationen weiterhin aktiv.

Frage: Afghanistan ist allerdings gerade ein Beispiel, wo viele gut gemeinte Projekte gescheitert sind.

Antwort: Aber deswegen kann man ja nicht so tun, als gäbe es keinen Grund und keine Möglichkeiten zu helfen. Richtig ist, dass es zu einer ehrlichen Bilanz gehört, auch kritisch auf Fehlschläge und Risiken zu blicken. Nicht alles, was wir tun, nicht alles, was andere Organisationen tun, hat immer funktioniert und wird immer funktionieren.

Antwort: Ich glaube, dass das traditionelle Bild westlicher Entwicklungshilfe längst überholt ist. Nachhaltigkeit entsteht durch Akteure vor Ort. Dann läuft auch nicht immer alles perfekt, aber viele, viele Beispiele bestätigen uns, dass wir wirklich etwas bewirken können.

Frage: Machen Sie doch mal etwas Werbung und stellen ein schillerndes, positive Beispiel heraus?

Antwort: In der Grenzregion von Myanmar und Thailand gibt es eine Gegend, in der Familien in einem quasi rechtlosen Zustand leben. Die Kinder haben keinen Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung, weil sie nicht als Bürger anerkannt sind. Sie leben auf thailändischem Staatsgebiet, aber erhalten nicht einmal einen Pass. Sie leben in Armut, bloß weil sie das Pech hatten, im falschen Fleck der Welt geboren worden zu sein oder vor dem Krieg in Myanmar nach Thailand geflohen sind. 

Antwort: Um zur Schule zu gehen, müssten sie Staatsbürger sein, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, müssten sie Schmiergeld zahlen. Wir konnten ihnen helfen, sodass sie ihre verfassungsmäßigen Rechte erhalten. Was mich besonders erfreut ist, wie diese Kinder die neuen Chancen auch begeistert nutzen. Ich kenne persönlich eine junge Frau, die von dort stammt, mithilfe des Projekts den thailändischen Pass bekam, dann die Schule besuchen konnte, Jura studiert hat und heute selbst den Kindern aus diesen Dörfern hilft. 

Frage: Trotzdem streichen auch westeuropäische Staaten ihre Mittel für solche Projekte oder beschränken sich auf Wirtschaftsförderung. Da sind die Briten, die Niederländer, und auch in Deutschland stand vor der letzten Wahl ein solcher Schritt zur Debatte.

Antwort: Deutschland sollte die Fehler anderer Länder nicht selbst begehen. Die Entwicklung ist schon deswegen schwierig, weil sich die Staaten eigentlich einmal verpflichtet haben, Armut und Hunger bis 2030 zu beseitigen und Ungleichheiten zu bekämpfen. Diese Anstrengungen erlahmen. 

Frage: Aber gelingt das nicht sogar in erheblichem Maße? Ob Wohlstand, Ernährung oder Sterblichkeit, die Indikatoren entwickeln sich weltweit positiv?

Antwort: Für viele Sektoren stimmt das, ein Glück, aber leider nicht für alle, so zum Beispiel bei der Kinderarbeit. Hier sind die Zahlen während der Corona-Pandemie gestiegen, und das ist ein Indikator, der sich bis dahin eigentlich gut entwickelt hatte. Heute müssen weltweit rund 138 Millionen Kinder arbeiten, davon 54 Millionen unter gefährlichen Bedingungen. 

Antwort: Bedenken Sie außerdem den Trend, den Sie selbst benannt haben: Reihenweise ziehen sich Länder zurück, die sich bisher international engagiert und für ärmere Länder eingesetzt haben. Das wird nicht ohne Folgen dafür bleiben, wie es Kindern weltweit geht.

Frage: Wie lauten Ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung?

Antwort: Mit großer Sorge sehen wir vor allem zwei Dinge. Das eine ist der Wechsel von einer wertegeleiteten zu einer interessengeleiteten Entwicklungs- und Außenpolitik. Was diese Interessen genau sind, wird sich zeigen, aber in keinem Fall darf der Wandel auf Kosten der Menschen im globalen Süden und der Menschenrechte gehen. Das Zweite, das uns besorgt, ist das Thema, über das wir eben sprachen.

Antwort: Auch die Bundesregierung hat angekündigt, die Mittel für Entwicklungsfinanzierung zu kürzen. Der letzte Entwurf sah eine Reduzierung der humanitären Hilfe um 50 Prozent vor. Ich halte es für doppelt falsch und schockierend, wenn man weiß, dass derzeit etwa 500 Millionen Kinder in Kriegs- und Krisengebieten leben.

Antwort: Wir fordern die Bundesregierung dringend auf, sich ihrer humanitären Verantwortung zu stellen. Wer globale Sicherheit anstrebt, wer eine regelbasierte globale Ordnung anstrebt, der darf nicht nur an Rüstung denken, sondern darf auch an humanitären Aufgaben nicht sparen. Investitionen in Krisenprävention, in Krisenbewältigung und in Armutsbekämpfung zahlen sich am Ende immer aus. Nur wenn es der Welt gut geht, geht es uns auch in Deutschland gut.

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