Hannover  Meyer Werft: Betriebsratschef Hensen über Krise, Sanierer und Kriegsschiffe aus Papenburg

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 30.06.2025 05:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Es habe einen Zeitpunkt gegeben, sagt Betriebsratschef Andreas Hensen, da habe auch er nicht mehr an die Rettung der Meyer Werft geglaubt. Es kam bekanntlich anders. Im Interview schaut Hensen zurück – auch auf einen heftigen Streit mit Sanierer Ralf Schmitz. Und: Könnte die Werft auch Kriegsschiffe statt Kreuzfahrtschiffe?

Wie steht es um die Meyer Werft in Papenburg? Zuletzt machte das Unternehmen, das der Staat im vergangenen Jahr vor der Insolvenz gerettet hat, mit einem heftigen Streit zwischen Chefetage und Betriebsrat von sich reden. Konnten die Wogen nachhaltig geglättet werden?

Im Interview äußert sich Andreas Hensen, Betriebsratschef der Meyer Werft, zu dem Zoff und wie es weitergeht: nach der Rettung ist vor der Kurzarbeit. Hensen bezieht auch Stellung zu Äußerungen von Sanierer Ralf Schmitz zum Standort Papenburg sowie Überlegungen, künftig in Papenburg Kriegs- statt Kreuzfahrtschiffe zu bauen.

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Frage: Herr Hensen, das waren zuletzt unruhige Tage auf der Meyer Werft. Unternehmensleitung und Betriebsrat sind so heftig aneinandergeraten wie lange nicht. Wie steht es um den Hausfrieden auf der Werft?

Antwort: Wir reden wieder vernünftig miteinander. Es gibt zwar noch einige Streitpunkte, aber ich bin zuversichtlich, dass wir uns da einigen können. Einen Großteil der Themen haben wir auch erfolgreich und im Sinne der Belegschaft abgeräumt, etwa die Kameraüberwachung oder die betriebsbedingten Kündigungen, die noch im Raum standen.

Frage: Warum hatte es sich denn so sehr verhakt?

Antwort: Wir wollten die betriebsbedingten Kündigungen mit aller Macht vom Tisch haben. Aus unserer Sicht waren sie nicht mehr notwendig. Dem Betriebsrat war wichtig, der Belegschaft hier die Gewissheit zu geben, dass ihre Jobs sicher sind.

Frage: Und die Kameras? Es ist doch sicher auch im Sinne der Belegschaft, wenn Diebstahl eingedämmt oder Versicherungsprämie eingespart werden kann.

Antwort: Ja sicher. Aber da musste klar sein, dass der Datenschutz gewahrt und über die Kameras keine Leistungskontrolle stattfindet. Stellen Sie sich vor, ihr Arbeitgeber hängt eine Kamera über Ihrem Arbeitsplatz auf … die Sensibilität war auf der Gegenseite anfangs nicht da. Gut, dass der Betriebsrat beharrlich geblieben und seine Punkte bezüglich Datenschutz und Leistungskontrolle durchgesetzt hat.

Frage: Wie viel Rückhalt hatte der Betriebsrat in dieser Auseinandersetzung in der Belegschaft? Es gab auch kritische Stimmen in Ihre Richtung.

Antwort: Diese aggressiven Töne der Geschäftsleitung haben viele in der Belegschaft nicht verstanden – gerade nach der erfolgreichen Rettung letztes Jahr. Ohne Betriebsrat und IG Metall hätten wir die Rettung so nicht hinbekommen. Dann wäre es anders gekommen. Unser Einsatz, gerade in Richtung Politik oder Banken, war zentral. Das hat arg verwundert.

Frage: Hätte es ohne Herrn Schmitz geklappt?

Antwort: Er hat einen großen Anteil daran, dass es geklappt hat und wir nun sanieren können statt abwickeln. Aber ich möchte nochmal betonen, dass eine Sanierung in dieser Form, ohne Betriebsrat und IG Metall nicht geklappt hätte.

Frage: Der Konflikt wurde ja durch ein Handelsblatt-Interview, das Sanierer Schmitz gegeben hat, auch öffentlich ausgetragen.

Antwort: Als ich das gelesen habe, war ich sehr überrascht, nein: angefressen. Mir ist bis heute nicht klar, was dieses Interview sollte. Druck aufbauen auf uns? Den Bund und das Land? Ich weiß es nicht. Kollegen und die Politik in Bund und Land haben sich zu Recht über den Inhalt aufgeregt. Und natürlich auch die Emsländer als solche, wenn der Standort Papenburg so problematisiert wird.

Frage: War das denn so ganz falsch? Fachkräfte, vielleicht sogar Spitzenmanager, ins Emsland zu lotsen, ist nun mal schwieriger.

Antwort: Natürlich gibt es da Standortnachteile. Fängt an beim Personennah- und Fernverkehr. Da ist Papenburg eher schlecht angebunden. Da müssen sich Großstädter sicher umgewöhnen. Aber mit einem Überbetonen der Nachteile locken Sie doch erst recht niemanden her. Man kann hier gut leben. Als Papenburger weiß ich das.

Frage: Nun wurde ja geprüft, einen Nebenstandort etwa in Hamburg zu eröffnen, um hier Teilbereiche mit entsprechend gefragtem Personal anzusiedeln. Würde der Betriebsrat das mitmachen?

Antwort: Es geht da ja offenbar auch um Führungspositionen. Da ist es wichtig, dass sie auch vor Ort auf der Werft sind. Von der Elbe aus können sie nicht leiten. Gerade weil die Geschäftsführung auf der anderen Seite doch derzeit von der Belegschaft fordert, mehr vor Ort zu sein und nicht im Homeoffice. Das passt nicht zusammen. Ich sehe das derzeit nicht.

Frage: Geprüft wird derzeit der Bau von Marineschiffen in Papenburg. Eine Zukunftssparte aus Sicht des Betriebsrates?

Antwort: Die Werft kann Kreuzfahrtschiffe. Und das richtig gut. Den Markt der Konverterplattformen erschließen wir uns gerade. Marineschiffe können andere Werften, so meine Einschätzung, besser. Wird schwierig. Zumal man vermutlich auch nicht 3500 Mitarbeiter bräuchte für den Marineschiffbau. Aber es ist im Moment auch nur eine Prüfung, wie Sie richtig gesagt haben.

Frage: Vor etwa einem Jahr wurde der Öffentlichkeit klar, wie schlecht es um die Meyer Werft steht. Sie wurde mit Staatsgeld gerettet. Die Sanierung läuft. Aber wie läuft sie?

Antwort: Uns wird signalisiert, dass sich die Werft auf einem guten Weg und innerhalb des Sanierungspfades befindet. Unsere Hoffnung: In drei Jahren wieder auf eigenen Beinen stehen, wieder tolle Schiffe bauen, und nicht länger um die Zukunft Sorgen machen müssen.

Frage: Was ja ziemlich offen lag, waren die Defizite auf der Werft, etwa bei der IT-Infrastruktur, aber auch bei der Fehlplanung von Aufträgen. Ist das den Arbeitnehmervertretern denn vorher nicht aufgefallen? Wurde das nie thematisiert?

Antwort: Diese gravierenden Mängel waren uns nicht bekannt. In der Vergangenheit haben zwei oder drei Personen auf der Führungsetage Entscheidungen getroffen, bei denen ansonsten niemand mitreden durfte. Herr Schmitz arbeitet da deutlich transparenter als die alte Geschäftsleitung. Das muss ich auch mal loben.

Frage: Wie groß war Ihre Sorge vergangenes Jahr, dass die Rettung der Werft scheitert?

Antwort: Riesig! Zu einigen Zeitpunkten hatte ich den Glauben daran verloren, dass wir das Ruder noch mal herumreißen. Ich hatte Sorge, dass wir in die Insolvenz rutschen und die Meyer Werft zerschlagen wird.

Frage: Glauben Sie, dass der Staat jemals wieder aussteigt aus der Werft?

Antwort: Mir fehlt die Fantasie, wie die Alternative aussehen soll. Hat Familie Meyer die Mittel, die staatlichen Anteile zurückzukaufen? Die Werft ist Bernard Meyers Lebenswerk. Ich habe da größten Respekt vor. Aber vielleicht ist der Generationenwechsel zu spät erfolgt. Oder man hat auf die falschen Berater gehört. Sorge hätte ich, wenn die Werft an irgendeinen Investor verkauft wird. Wie schnell das schiefgehen kann, haben wir doch bei den Werften von Lars Windhorst in Schleswig-Holstein gesehen, die fast untergegangen wären.

Frage: Auf der Werft wird gerade an einem Disney-Schiff gebaut, das im Herbst rausgehen soll. Danach ist Leerlauf …

Antwort: Ja, das nächste Schiff kommt dann erst im Frühjahr 2027. Ich bin seit 33 Jahren hier. Ich weiß gar nicht, ob es das schon mal gab, dass nicht ein halbfertiges Schiff in den Hallen war. Kurzarbeit wird sich nicht vermeiden lassen in manchen Bereichen. Beim Schweißen oder Stahlbau wird es aber zu Mehrarbeit kommen, etwa beim Bau der Konverterplattformen. Da laufen die Gespräche. Hier gilt, was auch bei den anderen Themen gilt: Wir sind an pragmatischen Lösungen interessiert. Aber unsere Aufgabe ist es, die Interessen der Belegschaft zu wahren, dazu sind wir als Betriebsräte verpflichtet.

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