Gehrde  Russlanddeutsche Parallelwelt: „Manche Kinder sollten im Unterricht die Ohren zuhalten“

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 30.06.2025 07:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Ehemalige Wegbegleiterin: Elisabeth Middelschulte leitete von 2003 bis 2016 die Grundschule Gehrde – und erlebte hautnah, wie der starke Zuzug russlanddeutscher Familien das Schulleben veränderte. Foto: Ernesto Moses Wiebrock
Ehemalige Wegbegleiterin: Elisabeth Middelschulte leitete von 2003 bis 2016 die Grundschule Gehrde – und erlebte hautnah, wie der starke Zuzug russlanddeutscher Familien das Schulleben veränderte. Foto: Ernesto Moses Wiebrock
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Wie Schule zur Brücke zwischen Lebenswelten wurde: Eine langjährige Schulleiterin berichtet von Sprachbarrieren, religiöser Abgrenzung – und wachsender Nähe zur AfD in freikirchlichen Milieus unter Russlanddeutschen.

Gehrde ist eine ländlich geprägte Gemeinde im Norden des Landkreises Osnabrück – und zugleich einer der Orte mit einem besonders hohen Anteil russlanddeutscher Familien. In mehreren Neubaugebieten haben sich seit den neunziger Jahren zahlreiche Spätaussiedler niedergelassen. Viele Familien kamen durch sogenannte Kettenmigration, also auf Empfehlung oder Einladung bereits ansässiger Verwandter. Die Gemeinde bot Wohnraum, Kindergärten und Schulplätze – und wurde zu einem Zentrum russlanddeutscher Lebenswelten in der Samtgemeinde Bersenbrück.

Der Zuzug prägte das gesellschaftliche Leben in Gehrde – und könnte auch das politische Verhalten beeinflusst haben: In Bezirken mit vielen russlanddeutschen Haushalten schnitt die AfD bei der Bundestagswahl 2025 besonders stark ab. In den Wahllokalen rund um die Grundschule und die Kita Gehrde stimmten über 40 Prozent für die AfD – einer der Spitzenwerte für die Rechtspopulisten in der Region Osnabrück. Zum Vergleich: Kreisweit votierten nur 18 Prozent der Wähler pro AfD.

Das wirft Fragen auf: Decken sich die Wertvorstellungen russlanddeutscher Familien mit den Haltungen der AfD – und entstand daraus politische Zustimmung? Und spielten gesellschaftliche Brüche und Identitätsfragen dabei möglicherweise eine Rolle? Eine, die den Wandel in Gehrde über viele Jahre begleitet hat, ist Elisabeth Middelschulte. Von 2003 bis 2016 leitete sie die örtliche Grundschule. Sie erlebte, wie sich durch den starken Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion das Gesicht der Schule veränderte. Phasenweise hatten bis zu 60 Prozent der Kinder Eltern mit ausländischem Geburtsort – meist mit russlanddeutschem Hintergrund. Sprache, Religiosität, familiäre Prägungen und ein teilweise großes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen forderten die Schule immer wieder heraus.

Middelschulte bemühte sich um Transparenz, Gespräche und Integrationsangebote – und stieß dabei auf Offenheit, aber auch auf klare Grenzen.

Im Gespräch mit unserer Redaktion beschreibt sie, wie sich im Schulalltag religiöse Normen durchsetzen konnten, warum manche Kinder bestimmte Unterrichtsinhalte meiden sollten – und warum sie die Nähe konservativer freikirchlicher Milieus zur AfD mit wachsender Sorge betrachtet.

Frage: Frau Middelschulte, wie haben Sie als Lehrerin die ersten Berührungspunkte mit russlanddeutschen Kindern erlebt?

Antwort: Die ersten russlanddeutschen Schülerinnen und Schüler kamen Ende der achtziger Jahre unter anderem an die Hauptschule Bersenbrück. Sprachlich war das eine große Herausforderung – für die Kinder und für uns Lehrerinnen und Lehrer. Sie hatten ja nicht nur sprachliche Lücken, sondern auch völlig andere Schulbiografien. Das war ein Kulturschock – auf beiden Seiten. Insbesondere wir als Schule mussten sehr viel lernen.

Frage: Was hat sich verändert, als Sie 2003 als Schulleiterin an die Grundschule Gehrde wechselten?

Antwort: Die Situation war anders. Die meisten Kinder waren hier geboren, sprachen Deutsch, zumindest die, die den Kindergarten besuchten. Aber: Auch Jahrzehnte nach der Einwanderung gab es noch Kinder, die für die Einschulung nicht ausreichend Deutsch konnten. Dieses Problem hat das Land Niedersachsen gelöst, indem schulpflichtige Kinder ein gutes Jahr vor der Einschulung einen Sprachtest machen müssen. Bestehen sie ihn nicht, werden sie verpflichtet, an einer Sprachschulung teilzunehmen. In Gehrde haben wir von der Grundschule diese Sprachschulungen übernommen, indem speziell geschulte Lehrerinnen und Lehrer in die Kindertagesstätte gingen, um den Fünfjährigen über das letzte Jahr vor der Einschulung den notwendigen Wortschatz zu vermitteln. Ohne diese gezielte, tägliche Sprachförderung hätten viele Kinder große Nachteile bereits zu Beginn ihrer Schulzeit gehabt.

Frage: Gab es konkrete Spannungen im Schulalltag?

Antwort: Ja, immer wieder. Manche Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder an bestimmten Angeboten teilnehmen – zum Beispiel an Theaterbesuchen oder mehrtägigen Klassenfahrten. Im Deutschunterricht sollten keine Geschichten mit Fabelwesen vorkommen. Da hieß es dann vereinzelt: Das ist nicht biblisch. So wurde zum Beispiel ein Weihnachtsmärchen oder eine Geschichte mit Zauberern abgelehnt. Im Sexualkundeunterricht gab es wiederholt Konflikte. Einige Eltern haben gesagt, die Sexualaufklärung sei Sache des Vaters – nicht der Schule. Das war natürlich ein Punkt, an dem es schwierig wurde. Manche Eltern meldeten ihre Kinder an diesen Unterrichtstagen krank, andere rieten ihnen, sich im Unterricht die Ohren zuzuhalten. Die Kinder haben das aber natürlich nicht gemacht, weil sie neugierig waren.

Frage: Wie sind Sie damit umgegangen?

Antwort: Ich habe viel versucht, um Brücken zu bauen. Gespräche mit Eltern, Einladungen zu Elternabenden, Erklärungen. Seltener waren es Sprachbarrieren, die den Dialog erschwerten – eher das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. In vielen Fällen half unsere an der Schule gelebte Transparenz. Bei mehrtägigen Schulfahrten zum Beispiel zu unserer Partnerschule in Polen haben wir die Eltern eingeladen, als Begleitpersonen mitzufahren. Das war sehr erfolgreich. Den Religionsunterricht haben wir bereits ab circa 2006 konfessionsübergreifend auch auf dem Zeugnis dokumentiert. Den Lehrplan hatten unsere Religionslehrerinnen in Absprache mit den freikirchlichen Gemeinden entwickelt. Ab dann wurde kein Kind mehr vom Religionsunterricht abgemeldet. Aber nicht immer war Verständigung möglich. In einigen Fällen, zum Beispiel zu Karneval, kam dann auch die Rückmeldung: „Da dürfen wir nicht mitmachen.“

Frage: Gab es denn auch Versuche, sich stärker zu öffnen?

Antwort: Einzelne Familien waren sehr offen. Die Kinder engagierten sich, die Eltern nahmen am Schulleben teil. Aber viele lebten sehr zurückgezogen. So war es häufig so, dass den Kindern nicht gestattet wurde, an Angeboten teilzunehmen – die außerhalb des Unterrichts oder in den Ferienzeiten von der Schule angeboten wurden. Ich nahm wahr, dass die freikirchlichen Gemeinden eine Vielzahl von eigenen Programmen anboten – auch in den Ferien – mit Bibelstunden, Chor, Sport, Basteln. Die Nachmittage und die Ferienzeiten waren also strukturiert – aber eben außerhalb der Schule. Es waren im besten Sinne gute Angebote, die die Familien schätzten.

Frage: Sie wurden auch nach Ihrer aktiven Zeit eingeladen – was haben Sie da erlebt?

Antwort: Ich war auch nach 2016 mehrfach zu Veranstaltungen – so werde ich beispielsweise von der Baptistengemeinde Bersenbrück in Hastrup oder Gehrde eingeladen. Ich habe auch andere freikirchliche Veranstaltungen besucht. Manches war sehr offen und immer freundlich, anderes war in meiner Wahrnehmung sehr konservativ im rückwärtsgewandten Sinne. Ich bin weiterhin sehr interessiert, Gespräche zu führen. Ich treffe ja überall auf ehemalige Schülerinnen und Schüler. Es haben sich in meiner Beobachtung schon sehr unterschiedliche Strömungen entwickelt. Manche sind offener, manche sehr geschlossen. Bei manchen sehr konservativen freikirchlichen Gemeinden hatte ich dann auch selbst das Gefühl, ich passe mit meinem persönlichen Bild einer offenen und liberalen Gesellschaft nicht mehr rein.

Frage: Wurde in diesen Kreisen auch politisch gesprochen?

Antwort: Selten offen. Ansichten werden verklausuliert. In Forderungen wie ‚Wir wollen Frieden.‘ Oder ‚Der Staat soll nicht bestimmen, was unsere Kinder lernen.‘ Also unterschwellig war eine große Skepsis gegenüber staatlichen Einrichtungen spürbar. Ich habe von Predigern in privaten Gesprächen Sätze gehört wie: ‚Der Staat will unsere Kinder umerziehen.‘ Oder dass Schulen Orte seien, wo falsche Werte vermittelt würden. Ich sehe dort Parallelen zu den Evangelikalen Amerikas. Solche Ansichten schaffen eine gewisse Offenheit gegenüber Parteien, die sich gegen ‚staatliche Bevormundung‘ positionieren – wie die AfD. Und zum Beispiel die Schulpflicht hinterfragen. Ich vermisse bei jenen Evangelikalen eine kritische Beleuchtung zum Beispiel gerade dieser Ansicht, weil wir in Deutschland aus guten Gründen eine Schulpflicht und staatliche Lehrpläne haben.

Frage: Mit welchen Erwartungen kamen viele russlanddeutsche Familien nach Deutschland?

Antwort: Viele sind mit einem Bild vom Deutschland der Dreißigerjahre oder früher gekommen – geordnet, fromm, mit klaren Regeln. Diese Vorstellung stammte oft aus Erzählungen der Großeltern. Und dann erlebten sie ein modernes, offenes Land, welches kaum noch etwas mit diesem traditionellen Bild zu tun hatte. Das war für sie befremdend und beängstigend.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass viele Russlanddeutsche heute AfD wählen – trotz ihres Glaubens?

Antwort: Ich sehe darin einen großen Widerspruch. Viele dieser Familien betonen christliche Werte, leben sehr gläubig – und unterstützen dann eine Partei, die in ihrem Programm wenig mit christlicher Nächstenliebe zu tun hat. Aber: Die AfD vermittelt klare Regeln, eine starke nationale Identität, Ablehnung des ‚modernen Westens‘. Das trifft einen Nerv. Es geht um Ordnung, Disziplin, Familie – alles Werte, die in konservativen Gemeinden hochgehalten werden. In diesem Sinne gibt es Schnittmengen.

Frage: Was müsste passieren, damit Integration besser gelingt?

Antwort: Mehr echte Begegnung. Viele dieser Familien bleiben in ihrer Community – aus Schutz, aus Gewohnheit, aus Misstrauen, aus Fremdheit. Wenn wir möchten, dass sie sich öffnen, dann müssen wir Brücken bauen: über Vereine, über direkte Gespräche, über Vertrauen. Und wir müssen auch deutlich machen: Teilhabe heißt nicht nur, Angebote zu nutzen – sondern auch, sich als Teil der Gemeinschaft stärker als bislang in das Gemeindeleben einzubringen. An einigen Stellen gelingt es bereits.

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