Bremen  „Ernstfall spielt meist keine Rolle“ – wenn das Arbeitsamt für die Militärkarriere wirbt

Peter Hanuschke
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Von Peter Hanuschke
| 30.06.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Beim groß angelegten Recruiting der Bundeswehr hilft auch die Arbeitsagentur mit. Foto: dpa | Bernd von Jutrczenka
Beim groß angelegten Recruiting der Bundeswehr hilft auch die Arbeitsagentur mit. Foto: dpa | Bernd von Jutrczenka
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Ob Tarnfleck auf Döner-Verpackungen oder aufwendig produzierte Youtube-Serien: Der Personalmangel bei der Bundeswehr ist derart hoch, dass sie offenbar nichts unversucht lässt. Jetzt hat sie sogar das Arbeitsamt in die Recruiting-Kampagne eingespannt.

Simon Brunotte ist erst 16 Jahre alt, besucht die neunte Klasse, aber der Bremer weiß bereits, wie seine berufliche Zukunft aussehen soll: „Ich möchte Feldwebel werden – am liebsten beim Heer.“ Bei der Arbeitsagentur informiert er sich über die Voraussetzungen für diese militärische Laufbahn – ein neues Angebot der Arbeitsvermittler. Bislang war die Arbeitsagentur nur für zivile Berufe bei der Bundeswehr beratend tätig. Das ist ein weiterer Baustein für die Personalgewinnung bei der Bundeswehr.

Als einer der größten Arbeitgeber in Deutschland buhlt die Bundeswehr wie die meisten anderen Unternehmen auch um geeignete Mitarbeiter. Dafür wirbt die Bundeswehr auf vielen sozialen Kanälen, ist auf Messen vertreten, hält Vorträge in Schulen, hat einen eigenen Youtube-Kanal, macht Werbung im Kino und auf Plakaten. Und in manchen Städten stellte sie sogar die Dönerverpackung in Tarnfarbe mit markigen Sprüchen wie „Du bleibst immer hungrig – weil du es kannst“ kostenlos zur Verfügung. Und wer grundsätzlich mehr über eine militärische Karriere erfahren möchte, kann sich nun auch bei der Arbeitsagentur informieren.

Über die Bundeswehr weiß Simon Brunotte schon viel, er hat deren Youtube-Kanal abonniert. Er ist für das Erstgespräch bei der Arbeitsagentur gut vorbereitet. Bis es konkret darum geht, welcher Schulabschluss notwendig ist oder ob alternativ eine Ausbildung dem Neuntklässler den Weg zum Feldwebel eröffnet, geht es für Berufsberater Marcel Lux um Grundlagen – Schulnoten, Praktika sowie Lieblingsfächer, Interessen und dem angestrebten Schulabschluss. „Das ist für uns immer eine wichtige Basis, um daraus im Gespräch verschiedene Optionen und Alternativen herauszuarbeiten – auch für mögliche weitere Beratungen“, sagt Lux.

Mit dem Ziel, die militärische Personalgewinnung zu stärken, hatten sich Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, erst im November eine entsprechende Grundsatzvereinbarung „Gemeinsam für eine starke Bundeswehr: Die Zeitenwende personell gestalten“ unterzeichnet. Damit wurde die bereits langjährig bestehende Kooperation des Verteidigungsministeriums mit der Bundesagentur im zivilen Bereich erweitert. Kern der Grundsatzvereinbarung ist, für den Aufwuchs der Bundeswehr zeit- und bedarfsgerecht geeignetes Personal zu finden.

Dass Simon Brunotte bereits einen konkreten Berufswunsch hat, dafür sorgt nicht nur der Youtube-Kanal der Bundeswehr: Er war im April im Rahmen des bundesweiten Schüler-Zukunftstags – Girls‘ Day und Boys’ Day – bei der Logistikschule der Bundeswehr in Garlstedt zu Besuch. „Es gab für uns am Zukunftstag verschiedene Stationen. Wir haben beispielsweise das Ärzteteam besucht, Zelte aufgebaut und zweimal einen Parkourlauf absolviert“, so Brunotte. „Es gibt eine Vielzahl an Aufgaben. Das hat mir sehr gefallen.“

Der Erfolg bei der Bundeswehr ist insgesamt bislang überschaubar. Seit Jahren kommt die Truppe bei ihrem Personallaufwuchs nicht aus dem Tritt, schrumpfte zwischendurch sogar leicht. Nach aktuellen Angaben arbeiten derzeit 182.500 Soldaten bei der Bundeswehr. Das reicht noch lange nicht.

Was die große Herausforderung angeht, gehört die Bundeswehr wahrscheinlich zu den Unternehmen in Deutschland mit dem höchsten Personalbedarf in den nächsten Jahren: Schon länger verfolgt das Verteidigungsministerium das Ziel, bis 2031 die Personalstärke auf etwa 203.000 aktive Soldaten zu erhöhen. Zudem werden aufgrund von Zusagen gegenüber der NATO noch mehr personelle Ressourcen benötigt. Pistorius sprach kürzlich von 50.000 bis 60.000 Soldatinnen und Soldaten, die im Vergleich zum Personalbestand heute in den Streitkräften zusätzlich gebraucht werden.

Die verstärkten Anstrengungen der Bundeswehr zeigten zumindest bei der Anzahl der Bewerbungen Wirkung: Etwa 51.200 Personen hatten sich nach Angaben des Wehrberichts im vergangenen Jahr für eine militärische Tätigkeit beworben – das waren 18,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Bewerben bedeutet aber eben nicht, dass die Interessenten auch tatsächlich bei der Bundeswehr anfangen. Trotzdem wertet die Bundeswehr das schon als Erfolg. 

Bei der Arbeitsagentur Bremen-Bremerhaven sei eine leichte Zunahme des Interesses und der Aufgeschlossenheit wahrzunehmen, so Sprecherin Sabine Giese. Die Jugendlichen seien zunehmend zuverlässiger und würden nach einer Beratung vermehrt auch Kontakt zur Bundeswehr aufnehmen. „Auch Ausländer fragen häufiger initiativ an, kommen aber aufgrund einer der Einstellungsvoraussetzungen – deutsche Staatsbürgerschaft – teilweise nicht infrage“, ergänzt Giese.

Die Möglichkeit eines Ernstfalls spiele in den Gesprächen eher keine Rolle, so Giese. „Die Bundeswehr befindet sich bereits in Auslandseinsätzen und somit ist der Ernstfall kein theoretisches und künftiges Szenario, sondern bereits jetzt Realität.“ Es werde aber schon über Chancen und Risiken im Zusammenhang mit einer Tätigkeit bei der Bundeswehr gesprochen.

Simon Brunotte sagt, dass ihm durchaus bewusst sei, dass es bei der Ausübung eines Berufs im militärischen Bereich zu gefährlichen Situationen kommen könne. Um noch genauer herauszufinden, ob ein Beruf beim Heer auch wirklich seinen Vorstellungen entspricht, wird der 16-Jährige in den Sommer- und Herbstferien jeweils ein viertägiges Praktikum machen – voraussichtlich am Bundeswehr-Standort Munster.

Außerdem muss er sowieso noch direkt mit der Bundeswehr sprechen. Dafür muss er einen Termin beim Karriereberatungsbüro oder gleich bei einem übergeordneten Karrierecenter vereinbaren – sie sind der Ersatz für die ehemaligen Kreiswehrersatzämter. Denn eine Beratung bei der Arbeitsagentur allein ist für einen möglichen Einstieg bei der Bundeswehr nicht ausreichend. Die Bundeswehr hat 15 Karrierecenter – unter anderem in Hannover und Wilhelmshaven. In den Karrierecentern findet neben der beruflichen Beratung für die zivile und militärische Laufbahn auch die gesundheitliche Eignungsfeststellung statt.

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