17 Schnitt- und Stichverletzungen  Totschlag in Emden – Ehemann legt Geständnis ab

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 26.06.2025 18:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dem Angeklagten droht ein langjähriger Gefängnisaufenthalt. Das Urteil fällt voraussichtlich am 3. Juli 2025. Foto: Klaus Ortgies
Dem Angeklagten droht ein langjähriger Gefängnisaufenthalt. Das Urteil fällt voraussichtlich am 3. Juli 2025. Foto: Klaus Ortgies
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Ein 68-jähriger Emder hat gestanden, seine Ehefrau getötet zu haben. „Das verdammte Miststück hat mich jahrelang als Geldautomat missbraucht“, schrieb er nach der Tat in die Familiengruppe.

Emden / Aurich - Wegen Totschlags muss sich ein 68-jähriger Emder vor dem Auricher Schwurgericht verantworten. Am 19. Januar soll er in einer Doppelhaushälfte im Emder Stadtteil Larrelt seine 65-jährige Frau getötet haben. Zum Prozessauftakt am Donnerstag, den 26. Juni, legte er ein Geständnis ab.

Sie habe nach einem Streit im Flur „wie eine Bekloppte auf mich eingeschlagen“, erklärte er. Da habe er das Messer aus dem Messerblock in der Küche geholt: „Ich war wie im Tunnel drin – als ob es ein anderer Mensch gewesen ist, der das getan hat.“ Die Anzahl der Stiche habe er nicht mitbekommen – „ich war wie von Sinnen“.

17 Schnitt- und Stichverletzungen - „das verdammte Miststück“

Laut Anklage hat er seiner Frau 17 Schnitt- und Stichverletzungen zugefügt. Bei der Tatwaffe handelt es sich um ein 25 Zentimeter langes Küchenmesser mit einer Klingenlänge von 19 Zentimetern. Das Opfer verblutete im Wohnzimmer an seinen Stichverletzungen in Kopf, Hals und Oberkörper, trug die Staatsanwältin vor.

Januar 2025: Die Spurensicherung vor dem Wohnhaus des Ehepaares. Der Mann hatte nach der mutmaßlichen Tat selbst den Notruf gewählt. Foto: Jens Doden/Archiv
Januar 2025: Die Spurensicherung vor dem Wohnhaus des Ehepaares. Der Mann hatte nach der mutmaßlichen Tat selbst den Notruf gewählt. Foto: Jens Doden/Archiv

„Als ich sie auf dem Boden im Wohnzimmer liegen sah, habe ich ein Foto gemacht“, fuhr der Angeklagte fort. Um 10.52 Uhr schickte er das Bild nach den Erkenntnissen der Ermittler in der WhatsApp-Familiengruppe an seinen Sohn und seine Tochter. Dazu schrieb er unter anderem: „Ich habe gerade eure Mutter umgebracht. Das verdammte Miststück hat mich jahrelang als Geldautomat missbraucht.“ Dann legte er seine Medikamente, sein Portemonnaie und sein Handy zusammen – „kommst ja eh in Knast“ – und wählte den Notruf.

Frau soll auf neues Auto bestanden haben

Als Motiv nannte er Meinungsverschiedenheiten über einen geplanten Urlaub im Herbst. Sie habe ihn antreten wollen, aber er habe das Geld für eine neue Heizung zurücklegen wollen. Außerdem habe er am Vortag erfahren, dass seine Frau das vorherige Auto des Paares auf dem Parkplatz des DollartCenters kaputt gefahren habe. Ihm gegenüber habe sie angegeben, es sei Unfallflucht gewesen. Anschließend habe sie ihn genötigt, einen teuren VW-T-Roc zu kaufen.

Der 68-Jährige sitzt seit Januar 2025 in Untersuchungshaft. Foto: Klaus Ortgies
Der 68-Jährige sitzt seit Januar 2025 in Untersuchungshaft. Foto: Klaus Ortgies

Ausschweifend wie detailliert zählte er in seiner Einlassung auf, was er ihr in den Ehejahren seit der Hochzeit 1981 alles finanziert hatte – von der Wohnungseinrichtung bis zur Deckenfarbe. Zusätzlich habe sie Wert auf teure Kleidung gelegt. Immer wieder sei das gemeinsame Konto ins Minus gerutscht, habe er Kredite aufnehmen müssen.

Angeklagter Ehemann: „Ich habe damit abgeschlossen“

Die Ehe hätten sie nur zum Schein geführt. Wegen der Kinder habe er sich nicht getrennt. Er sei ja zufrieden gewesen. Er habe gewaschen, gekocht und gebügelt bekommen. „Meinen Spaß hatte ich woanders“, räumte der ehemalige Postbote sein Fremdgehen ein.

Ein 68-jähriger Emder soll im Januar 2025 seine Ehefrau erstochen haben. Foto: Klaus Ortgies
Ein 68-jähriger Emder soll im Januar 2025 seine Ehefrau erstochen haben. Foto: Klaus Ortgies

Nach der Tat habe er nichts gedacht oder gefühlt – „ich war wie erstarrt“. Als er diese „Wahnsinnsnachricht“ in der Familiengruppe geschrieben habe, habe er an Armen und Beinen gezittert. Ihm sei sofort klar gewesen, dass sie tot war. Sie habe in einer Blutlache gelegen – „kein Röcheln, keine Bewegung“. „Begreifen kann ich immer noch nicht, was ich getan habe“, sagte er. Man hätte sich besser vorher scheiden lassen sollen. Jetzt würde er die Tat bereuen. Doch: „Der Gedanke quält mich nicht. Ich habe damit abgeschlossen.“

Mann war „super ruhig“ als die Polizei eintraf

In der Untersuchungshaft kommt er offenbar gut zurecht. Er sehe das so, wie wenn es eine Wohngemeinschaft sei, sagte er. Mit seinen Mithäftlingen würde er gemeinsam lachen, Billard und Tischfußball spielen. „Es tut mir leid, dass ich ihr das Leben genommen habe und den Kindern die Mutter“, meinte er auf Nachbohren des psychiatrischen Gutachters Professor Doktor Wolfgang Trabert.

Für den Prozess vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Aurich unter Vorsitz von Richter Malte Sanders sind zwei weitere Termine angesetzt. Das Urteil fällt voraussichtlich am 10. Juli 2025. Foto: Klaus Ortgies
Für den Prozess vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Aurich unter Vorsitz von Richter Malte Sanders sind zwei weitere Termine angesetzt. Das Urteil fällt voraussichtlich am 10. Juli 2025. Foto: Klaus Ortgies

Der Notruf-Leitstelle hatte er als Grund seines Handelns mitgeteilt, seine Frau sei „eine Lügnerin hoch Drei“. Das Eintreffen der Polizei erwartete er in seiner Einfahrt, an die Autohaube gelehnt. „Meine Frau liegt drin“, hat er zu den Beamten gesagt. „Er war sehr gefasst. Super ruhig“, schilderte ein Polizist im Zeugenstand. Ihm gegenüber habe er erwähnt, es sei um ein Auto gegangen, dass kaputt gefahren worden sei.

Sohn des Opfers: „Sie war das Herz der Familie“

Als Zeugen geladene Nachbarn beschrieben das Ehepaar als sehr harmonisch. Der 38-jährige Sohn des Angeklagten berichtete von einer ganz normalen Familie. Seine Eltern seien liebevoll miteinander umgegangen und hätten sich umeinander gekümmert. Geld sei in den letzten Jahren kein Thema gewesen. Seinen Vater charakterisierte er als einen Eigenbrötler ohne Freunde. Für seine Kinder habe er alles gegeben. Handgreiflich geworden sei er nie. Bei Diskussionen sei er einfach irgendwann verstummt. Als negative Eigenschaft zählte der Sohn Sturheit auf. Auf das neue Auto angesprochen, sagte er, das sei an sich kein Thema gewesen. Er und seine Schwester hätten zu dem höheren Modell geraten.

Seine Mutter habe sich mehr um andere gekümmert als um sich selbst, beschrieb er die Getötete: „Sie war das Herz der Familie.“ Konflikten sei sie aus dem Weg gegangen ohne laut zu werden. Gesundheitlich habe sie nach einer Lungenkrebs-Erkrankung im Jahr 2003 mit dem Atmen Probleme gehabt. Vor zwei oder drei Jahren sei sie nachts die Treppe hinuntergefallen und sich den Arm gebrochen. Ob es plausibel sei, dass sie wie eine Bekloppte auf den Angeklagten eingeschlagen habe, fragte Nebenklägervertreter Joachim Müller. „Nein, dazu hat sie gar keine Luft gehabt“, antwortete der Zeuge.

Angeklagter richtete das Wort an seine Tochter

Auch seine Schwester hatte nie den Eindruck gehabt, im Elternhaus sei kein Geld da gewesen. Er habe gern und gut gegessen, sie habe andere Prioritäten gehabt, sagte die 39-jährige Steuerberaterin. Zum Umgang miteinander erklärte die Zeugin, beide hätten nicht dazu geneigt, aus der Haut zu fahren. Es sei normal gewesen, zweimal jährlich gemeinsam in den Urlaub zu fahren.

Der Angeklagte richtete das Wort an sie und klagte sie an: „Du schürtest, dass Mutter mehr Geld ausgab.“ Sie habe sie zu teuren Hotels und Shoppingtouren animiert. Die Tochter reagierte geschockt. In einem derart vorwurfsvollen Ton habe er noch nie mit ihr gesprochen, meinte sie. Auf Nachfrage des Verteidigers führte sie aus: „Diese Vorwürfe kenne ich so nicht. Deshalb bin ich auch so irritiert.“

Prozess wird im Juli fortgesetzt

Gleich zu Beginn der Verhandlung hat der Angeklagte für weitere Irritationen gesorgt. Er lehnte ab, mit seinem Pflichtverteidiger zu sprechen. Dieser habe sich nicht darum gekümmert, dass er seine private Kleidung in die JVA geliefert bekomme, begründete er. Nach wenigen Stunden zog er den Antrag auf einen anderen Verteidiger jedoch zurück.

Der psychiatrische Sachverständige erstattete den ersten Teil seines Gutachtens. Der Angeklagte habe nach seiner Pensionierung keine besonderen Hobbys gehabt, sondern sich dem Familienleben und dem Garten gewidmet. „Die finanzielle Situation war nicht schlecht“, berichtete er. Insgesamt habe das Paar monatlich 3000 Euro zur Verfügung gehabt. „Er hätte viel lieber mehr gespart als zweihundert Euro monatlich, was er auf die Ausgaben seiner Frau zurückgeführt hat.“ Der Emder sei nicht vorbestraft, trinke keinen Alkohol und habe zeitlebens nicht unter psychischen Störungen gelitten.

Der Prozess wird am 3. Juli um 9 Uhr in Saal 003 des Auricher Landgerichts mit den Gutachten und den Plädoyers fortgesetzt. An diesem Tag soll auch das Urteil fallen.

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