Abbau zehntausender Stellen VW-Betriebsrat wehrt sich gegen Kritik an Altersteilzeit
Die CDU ist mit Kritik an der gerade bei VW beliebten Altersteilzeit vorgeprescht. Der Gesamtbetriebsrat von VW ist auf der Zinne. Für das Werk in Emden hat der Disput eine besondere Bedeutung.
Emden/Wolfsburg/Hannover - CDU-Fraktions- und Parteichef Sebastian Lechner hat sich – gewollt oder ungewollt – mit dem mächtigen Betriebsrat von Volkswagen angelegt. Es geht um die komfortablen Altersteilzeitregelungen bei dem Autobauer. „CDU-Chef Lechner lehnt Altersteilzeit bei VW ab“, titelte der NDR am Donnerstag, 19. Juni. Unsere Redaktion wollte mal wissen, was da los ist.
„Es geht mir in erster Linie gar nicht nur um VW“, sagte Lechner im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber die Menschen, die bei VW ausscheiden, könnten wir doch gut in anderen Branchen gebrauchen.“ Der Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag spielt damit auf den Fachkräftemangel an, der auch in unserer Region eine große Rolle spielt. „Individuell ist die Altersteilzeit absolut nachvollziehbar“, sagte Lechner. „Aber volkswirtschaftlich brauchen wir jeden Erfahrungsschatz.“
So argumentiert der Gesamtbetriebsrat von Volkswagen
Der Gesamtbetriebsrat von Volkswagen sieht das anders. „Insgesamt ist die Altersteilzeit bei Volkswagen seit dem 2016 gestarteten Zukunftspakt ein absolutes Erfolgsmodell – und zwar sowohl für die Arbeitnehmer- als auch für die Arbeitgeberseite“, teilte ein Sprecher des Volkswagen-Gesamtbetriebsrates auf Anfrage unserer Redaktion mit. „Forderungen, die Altersteilzeit zurückzufahren, weisen wir entschieden zurück. Solche Einzelstimmen verkennen einerseits die Bedeutung unseres Verhandlungskompromisses aus dem Dezember. Und andererseits spielen solche Einzelstimmen auch leichtfertig mit dem beruflichen Schicksal zigtausender Volkswagen-Beschäftigter, für deren Zukunft sie offensichtlich lieber betriebsbedingte Kündigungen sehen würden als die sozialverträgliche Lösung, die die Verhandlungspartner bei VW Ende 2024 gemeinsam errungen haben.“
Im vergangenen Dezember hätten Betriebsrat und IG Metall durchgesetzt, dass der bis 2031 bevorstehende Arbeitsplatzabbau bei Volkswagen nur sozialverträglich ablaufen könne, so der Volkswagen-Gesamtbetriebsrat weiter. Kern der Einigung sei eine unkündbare Beschäftigungssicherung bis Ende 2030. Der sozialverträgliche Abbau der Stellen in der angepeilten Größenordnung werde in ganz wesentlichem Maße nur mittels Altersteilzeit möglich sein. So mache die Altersteilzeit aktuell rund drei Viertel der bisher bereits vertraglich hinterlegten Reduzierung aus – eine Größenordnung, die sich auch in der Prognose bis 2030 so fortschreiben werde. Andere Wege wie normale Abgänge in die Rente oder Abfindungsverträge wirkten nur ergänzend und spielten im Vergleich mit der Altersteilzeit eine eindeutig untergeordnete Rolle.
So wichtig ist die Altersteilzeit für VW Emden
Zum Hintergrund: Ende 2024 war unter anderem ausgehandelt worden, bis Ende 2030 rund 35.000 von 130.000 Stellen bei der Kernmarke VW abzubauen – mehr als jede vierte Stelle. Ein Großteil des Stellenabbaus dürfte über die Altersteilzeit laufen. Der Standort Emden gilt dabei als besonders offen für die Altersteilzeitregelung. Die Annahmequote liegt in der Regel zwischen 70 und 90 Prozent – bei VW Emden im oberen Bereich, wie zu hören ist. Genaue Zahlen zu Emden wollte allerdings niemand herausrücken.
Bei der Altersteilzeit stockt VW das Entgelt auf 78 bis 95 Prozent vom bisherigen Netto auf und zahlt weiter die vollen Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung und zur betrieblichen Altersversorgung. Während der ersten Hälfte der meist siebenjährigen Laufzeit gehen die Mitarbeiter weiter voll arbeiten, in der zweiten Hälfte bleiben sie dann zu Hause. Bei einem vorzeitigen Renteneintritt gleicht VW zudem die Abschläge bei der gesetzlichen Rente zur Hälfte aus.
So erklärt die CDU ihre Zweifel an der Altersteilzeit
Der CDU-Chef betonte im Gespräch mit unserer Redaktion, nicht grundsätzlich gegen die Altersteilzeit bei VW zu sein. „Aus VW-Sicht kann ich das verstehen“, sagte Lechner. „Die haben sich verzockt – übrigens mit Unterstützung der Landesregierung“, sagte Lechner. Und jetzt würden zigtausende Stellen gestrichen und die Fachkräfte in die Altersteilzeit entlassen werden.
In ihrem Niedersachsenplan will sich die CDU dem sogenannten Vierten Bildungssektor widmen. Die Arbeitskräfte müssten weitergebildet und nicht entlassen werden, so Lechner. Dafür könnten Berufsschulen und Hochschulen infrage kommen, die nachmittags doch größtenteils leer stünden. Dort könnten die Arbeitnehmer nicht nur weitergebildet, sondern sogar neu ausgebildet werden – wenn sie denn auch im höheren Alter noch fit seien und Lust hätten.
So wird bei VW hinter vorgehaltener Hand geredet
Einigen Leuten aus dem Volkswagenkonzern sind die CDU-Argumente geradezu verdächtig. „Was Herr Lechner ja eigentlich meint, ist das Folgende: Volkswagen hätte betriebsbedingt kündigen, also die Leute hart rausschmeißen sollen“, hieß es aus Kreisen, die hier nicht namentlich zitiert werden möchten. „Dann hätten sie als gesuchte Facharbeiter noch ein paar Jahre zum Beispiel in der Rüstungsindustrie oder anderen Branchen, die gerade suchen, arbeiten können, anstatt mit der Altersteilzeit eine Brücke in den Vorruhestand gebaut zu bekommen.“
„Das mag man als konservativer Politiker ja vielleicht auch gerne so sehen“, hieß es weiter. „Vom Politischen mal abgesehen, macht Herr Lechner einen Denkfehler: Falls VW betriebsbedingt gekündigt hätte, hätte eine Sozialauswahl stattfinden müssen. Und mit der gehen dann eben gerade nicht die erfahrenen älteren Fachkräfte mit dem vielen Wissen, das der Wirtschaft erhalten bleiben müsste, sondern die jungen Leute mit weniger Erfahrung.“