Hamburg  „White Tiger“: In Hamburg besuchte er Deutschlands teuerste Privat-Uni

Olaf Wunder
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Von Olaf Wunder
| 24.06.2025 12:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Nach der Verhaftung des mutmaßlichen Pädokriminellen aus Hamburg kommen immer weitere Hintergründe ans Licht. Foto: dpa/George Wendt
Nach der Verhaftung des mutmaßlichen Pädokriminellen aus Hamburg kommen immer weitere Hintergründe ans Licht. Foto: dpa/George Wendt
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Abgründe tun sich auf: Auf den ersten Blick wirkt er wie ein zurückhaltender, geradezu schüchterner junger Mann, der kein Wässerchen trüben kann. Doch tief drin – davon sind die Ermittler des LKA überzeugt – ist er ein gefährlicher Sadist mit abartigen Sex- und Tötungsfantasien. Nun kommen über den 20-jährigen Hamburger Shahriar J., der sich im Internet „White Tiger“ nannte und Mitglied der Sadistensekte „764“ gewesen sein soll, immer neue Details ans Licht.

Am 17. Juni nahm die Polizei Shahriar J. in seiner Wohnung in Marienthal fest. Drei Monate zuvor war er noch Medizinstudent an der teuersten medizinischen Privatuni der Bundesrepublik – an der UMCH am Albert-Einstein-Ring in Bahrenfeld.

Die Abkürzung steht für „Universitätsmedizin Neumarkt a. M. Campus Hamburg“. Es handelt sich dabei um den Ableger einer sehr renommierten rumänischen Hochschule. Einen Numerus clausus als Zulassungsbeschränkung gibt es dort nicht – es reicht, wenn die Studenten (oder deren Eltern) das nötige Kleingeld mitbringen. Pro Semester sind Studiengebühren in Höhe von 16.000 Euro fällig – 32.000 Euro pro Jahr also. Fast 1000 Studenten hat die Uni, jedes Semester kommen 150 hinzu.

Die Staatsanwaltschaft geht nach Informationen der MOPO davon aus, dass Shahriar J. das Medizinstudium nicht begonnen hat, um Arzt zu werden, sondern um Kenntnisse zu erlangen, die ihm nützlich sind, um Menschen zu quälen.

In seinem Umfeld ahnte von diesen Abgründen offenbar niemand etwas, nicht mal seine engsten Angehörigen. „An der Uni schien er aufzugehen wie eine Blüte“, erzählt Maryam Z. (Name geändert), eine gute Freundin seiner Eltern. „Er war ein super Student. Er erzählte stolz, dass er laufend von den Dozenten gelobt werde. Und dass er unter den Kommilitonen viele neue Freunde gefunden habe. Er erzählte beispielsweise von einer Japanerin, deren Vater so wohlhabend ist, dass sie während ihres Studiums in Hamburg in einer Hotelsuite lebt“, so Maryam Z. „Ich habe mich sehr über seinen Erfolg gefreut.“

Ob Shahriar J. wirklich so beliebt war an der Uni? Mitarbeiter der Hochschule sagen, er sei ziemlich seltsam gewesen. „Für einen 20-Jährigen war er ziemlich kindlich, wirkte wahnsinnig schüchtern. Ein komischer Kauz“, so ein Insider, der nicht genannt werden will. MOPO-Reporter sprechen vor dem Eingang der Uni mehrere Studenten an. Alle sagen, sie hätten Shahriar schon mal gesehen. Mehr nicht. Keiner kennt ihn näher. „Einmal hat er in der Prüfung gesessen und allen mit der Hand einen Kussmund zugeworfen – das war eigenartig. Ich weiß nicht, was das sollte“, sagt ein Student.

Eineinhalb Jahre lang studierte Shahriar J. an der UMCH – von September 2023 bis März 2025. Dann wurde die Hochschule von den Ermittlungsbehörden darüber informiert, was dem jungen Mann vorgeworfen wird. Daraufhin wurde er umgehend exmatrikuliert. Die UMCH zur MOPO: „Bis zu diesem Zeitpunkt lagen der Universität keine Informationen oder Anhaltspunkte über mögliches Fehlverhalten oder strafbare Handlungen vor.“ Die Uni stehe weiter „im Austausch mit den ermittelnden Behörden und steht diesen für vollumfängliche Kooperationen zur Verfügung.“ „Dass die Uni ihn rausgeworfen hat, hat er mir völlig verheimlicht“, so Maryam Z. „Mir hat Shahriar vorgemacht, er habe keine Lust mehr auf Medizin und wolle jetzt Jura studieren. Da habe ich ihm gesagt: ,Gut, wenn Medizin für Dich zu schwer ist, dann studierst Du eben Jura – aber das musst du dann auch wirklich durchziehen! Du kannst nicht nochmal die Brocken hinwerfen! Er sagte nur: ,Ja, das verspreche ich Dir.‘“

Am Dienstag vergangener Woche verschaffte sich das LKA nachts um 3 Uhr mit Gewalt Zutritt zu der Wohnung von Shahriar J. in Marienthal. Die Beamten brachen die Tür auf, durchsuchten alle Räume, stellten den Computer sicher und nahmen den jungen Mann fest. Inzwischen sitzt er im Jugendgefängnis Hahnöfersand in Haft.

Shahriar J. war neun Jahre alt, als die Familie Ende 2013, Anfang 2014 aus dem Iran nach Hamburg kam. Vater Gholamreza J., ein Ingenieur, gründete am Winterhuder Weg eine Firma, die sich auf Im- und Export medizinischer Geräte spezialisierte. Aufgrund des Embargos, das die USA über den Iran verhängt hat, liefen die Geschäfte aber schlecht, sodass er die Firma aufgab. Anschließend wechselte der Vater nach MOPO-Informationen in die Immobilienbranche – und hat damit großen Erfolg.

Wirtschaftlich scheint es ihm und seiner Familie sehr gut zu gehen. Dafür sprechen die Lebensumstände: In Marienthal baute Gholamreza J. direkt nebeneinander zwei sehr schöne schneeweiße Häuser – im ersten Obergeschoss des linken Gebäudes wohnen die Eltern, während sich die beiden Söhne das Penthouse im zweiten Obergeschoss teilen. Die anderen Wohnungen sind vermietet.

Shahriars älterer Bruder (24) studiert ebenfalls. Die Nachbarn erzählen übereinstimmend, dass die Familie sehr freundlich und zugewandt sei. „Wir können überhaupt nichts Negatives über die Leute sagen“, so ein Anwohner. „Als wir jetzt davon hörten, was dem jüngeren Sohn vorgeworfen wird, waren wir total geschockt. Mit so etwas hat hier niemand gerechnet.“

Völlig am Boden zerstört sind die Eltern von Shahriar J. Vor allem der Mutter soll es sehr schlecht gehen. Die MOPO konnte den Vater in der vergangenen Woche exklusiv interviewen – immer wieder brach er während des Gesprächs in Tränen aus. Gholamreza J. vermutet, dass sein Sohn möglicherweise während der Corona-Zeit auf Abwege geraten ist. Er macht sich Vorwürfe, sich nicht genug um ihn gekümmert zu haben. „2021 saß ich eine ganze Zeit lang in Teheran fest, weil die Flüge nach Hamburg gecancelt waren. Und mein Sohn war zu Hause und hat sich nur noch mit dem Internet beschäftigt und ,Call of Duty‘ gespielt.“

Shahriar J. nahm das Medizinstudium an der UMCH auf, nachdem er an der Stadtteilschule Winterhude das Abitur abgelegt hatte. Wie „Bild“ berichtet, soll er in seinem Bewerbungsschreiben an die Uni erwähnt haben, er habe bereits in der Schule „Autopsien“ an Hasen und Fröschen durchgeführt. Shahriar J. soll außerdem angegeben haben, er interessiere sich für das Kreislaufsystem und das Skelett des Menschen.

Insgesamt werden dem 20-Jährigen 123 Straftaten vorgeworfen – eine widerlicher als die andere. Die Palette reicht von sexualisierter Gewalt bis hin zu Kindesmissbrauch und dem Vorwurf des Mordes. Etwa im Alter von 16 Jahren soll Shahriar J. damit angefangen haben, sich in speziellen Internet-Foren, in denen sich Menschen über ihre psychischen Probleme austauschen, in das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen einzuschleichen. Er soll sie manipuliert und dazu gezwungen haben, sich zu verletzen, zu verstümmeln oder sich gar das Leben zu nehmen – vor laufender Kamera.

Auch vor Tierquälerei habe Sharhriar J. nicht zurückgeschreckt, heißt es: Als Ermittler im Jahr 2023 erstmals die Wohnung des Beschuldigten durchsuchten, entdeckten sie dort Tierleichen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Hamburger Morgenpost.

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