Interview mit Paul Ronzheimer  „Das Leben steht still – und die Angst wächst“

Udo Hippen
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Von Udo Hippen
| 24.06.2025 08:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Als Kriegsreporter im Einsatz: Der gebürtige Ihlower Paul Ronzheimer berichtet über die aktuelle Situation in Israel. Seine Reise nach Tel Aviv dauerte in der vergangenen Woche 48 Stunden und verlief über Ägypten. Foto: Georgios Moutafis
Als Kriegsreporter im Einsatz: Der gebürtige Ihlower Paul Ronzheimer berichtet über die aktuelle Situation in Israel. Seine Reise nach Tel Aviv dauerte in der vergangenen Woche 48 Stunden und verlief über Ägypten. Foto: Georgios Moutafis
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Der Konflikt zwischen Israel und Iran spitzt sich weiter zu. Der gebürtige Ihlower schildert aus Tel Aviv die angespannte Lage, die Reaktionen der Bevölkerung und die Wirkung der Raketeneinschläge.

Tel Aviv - Nach dem Großangriff Israels auf den Iran haben in der Nacht auf Sonntag nun auch die USA iranische Atomanlagen bombardiert. Der Konflikt droht weiter zu eskalieren. Der stellvertretende Bild-Chefredakteur berichtet aus Tel Aviv über das aktuelle Kriegsgeschehen. Mit den ON sprach der gebürtige Ihlower über die Gefahren und Risiken.

Herr Ronzheimer, Sie sind seit vergangener Woche in Israel, um über die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Iran zu berichten. Wie erleben Sie die Situation vor Ort, wenn ein Raketeneinschlag droht?

Paul Ronzheimer: Bevor der eigentliche Bombenalarm losgeht, gibt es ungefähr zehn Minuten vorher eine Warnung auf allen Handys in Israel – egal wo man sich befindet. Man hört dann überall einen Alarmton. Das ist die erste Warnung, sich in Richtung eines Bunkers zu begeben. Kurz bevor es einen wirklichen Raketeneinschlag gibt, sorgen dann die tatsächlichen Luftalarme dafür, dass die Menschen noch einmal gewarnt werden. Dann hat man – je nachdem wo man sich gerade in Israel befindet – bis zu 90 Sekunden Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen.

Wie gehen Sie als Reporter mit dieser ständigen Bedrohung um?

Als Reporter vor Ort wollen wir natürlich darüber berichten. Hin und wieder versuchen wir, auch diese Angriffe zu zeigen. Aber seitdem die ballistischen Raketen von den Iranern abgeschossen werden, ist die Situation noch einmal sehr viel gefährlicher geworden, als es zum Beispiel zu dem Zeitpunkt der Fall war, als die Hamas oder die Hisbollah angegriffen haben. Die Raketen des Irans sind deutlich stärker.

„Wir berichten so, wie immer – mit Liveschalten, mit Interviews.“ Paul Ronzheimer im Gespräch mit Israels Präsidenten Jitzchak Herzog. Foto: Georgios Moutafis
„Wir berichten so, wie immer – mit Liveschalten, mit Interviews.“ Paul Ronzheimer im Gespräch mit Israels Präsidenten Jitzchak Herzog. Foto: Georgios Moutafis

Wie nehmen Sie die Stimmung in der israelischen Bevölkerung wahr?

Für die Menschen fühlt es sich sehr viel ernster als in den vergangenen Jahren an. Es gibt sehr viele Verletzte – und auch Tote. Die Menschen wissen, wenn eine Rakete nicht von der Flugabwehr abgefangen wird, dass diese maximalen Schaden anrichten kann. Ich habe gesehen, wie Wohnhäuser zerstört wurden. Ich war vor Ort, als ein Altenheim bombardiert wurde. Das ist natürlich etwas, was die Israelis sehr bewegt.

Wie steht die Bevölkerung aktuell zur eigenen Regierung?

Mein Eindruck ist, dass die Menschen momentan zumindest hinter der Regierung stehen. Das war in Sachen Gaza-Politik sehr viel umstrittener. Aber bei der Frage nach einer Bedrohung durch den Iran durch eine Atombombe, ist die Bevölkerung weitaus geschlossener – das ist zumindest meine Einschätzung.

Wie würden Sie die aktuelle Kriegsführung des Irans beschreiben?

Die Taktik des Irans scheint zu sein, eine Erschöpfung Israels zu provozieren. Sie schicken nicht dauerhaft 30 bis 40 Raketen-Salven, sondern momentan eher vereinzelte Geschosse. Das bedeutet aber, dass sich das Land in einem permanenten Ausnahmezustand befindet: Arbeitsplätze funktionieren nicht wie gewohnt, Restaurants sind geschlossen – das Leben steht still.

Wie gehen die Menschen mit dieser Ausnahmesituation um?

Es gibt eine gewisse Routine, aber tatsächlich auch eine wachsende Angst. Die Raketeneinschläge sind sehr viel schwerwiegender als früher, und das löst bei vielen Angst aus. Es wird die Frage sein, wie lange die Menschen das noch mittragen und unterstützen – aber momentan ist das noch der Fall.

Wie sieht Ihre Arbeit als Reporter in dieser Situation konkret aus?

Wir berichten so, wie immer – mit Liveschalten, mit Interviews. Ich habe beispielsweise Israels Präsidenten Jitzchak Herzog oder den Außenminister Gideon Sa’ar getroffen. Es geht mir einerseits darum, ein politisches Bild zu bekommen, aber auch ein Bild davon, was in der Bevölkerung passiert. Wenn es Raketeneinschläge gibt, fahren wir dorthin, interviewen die Menschen. Wir machen also unseren Job. Unsere Sicherheitsvorkehrungen sehen so aus, dass wir uns möglichst in Bunker bewegen, wenn ein Alarm ausbricht.

Wie schwierig ist es derzeit, sich in Israel zu bewegen oder das Land zu verlassen?

Es ist vor allem schwierig, aus dem Land rein- oder rauszukommen. Das ist das Komplizierte. Ansonsten hat sich bei der Fortbewegung innerhalb des Landes wenig verändert.

Reporter und TV-Journalist

Paul Ronzheimer macht nicht nur als Kriegsreporter von sich Reden, sondern führt mit seinem Podcast „Ronzheimer.“ die Bestsellerlisten an. Der gebürtige Ihlower machte sein Abitur am Auricher Gymnasium Ulricianum, absolvierte ein Volontariat bei der „Emder Zeitung“, ging 2008 an die Axel-Springer-Akademie und wurde 2019 stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Dort machte sich der 39-Jährige vor allem als Reporter aus Kriegsgebieten wie der Ukraine, Gaza oder Syrien einen Namen. 2022 wurde er als „Journalist des Jahres“ in Deutschland ausgezeichnet. Im Mai 2023 wurde der Ostfriese zudem „markenübergreifendes journalistisches Gesicht“ des Axel-Springer-Verlags.

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