Hannover  „Kinderschutzkongress“ der AfD in Hannover: Kulturkampf ums Kindeswohl

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 22.06.2025 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt (Mitte) treibt das Thema Kinderschutz in der AfD voran. Foto: dpa/Michael Matthey
Die Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt (Mitte) treibt das Thema Kinderschutz in der AfD voran. Foto: dpa/Michael Matthey
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Die AfD veranstaltet im niedersächsischen Landtag einen „Kinderschutzkongress“ und inszeniert sich als Kämpferin gegen Missbrauch. Doch vor Ort zeigt sich: Der Fokus liegt weniger auf dem Schutz von Kindern, als auf einer Agenda. Welches Ziel verfolgt die Partei?

Alle Plätze seien belegt. Weitere Anmeldungen könne man leider nicht mehr annehmen. So war es angekündigt gewesen. Aber als Vanessa Behrendt gegen 10.30 Uhr ans Rednerpult im alten Plenarsaal des niedersächsischen Landtags tritt, sind viele Stühle leer. Die familienpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion beginnt mit einer Tirade, nicht gegen „die da oben“, sondern gegen „die da draußen“.

Vor dem Gebäude habe sich ein Schulterschluss von Linken, Grünen, Kirchen, NGOs und „Pädo-Kriminelle“ versammelt. Es ist eine Demonstration gegen die Veranstaltungen, die sie hier abhalten. Diese Leute, behauptet Behrendt, hätten etwas dagegen, dass die AfD das Schweigen brechen wolle. „Sie stehen an der Seite der Täter, nicht an der Seite der Opfer von Pädophilie.“ Applaus.

Rund 135 Menschen sind in den alten Plenarsaal gekommen, das Gebäude wird von zahlreichen Polizisten abgesichert. Anlass ist der „Kinderschutzkongresses“, zu dem Vanessa Behrendt eingeladen hat. Mit dem Event will die AfD-Politikerin jenen den „Kampf“ ansagen, „die sich an Kindern vergehen“. Das Programm ist gespickt mit rechtsextremen Kampfbegriffen: Mit „starken Stimmen, die andere meiden“, solle über „Frühsexualisierung, Gender-Propaganda, Pädophilie-Verharmlosung“ und „Lebensschutz“ diskutiert werden.

In diesem Ton eröffnet Behrendt auch den Kongress: Sie wettert gegen Abtreibungen, wer anzweifle, dass es nur zwei Geschlechter gebe, sei „ein böser Mensch“. Und sexualpädagogische Konzepte in Kitas seien ein Einfallstor für „kranke und pädokriminelle Praktiken“.

Die 41-Jährige hat den Schutz von Kindern vor queeren Menschen als Thema erkannt, das Aufmerksamkeit bringt. Im Landtag und auf Social Media fällt sie regelmäßig mit extremen Aussagen gegen die „Gender-Ideologie“ auf, die sie als „Angriff auf unsere Werte, auf die Familie, auf die psychische Gesundheit und freie Entfaltung unserer Kinder“ versteht. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen in gleich drei Fällen gegen Behrendt, darunter wegen Volksverhetzung. Der Landtag hat ihre Immunität aufgehoben.

Auf dem „Kinderschutzkongress“ ist die juristische Debatte eine Randnotiz. Die Gäste: überwiegend Parteimitglieder, darunter auch viele Jüngere. Nicht wenige tragen ein Kruzifix um den Hals. Es sind kaum Parteifunktionäre von Bundes- oder Landesebene auszumachen. Eine Frau erzählt, sie sei am ersten Weihnachtstag 2024 in die AfD eingetreten. Dann holt sie aus: Sie sei 1961 geboren und früher sei alles besser gewesen, Kinder seien „behüteter“ aufgewachsen. „Heute werden die Kinder doch viel zu früh mit allerlei sexuellem Kram konfrontiert“, findet sie, „die Eltern stehen mit dem Rücken zur Wand.” Woran sie das festmacht? Etwa an „Original Play“ in den Kitas, sagt sie. Von der Spielmethode wird im Laufe den nächsten Stunden noch oft die Rede sein.

Für ein jüngeres Paar, nach eigenen Angaben „schon seit Jahren“ in der AfD, hat Kinderschutz auch mit der „Bewahrung von Werten und einem traditionellen Familienbild” zu tun. Die AfD sei die einzige Partei, die sich dafür noch starkmache. Sie finden es super, dass auch die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch nach Hannover gekommen ist, um eine Rede zu halten. Bevor von Storch 2017 in den Bundestag einzog, war sie Teil der fundamentalistischen „Schutz“-Bewegung für das „Ungeborene“.

Vanessa Behrendt ist ebenfalls Fan. Sie sagt, sie bewundere von Storch für ihren Einsatz für traditionelle Werte. Als der Berliner Stargast den Plenarsaal kurz vor Veranstaltungsbeginn betritt, umarmen sie sich herzlich. Küsschen links, Küsschen rechts.

Bereits im Vorfeld hatte der „Kinderschutzkongress“ für Empörung gesorgt. Die von der AfD „verbreiteten Behauptungen entbehren jeder fachlichen Grundlage und untergraben das Vertrauen in wichtige Präventionsarbeit“, kritisierte etwa der Kinderschutzbund. Beim Kinderschutz gehe es um ganz andere Themen: Schutz vor Armut, Förderung von Medienkompetenz sowie eine Stärkung der Schulsozialarbeit. Auch eine wissenschaftlich fundierte Sexualpädagogik sei wichtig, um Kinder zu stärken und vor Missbrauch zu schützen. Alles Punkte, die auf dem „Kinderschutzkongress“ so gut wie keine Rolle spielen.

Beatrix von Storch hat eine Präsentation mitgebracht, die auf eine Leinwand hinter dem Rednerpult geworfen wird. „Christentum und die traditionelle Familie“ steht auf der ersten Folie. Die Politikerin führt durch eine INSA-Familienstudie aus 2024. Man erfährt, dass fast 50 Prozent der Befragten Deutschland für ein kinderunfreundliches Land halten. Dann doziert sie über die vermeintlichen Vorzüge des Christentums. Sie hat Zahlen dabei. Demnach kriegen christliche Menschen im Schnitt mehr Kinder als konfessionslose und führen eher ein glückliches Leben.

Nach einer Dreiviertelstunde wechselt das Thema. Eine Regenbogenfahne erscheint auf der Leinwand. Vor allem über die „Transideologie“ schimpft von Storch jetzt. Sie äußert sich abfällig über die ehemalige trans Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer von den Grünen, die sei rumgelaufen wie eine „Prostituierte“. Dabei spricht sie Ganserer konsequent das gewählte Geschlecht ab und verwendet deren männlichen Geburtsnamen. Über trans Menschen sagt von Storch generell: „Die sollen aufhören, uns zu terrorisieren.“

Schon länger stellt die AfD queere Identitäten als gesellschaftliche Bedrohung dar. Mit dem Einzug in den Bundestag verschärfte sich der Ton. 2018 forderte die AfD, die ein Jahr vorher beschlossene Ehe für alle rückgängig zu machen. Im Wahlprogramm 2025 schreibt die Partei, es dürfe keine Indoktrination von Kindern und Jugendlichen „durch Trans-Kult, Frühsexualisierung und Genderideologie“ geben. Jede staatliche Förderung dafür müsse eingestellt werden.

Im niedersächsischen Landtag versuchte die AfD, die sexuelle Aufklärung von Kindern und Jugendlichen einzuschränken. In einem Antrag forderte die Fraktion Ende 2023 beispielsweise, „sicherzustellen, dass in Krippen und Kindergärten keine Sexualaufklärung mehr stattfinden“. Das sollte angeblich Missbrauchsversuchen vorbeugen.

Und im vergangenen Frühjahr stellte Vanessa Behrendt eine Kita im niedersächsischen Badbergen an den digitalen Pranger. Das sexualpädagogische Konzept, das die Entwicklungsschritte der Sexualität von Kleinkindern recht deutlich beschrieb, teilte Behrendt auf X und bezeichnete es als „pervers“. Über die Kita ging ein Shitstorm nieder.

Doch welche Strategie verfolgt die AfD damit? Was will sie erreichen?

„Mit dem Kampf gegen die vermeintliche Frühsexualisierung von Kindern versucht die AfD ein Thema zu besetzen, das gesellschaftlich breit verankert ist – denn Kinder schützen wollen wohl erst einmal alle“, sagt Anna-Sophie Heinze, Politikwissenschaftlerin an der Uni Trier.

Und auch beim Kinderschutz suggeriere die AfD, sie sei im Gegensatz zu der anderen Partei die einzige, die das Thema wirklich ernst nehme. Man kennt das Narrativ von Migrationsdebatten. „Eine Veranstaltung wie der ‚Kinderschutzkongress‘ dürfte der Versuch sein, das Bild der ‚Anti-Establishment-Partei‘ zu verstärken“, glaubt Heinze.

Im Landtag in Hannover wird deutlich, dass es der AfD vor allem darum geht, den Kulturkampf gegen Diversität und Vielfalt zu befeuern. Fachliche Konzepte zur Verbesserung des Kinderschutzes fehlen. Etwas sachlicher wird es, als Dennis Engelmann ans Mikro tritt. Er ist Gründer und Vorsitzender des Vereins „Kinderseelenschützer“.

Laut eigenen Aussagen setzt sich die Organisation gegen „Kindesmissbrauch, Mobbing und Behördenversagen“ ein. Interessant: Bis vor Kurzem soll Engelmann Mitglied der Linken gewesen sein. Aber nach der Zusage am „Kinderschutzkongress“ habe er die Partei verlassen, um einem möglichen Ausschlussverfahren zuvorzukommen.

Engelmanns Stimme zittert leicht. Er sei aufgeregt, erklärt er und berichtet dem Publikum, wie als Kind Missbrauch erlebt habe, gemobbt worden sei. Zwei Suizidversuche habe er hinter sich. Deshalb habe er den Verein gegründet. Er kritisiert, dass die fast 600 Jugendämter in Deutschland keine einheitliche Arbeitsweise hätten. Dass die Kontrollen unzureichend sein, es dadurch zu schwerwiegenden Fehlern komme, weil die Gefahr für Kinder nicht erkannt werde. Daher fordert Engelmann eine unabhängige Fachaufsicht – und mehr Geld. „Die Jugendämter werden von den Kommunen finanziert, stehen oft unter Sparzwängen und sind massiv überlastet.”

Doch auch Engelmann, obwohl kein AfD-Mitglied, stimmt in den Chor seiner Vorredner, warnt vor „Gender-Propaganda“ und einer „Pädophilen-Bewegung“. Oder vor „Original Play“. Was es damit auf sich hat?

Bei „Original Play“ kommen fremde Erwachsene in Kitas, um dort mit Kindern zu kuscheln und zu rangeln. Entwickelt hat das Spiel der US-Amerikaner Fred Donaldson. Auch in Deutschland nutzten Einrichtungen, zumeist christliche, das Pädagogikkonzept. 2019 geriet „Original Play“ in die Schlagzeilen, als in Kindergärten Missbrauchwürfe im Zusammenhang mit der Methode laut wurden. Darauf hin untersagten mehrere Bundesländer die fragwürdige Spielerei. Einen flächendeckenden Einzug in die Kitas hat „Original Play“ aber nie erhalten.

Die AfD kritisiert, dass die niedersächsische Landesregierung gegen ein Verbot ist. Die rot-grüne Koalition argumentiert, ein Verbot sei nicht nötig, weil „Original Play“ in Niedersachsen nicht angewendet werde. Auf dem „Kinderschutzkongress“ wollen sie das nicht glauben.

Obwohl sie den Saal nicht voll bekommen haben, zeigt sich Vanessa Behrendt zufrieden. Die Veranstaltung sei aufgrund der großen Aufmerksamkeit von Medien, Verbänden und Behörden schon im Vorfeld ein großer Erfolg gewesen, sagt sie.

Und das soll nur der Auftakt gewesen sein. In Zukunft soll der „Kinderschutzkongress“ jedes Jahr stattfinden, wie Behrendt am Rande des Events sagt. Zumindest kann sie sich das vorstellen. Der „Schutz der Kinder“ ist ihre Mission. Und offenbar steht sie erst am Anfang.

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