Osnabrück  Kinofilme zeigen deutlich weniger Sex als früher - aber wieder mehr Gewalt

Tilmann Gangloff
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Von Tilmann Gangloff
| 22.06.2025 09:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sex nimmt ab, Gewalt nimmt zu. Wo steuert die moderne Filmindustrie hin? Foto: IMAGO/United Archives International
Sex nimmt ab, Gewalt nimmt zu. Wo steuert die moderne Filmindustrie hin? Foto: IMAGO/United Archives International
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Sexszenen im Kino werden weniger, Gewalt tritt stärker in den Vordergrund. Intimitätskoordinatorinnen und die „MeToo“-Bewegung verändern den Umgang mit Nacktheit und Sexualität im Mainstream-Film nachhaltig.

James Bond fackelte nicht lange, weder bei seinen Gegnern noch bei seinen Bettbekanntschaften. Wenn er eine Gespielin wollte, nahm er sie sich. Das war in den Sechzigerjahren ganz normal, zumindest im Kino: Zunächst sträubten sich die Frauen, dann gaben sie sich willig hin; immerhin sah der Geheimagent wie Sean Connery aus. Niemand fand das anstößig.

Der Kinofilm war jahrzehntelang ein durch und durch maskulines Medium. Männer schrieben die Drehbücher, führten Regie, waren meist die Hauptdarsteller. Ihr Blick prägte die Bilder. Typisch dafür ist ein Kameraschwenk, der bei den Füßen einer möglichst spärlich bekleideten Frau beginnt und dann langsam den Körper entlang wandert.

Sehr verbreitet war auch die Detailansicht von Po oder Busen. Diese Art der Darstellung war im Mainstream-Kino den Frauen vorbehalten. Bei Männerkörpern hätte ein Großteil der männlichen Zuschauer solche Einstellungen höchstwahrscheinlich als „schwul“ empfunden.

Sex im Film ist so alt wie das Kino. Weil sich die Zeiten ändern, war die Darstellung von Lust und Begehren ständigen Veränderungen unterworfen. Im Amerika der Fünfzigerjahre zum Beispiel durften Leinwandküsse nicht länger als vier Sekunden dauern. In den lockeren Siebzigern wandelte sich das grundlegend. Zwischenzeitlich machte die erotisierende Darstellung weiblicher Körper nicht mal vor Kindern halt.

Nacktaufnahmen einer Zwölfjährigen wie von Brooke Shields in Louis Malles „Lolita“-Variation „Pretty Baby“ (1978) sind schon länger undenkbar. Allerdings klagte Sarah Kim Gries (35) kürzlich auf ihrem TikTok-Kanal, sie sei vor mehr als zwanzig Jahren als damals ebenfalls zwölfjährige Darstellerin der weiblichen Hauptrolle Vanessa in der Filmreihe „Die wilden Kerle“ (2003 bis 2008) sexualisiert worden.

Seit einiger Zeit lässt sich eine gegenteilige Entwicklung beobachten. Gerade das Mainstream-Kino verzichtet zunehmend auf sexualisierte Aufnahmen von Frauen. Statistiken scheinen das zu bestätigen: In den 250 erfolgreichsten Filmen der letzten gut zwanzig Jahre sind Sexszenen angeblich um 20 Prozent zurückgegangen. Auch Filmwissenschaftler bestätigen den Eindruck: weniger Sex, mehr Gewalt. Die Freizügigkeit des Hollywood-Films der Siebziger oder die größere Sensibilität der letzten Jahre gegenüber Personen, die irgendwie anders sind, konnten ohnehin nicht kaschieren, dass die USA im Grunde ein vom Puritanismus geprägtes Land sind.

Kein Kinotrend hat das stärker verdeutlicht als die Erotikthriller der Neunzigerjahre. In Filmen wie Paul Verhoevens „Basic Instinct“ (1992), dem Klassiker des Genres, wurde das männliche Begehren prompt bestraft. Auf geradezu perfide Weise verkehrten diese Produktionen die weibliche Emanzipation in ihr Gegenteil: Von selbstbestimmten, sexuell aktiven Frauen ging eine tödliche Gefahr aus. 

Mittlerweile achten Intimitätskoordinatorinnen darauf, dass sich alle Beteiligten bei Liebes- und Nacktszenen wohlfühlen. Früher, sagt Ita O’Brien, seien solche Momente „der Elefant im Raum“ gewesen: „Alle wussten, dass sie kommen würden, aber niemand sprach darüber.“ Die ehemalige Tänzerin ist gewissermaßen die Erfinderin dieses neuen Berufszweigs.

Neben dem Verzicht auf die inhaltlich zwar völlig irrelevanten, aber dennoch obligaten Aufnahmen von Hauptdarstellerinnen beim Duschen ist die Einführung von „Intimacy Coaches“ das deutlichste Zeichen dafür, dass sich seit der „MeToo“-Bewegung rund um die Beschuldigungen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein wegen sexueller Übergriffe (2017) etwas geändert hat.

Nacktszenen werden laut Intimitätskoordinatorin O’Brien mittlerweile ähnlich sorgfältig vorbereitet wie riskante Stunts. In der Zeit vor „MeToo“ hätten Schauspielerinnen große Angst gehabt zu sagen: „Ich möchte mein Oberteil nicht ausziehen.“ Wer sich weigerte, „galt als schwierig oder unprofessionell.“ Das berüchtigtste Fehlverhalten in dieser Hinsicht waren die Dreharbeiten zu Bernardo Bertoluccis Skandalfilm „Der letzte Tango in Paris“ (1972) mit Marlon Brando: Hauptdarstellerin Maria Schneider hatte erst unmittelbar vor dem Dreh einer Vergewaltigungsszene von einer Änderung des Skripts erfahren.

Die Französin, damals nicht mal 20, traute sich nicht zu protestieren. Sharon Stone wurde bei „Basic Instinct“ auf ähnliche Weise überrumpelt. Als sie die berühmte Szene, in der sie in ihrer Rolle während einer Befragung durch Polizisten die Beine übereinander schlägt, das erste Mal im Kino sah, war sie schockiert: Verhoeven hatte sie unter Hinweis auf einen technischen Vorwand überredet, ihren Slip auszuziehen und ihr versichert, im fertigen Film werde nicht zu erkennen sein, dass sie keine Unterwäsche trage.

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