Hamburg Die Bundeswehr und das Geheimnis der 8400 Leichensäcke
Die Bundeswehr braucht nicht nur mehr Waffen und Personal, sondern offenbar auch Tausende Leichensäcke. Doch zu welchem Zweck ist diese eher morbide Anschaffung geplant?
Aus Kunststoff sollen sie sein. Außerdem luft-, wasser- und gasdicht. Gedacht sind sie – so trocken funktionieren Ausschreibungen nun mal – zum einmaligen Gebrauch. Exakt 8400 Leichenbergesäcke sucht das Beschaffungsamt der Bundeswehr derzeit. Das niedrigste Angebot gewinnt. Von wem das kommen wird, ist noch offen. Doch das größere Geheimnis der Leichensäcke ist: Wofür werden sie benötigt?
Die Bundeswehr weigert sich konsequent, den Sinn der Ausschreibung zu kommentieren. Alle Informationen gelten als Verschlusssache, weder könne man sich öffentlich dazu äußern, wie viele solcher Säcke man bereits hat, wo zuletzt welche benötigt wurden und wie man jetzt auf die Idee gekommen ist 8400 weitere auszuschreiben. Wie bei Waffensystemen wolle man auch in dieser Frage potenziellen Feinden nicht zu viel über die Zustände der Bundeswehr verraten.
Klar ist nur: Gedacht sind sie für die beiden großen Sanitätsmateriallager im brandenburgischen Krugau und im westfälischen Epe. Vor allem während der Corona-Pandemie haben sich die beiden Lager als besonders wertvoll erwiesen.
Hier lagern zahlreiche Medizinprodukte, von hier aus werden unter anderem auch die Bundeswehrkrankenhäuser versorgt. Utensilien zum Bergen von Leichen werden in Krankenhäusern jedoch eher nicht benötigt.
Sowohl das Beschaffungsamt (BaAINBw) als auch das Unterstützungskommando, zu dem der Sanitätsdienst gehört, verweisen auf Anfrage der Redaktion zumindest darauf, dass die aktuelle Ausschreibung zur Erfüllung des Bundeswehrauftrages gehört. Und zum Aufgabenspektrum der Bundeswehr gehöre es nun mal, einen möglichen Transport von Leichen zu gewährleisten. Das klingt zunächst nach bitterer Kriegslogik: Wer kriegstüchtig ist, muss auch an die unschönsten Konsequenzen denken.
Da in der Bundeswehr derzeit alles auf Landes- und Bündnisverteidigung umgestellt wird, ist die Vorhaltung von Leichensäcken morbide und konsequent zugleich. Sollte das NATO-Bündnis doch in einen bewaffneten Konflikt eintreten, wird Deutschland nicht nur logistisch, sondern auch bei der Verwundetenversorgung als Drehscheibe eine zentrale Rolle einnehmen, wie Johannes Backus der „FAZ“ sagte. Backus ist Kommandeur der Gesundheitseinrichtungen der Bundeswehr.
Doch der Bedarf an Leichensäcken muss nicht nur an Kriegsszenarien liegen. Sprecher der Bundeswehr ließen auf Nachfrage zumindest durchblicken, dass man die „Verbrauchsgegenstände“ in der Vergangenheit durchaus verbraucht hatte. Die Bundeswehr selbst verzeichnet seit 2020 etwas mehr als 100 Todesfälle von Soldaten und zivilen Mitarbeitern im Dienst.
Doch vor allem bei Katastrophen wurde die Bundeswehr immer wieder mit Toten konfrontiert. Bei der Corona-Pandemie leistete sie ebenso Amtshilfe wie bei der Ahrtal-Flut. Nach dem verheerenden Erbeben in der Türkei und Syrien mit mehr als 60.000 Opfern 2023 flogen etwa 100 Mitglieder des Bundeswehr-Sanitätsdienstes in die Türkei und errichteten dort ein Rettungszentrum.
Wurden bei solchen Einsätzen die Bestände der Bundeswehr aufgebraucht? Das zuständige Unterstützungskommando schwiegt auch dazu. Wie viel Geld die Bundeswehr für die Plastiksäcke einplant, behält die Truppe ebenfalls lieber für sich. Klar ist nur: Für die Sanitätsgeräte und Vorräte plant die Bundesregierung 2025 mit rund 120 Millionen Euro. Das ist so viel Geld wie seit 2020 nicht mehr.