Osnabrück Shalicar: „Irans Führer Chamenei nicht mit Saddam Hussein vergleichen, sondern mit Hitler“
Was will Israel mit dem Angriff auf den Iran erreichen? Wie dramatisch ist die Lage in Tel Aviv und Jerusalem? Darauf gibt Arye S. Shalicar brisante Antworten. Der Sprecher der Israelischen Armee der Reserve, Schriftsteller und Betreiber des Podcasts „Nahost Pulverfass – Kriegsbericht aus Israel“ im Interview.
Arye S. Shalicar kennt beide Seiten des Konflikts wie kaum ein anderer. Der 1977 in Göttingen geborene Sohn iranischer Flüchtlinge wuchs in Deutschland auf, wanderte später nach Israel aus. Er arbeitet dort in der Regierung und diente als Sprecher der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Momentan ist er Reservist. Heute lebt der Autor mehrerer Bücher mit seiner Familie bei Jerusalem. Seine persisch-jüdische Herkunft gibt ihm einen besonderen Blick auf den aktuellen Konflikt zwischen Israel und dem iranischen Mullah-Regime.
Frage: Sie sind der Sohn iranischer Flüchtlinge, die in den 1970er Jahren nach Deutschland flohen. Heute leben Sie mit Ihrer Familie in Israel. Schlägt in diesen dramatischen Kriegszeiten Ihr Herz auch ein Stück für die iranische Bevölkerung?
Antwort: Für mich ist das eine Win-Win-Win-Situation. Erstens, weil wir hoffen, dass die Zerstörung des Atomprogramms der Mullahs eine existenzielle Gefahr für Israel beseitigt. Zweitens, weil wir glauben, dass so ein regionaler Wettlauf um Nuklearwaffen vermieden wird.
Antwort: Kämen die Iraner in den Besitz von Atomwaffen, würden die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten nachziehen. Und drittens: Aufgrund meiner persischen Identität, aber auch als Mensch mit Herz und Verstand, wünsche ich mir, dass die Menschen nach 46 Jahren Terrorherrschaft endlich in Freiheit leben können und von dieser Diktatur befreit werden.
Frage: Glauben Sie, dass sich die iranische Opposition jetzt erheben wird?
Antwort: Seit der Grünen Revolution 2009 hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen sein könnte, dass die Iraner nach 46 Jahren Geiselhaft ihre Freiheit zurückgewinnen. Ich denke, Israel hat in den letzten Tagen die Tore weit geöffnet. Es ist jedoch schwer vorherzusagen, ob sich die Opposition im Iran und außerhalb des Landes so organisieren wird, dass sie diese einmalige Chance nutzen kann.
Frage: Müssten die Europäer jetzt nicht die iranische Opposition stark unterstützen?
Antwort: Ja, auf alle Fälle. Viele im Westen betrachten den Nahen Osten naiv und verstehen nicht wirklich, was hier vor sich geht.
Frage: Was meinen Sie konkret?
Antwort: Nehmen wir die Beispiele Libyen, Afghanistan oder Saddam Hussein im Irak: Viele denken, es sei besser, eine Diktatur gewähren zu lassen – so grausam sie auch sein mag –, als sich einzumischen, weil dann das totale Chaos herrscht und vielleicht noch etwas Schlimmeres danach kommt. Diese Sichtweise ist jedoch komplett verzerrt.
Frage: Warum? Irak und Afghanistan endeten doch im Desaster?
Antwort: Das ist aber nichts im Vergleich zu dem, was jetzt droht. Es gibt nichts Schlimmeres als ein apokalyptisches, islamfaschistisches Regime, das Israel vernichten will und gleichzeitig an Atomwaffen und ballistischen Langstreckenraketen bastelt, um den Plan umzusetzen. Ayatollah Ali Chamenei sollte man deshalb nicht mit Saddam Hussein vergleichen, sondern mit Hitler, der mehr als sechs Millionen Juden ermordet hat.
Frage: Sind Sie froh, dass sich der Kanzler an die Seite Israels gestellt hat, indem er gesagt hat: „Israel erledigt für uns die Drecksarbeit“?
Antwort: Ja. Friedrich Merz versteht auch, dass das iranische Mullah-Regime Putin bei dessen Krieg gegen die Ukraine mit Kamikaze-Drohnen unterstützt und auch bei der ballistischen Raketenentwicklung hilft. Der Iran stellt nicht nur eine Gefahr für Israel dar, sondern auch für Zentraleuropa. Im Endeffekt machen wir die „Drecksarbeit“.
Frage: Wie groß sind bisher in Israel die Schäden?
Antwort: Es gibt natürlich sehr viel Sachschaden. Auch ein Krankenhaus wurde getroffen und mehrere Hochhäuser im Zentrum des Landes. Es gab bislang mehr als 20 Tote und rund 1000 Verletzte. Das ist schon nicht ganz einfach für uns.
Antwort: Aber man muss sagen: Die Iraner haben in den letzten fünf Tagen über 400 ballistische Raketen abgefeuert, plus Hunderte von Kamikaze-Drohnen. Die meisten konnten wir abfangen. Circa zehn Prozent sind durch die Sicherheitssysteme gekommen. Damit müssen wir in der jetzigen Situation leben, um unsere Ziele zu erreichen.
Frage: Brauchen Sie dafür von Trump bunkerbrechende Bomben?
Antwort: Die amerikanischen Verteidigungssysteme sind im Nahen Osten im Einsatz, seit die Iraner schießen. Und nicht nur die Abwehrsysteme der Amerikaner, sondern auch die anderer arabischer Staaten. Israel steht in Sachen Verteidigung definitiv nicht alleine da.
Frage: Wer zählt dazu?
Antwort: Jordanien, aber auch andere Staaten, die sich öffentlich bedeckt halten, bringen sich ein. Das iranische Mullah-Regime wird als Bedrohung für die gesamte Region wahrgenommen – nicht nur von Israel, sondern auch von der „pragmatischen arabischen Nachbarschaft“ im Nahen Osten. Es würde allen hier in die Hände spielen, wenn dieses Regime gestürzt wird. Dann würden auch die vom Iran gestützten Kräfte wie Hisbollah, Hamas und Huthi-Milizen in Zukunft nicht mehr finanziell und mit Raketen unterstützt werden.
Frage: Soll Donald Trump tatsächlich bunkerbrechende Bomben auf iranische Atomanlagen werfen lassen?
Antwort: Die Amerikaner müssen entscheiden, ob sie auf den Zug aufspringen, um dem Atomwaffenprojekt der Iraner den Todesstoß zu versetzen – und vielleicht auch dem Terrorregime. Ayatollah Ali Chamenei sitzt derzeit in irgendeinem Bunker und sieht, dass rechts und links seine Terrorchefs einer nach dem anderen von Israel ausgeschaltet werden. Das bringt ihn natürlich in eine problematische Situation, in der er anfängt zu schwitzen. Das ist berechtigt, es ist gut, dass er schwitzt.
Antwort: Es liegt jetzt an ihm, einzulenken. Es gibt am Freitag Gespräche mit den Europäern und dem Außenminister des Irans, um Teheran zum Einlenken zu bewegen. Das haben die Amerikaner in den vergangenen sechs Monaten in Gesprächen auch versucht. Das hat aber nicht funktioniert, weil die Iraner nicht kooperieren wollten. Auch die Internationale Atomenergiebehörde hat vor einer Woche ganz klar festgestellt, dass die Iraner massiv gegen den Atomwaffensperrvertrag verstoßen haben. Das Nicht-Einlenken der Mullahs war eine Art Kriegserklärung.
Frage: Wie gehen ihre Familie und Sie mit der ständigen Bedrohung um?
Antwort: Ich bin jederzeit bereit, schnell mit den Kindern in den Schutzbunker zu gehen, wenn die Sirenen angehen. Das habe ich letzte Nacht gemacht, vorgestern Nacht und auch tagsüber passiert das immer wieder. Ja, das ist gerade die Situation.
Antwort: Für die Kinder war die erste Nacht besonders beängstigend, weil wir das in den letzten 20 Monaten so nicht erleben mussten. Die Raketen und Drohnen aus dem Jemen, Syrien, Irak, von Hisbollah und Hamas sind ein anderes Level als die ballistischen Raketen, die jetzt der Iran auf uns abfeuert. Die Einschläge sind sehr laut. Auch wenn Raketen abgefangen werden, gibt es laute Explosionen.
Frage: Können Sie ihre beiden Kinder beruhigen?
Antwort: Ja. Ich kann sie als Papa beruhigen. Ich sage ihnen, das sind gute Tage für Israel. Wir kümmern uns hier um eine existenzielle Gefahr. Das sind insbesondere gute Nachrichten für meine Kinder, weil sie hoffentlich in fünf Jahren, vielleicht in zehn Jahren, in einer sichereren und friedlicheren Region groß werden. Und die Gefahr wird hoffentlich gebändigt sein.
Antwort: Eine Gefahr, die mich persönlich seit 20, 30 Jahren verfolgt, insbesondere seit sich der damalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad bei den Vereinten Nationen hingestellt und gesagt hat: „Unser Ziel ist es, Israel von der Landkarte zu löschen.“ Und wenn man dann sieht, dass sie Atomwaffen bauen – also den Worten Taten folgen lassen –, dann versteht man, dass das eine ganz, ganz große Gefahr ist – für dich, für deine Kinder, für die Zukunft deines Landes. Und ich bin froh, dass wir uns endlich der Bedrohung annehmen.