Region Osnabrück Ein Jahr lang nicht in der Schule: Wie eine Schülerin im Osnabrücker Südkreis zurückfand
Es geschah von heute auf morgen: Eine Schülerin aus dem Osnabrücker Südkreis konnte wegen einer Angststörung fast ein Jahr lang nicht zur Schule gehen. Wie sich diese Zeit auf sie und ihre Familie ausgewirkt hat und wie sie schließlich zurück in ihr altes Leben fand.
Es war der 17. Mai 2023, der Tag vor Christi Himmelfahrt, an dem sich das Leben von Nele* und ihren Eltern tiefgreifend änderte. Morgens steht die Schülerin zitternd und weinen vor ihren Eltern und sagt, dass sie nicht in die Schule gehen könne.
„Man hat echt nicht gedacht, dass das etwas Schlimmeres sein könnte“, erinnert sich Neles Mutter, die ihre Tochter an dem Tag zu Hause bleiben ließ. Doch am nächsten Schultag wiederholte sich die Situation. Letztendlich dauerte es fast ein Jahr, bis Nele erstmals wieder ihre weiterführende Schule betreten konnte.
„Wenn es dir heute nicht gut geht, bleibst du zuhause“, sagte Neles Mutter zu ihrer Tochter. Nach dem langen Wochenende werde schon wieder alles in Ordnung sein, dachten die Eltern. Schließlich sei ihrer Tochter bis dahin ein ganz normales Kind gewesen. „Sie war total gut in der Schule, hatte immer viele Freunde, verabredete sich, war ständig unterwegs“, erinnert sich ihr Vater. Doch das alles war im Frühjahr 2023 schlagartig vorbei.
Jeden Morgen versuchte Neles Mutter, ihre Tochter in die Schule zu bringen – ohne Erfolg. Mal schaffte Nele es bis auf den Parkplatz, mal bis zur Schultür, weiter aber nicht. „Vier Monate haben wir das versucht“, berichtet ihre Mutter. Dazu wollte Nele nicht mehr zu ihren Freundinnen oder Großeltern gehen, diese sollten sie besuchen. Ihre Mutter sollte, so viel es geht, zu Hause sein. „Mein Arbeitgeber hat mir viel Homeoffice ermöglicht, sodass ich da sein konnte“, erzählte Neles Mutter.
Während Nele sich immer weiter zurückzog, versuchten ihre Eltern herauszufinden, was mit ihrem Kind passiert war. „Wir wurden irgendwann selbst auch unruhig“, erinnert sich ihr Vater.
Am Wochenende nach Christi Himmelfahrt brachte ihre Mutter Nele zur Kinderärztin. „Wir haben sie untersuchen lassen, auch das Blut, um zu schauen, ob es vielleicht pfeiffersches Drüsenfieber ist“, sagt Neles Mutter. Doch alle Werte waren in Ordnung. Die Ärztin tippte auch eine psychische Ursache für Neles Symptome.
Damit begann für Neles Eltern ein Ärzte-Marathon. Denn die Kinderärztin wollte das Mädchen nur für einige Tage krankschreiben, ebenso der Hausarzt. Beide rieten dazu, einen Psychologen aufzusuchen. Dort zeitnahe einen Termin zu bekommen, sei aber äußerst schwer gewesen, berichten Neles Eltern. Gleichzeitig wollte die Schule eine Entschuldigung. „Man hat jeden Tag mit der Schule morgens telefoniert und ist dann von Arzt zu Arzt gefahren“, erinnert Neles Mutter sich an die ersten Wochen.
„Mit viel Glück haben wir dann nach vier oder fünf Wochen einen ambulanten Therapieplatz beim AKJP bekommen“, erzählt Neles Vater. An der Akademie für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (AKJP) in Osnabrück bekam das Mädchen einen wöchentlichen Termin. Viele Menschen hätten dieses Glück aber eben nicht, fügt er an.
Bei Nele wird eine Angststörung diagnostiziert. Was genau sie ausgelöst hat, wissen ihre Eltern aber auch heute noch nicht. Sie hätten sich hinterfragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten, etwas nicht mitbekommen hätten, Mobbing in der Schule etwa, erzählen Neles Eltern. „Man macht sich sonst was für Gedanken“, betont ihr Vater. Ihre Tochter habe all diese Dinge aber verneint. „Sie sagte selbst, dass sie nicht wusste, woran es lag.“
Je länger die Krankheit anhielt, desto mehr nagte sie an der Familie. „Im Grunde genommen war es ein Jahr richtiger Horror“, fasst es Neles Vater zusammen. Seine Tochter habe überhaupt keinen Spaß mehr am Leben gehabt, sich sehr zurückgezogen. „Ich hatte immer das Gefühl, dass sie alles gerne machen wollte, aber es in dem Moment nicht konnte“, sagt ihre Mutter.
Für die Eltern war die Situation ebenfalls sehr belastend. „Wir haben uns jeden Tag Sorgen gemacht.“ Beide sind ihren Arbeitgebern sehr dankbar, die ihnen in dieser Zeit sehr entgegenkamen und die vielen Fahrten zu Ärzten und anderen Terminen ermöglichten. „Aber wir sind komplett neben der Spur gelaufen“, betont Neles Vater. Auch für ihre Beziehung war die Zeit eine Belastung, fügt er hinzu. „Man funktioniert in dem Moment und versucht alles fürs Kind möglich zu machen, dass es ihm wieder gut geht“, sagt Neles Mutter, „aber die Nerven lagen irgendwann blank, weil man nur unter Stress steht.“
Ihre Geschichte erzählen sie daher vor allem, um anderen Eltern Mut zu machen. „Die Kinder rappeln sich wieder auf“, betont Neles Mutter. Wichtig sei, die Hoffnung nicht zu verliren.
Im Herbst 2023 hatte die Familie aus dem Osnabrücker Südkreis dann erneut Glück: Nele bekam einen ambulanten Therapieplatz am Kinderhospital Osnabrück. Teilweise müsse man dort ein Jahr warten, berichtet Neles Vater, „aber wir haben innerhalb von vier Monaten einen Platz bekommen.“ Von da an brachten Neles Eltern sie morgens nach Osnabrück und holten sie nachmittags wieder ab. „Da haben auch Neles Opas sehr geholfen und einige Fahrten übernommen“, berichtet die Mutter des Mädchens.
In der Klinik wurde der Unterricht in den Hauptfächern übernommen, dazu wurden Gesprächstherapie, Werken oder auch Basteln angeboten. „Einmal in der Woche gab es ein Therapiegespräch mit uns“, sagt Neles Mutter. Die Kinder bekamen auch kleine Aufgaben gestellt – Bus fahren, einen Abstecher in den Supermarkt oder die Stadt – um sie herauszufordern. „Das war eine tolle Klinik“, sind sich die Eltern einig.
Die entscheidende Hilfe war in ihren Augen aber kein Therapeut, sondern eine Mitpatientin, die Ende 2023 in die Klinik kam. „Sie war im gleichen Alter, hatte ein ähnliches Problem und war auf der gleichen Schulform“, erzählt Neles Mutter. Die beiden Mädchen hätten sich gegenseitig aufgepäppelt.
Kurz vor Ostern 2024 trugen die Therapie und die Freundschaft schließlich Früchte. „Eine Woche vor den Osterferien kam Nele abends zu mir und sagte, dass sie am Montag wieder zur Schule gehen wolle“, erzählt ihr Vater. „Da haben wir in dem Moment gar nicht mit gerechnet“, erinnert er sich. In Absprache mit der Klinik startete so Neles Wiedereinstieg in ihre Klasse: in der ersten Woche für zwei Stunden, dann für vier, danach für sechs. Ihre Eltern brachten sie in dieser Phase morgens zur Schule, danach in die Klinik und holten sie abends wieder nach Hause.
Die Rückkehr gelang: „Nele ist gut wieder angekommen und hat alles, so gut es geht, aufgeholt“, freut sich ihre Mutter. Ihre Noten sind so gut, dass sie trotz der Fehlzeit keine Klasse wiederholen musste und so mit ihren Freundinnen weiter in eine Klasse gehen kann. Auch das Besuchen von Freunden und Großeltern außerhalb ihres Elternhauses traute sie sich wieder zu.
Nach der Entlassung aus der Klinik ging Nele noch ein halbes Jahr zu ihrer wöchentlichen Therapie im AJKP, im November 2024 lief diese auf ihren Wunsch aus. Einen Rückfall hat das Mädchen nicht erlebt, seitdem es wieder zur Schule geht. Allerdings spricht sie auch nicht gerne über diese Zeit, sagen ihre Eltern.
Neles Eltern sind vor allem froh darüber, dass es ihrer Tochter wieder gut geht. „Sie genießt ihr Leben wieder, fährt mit Freundinnen in die Stadt“, sagt ihre Mutter lächelnd. Ihre zwei besten Freundinnen seien ohnehin eine große Stütze für Nele gewesen. „Sie haben ihr immer zur Seite gestanden, waren da, haben ihr gebastelte Sachen mitgebracht“, erzählte Neles Vater, „das können wir in unserem Leben nicht mehr gutmachen.“
*Der Name der Schülerin ist zum Schutz ihrer Identität geändert.