Fragen & Antworten So funktioniert der Steuerbetrug mit Asia-Restaurant-Kassen
In Leer sollen in einem Asia-Restaurant fast 1,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen worden sein. Wir erklären, wie der Betrug mit den Kassensystemen funktioniert. Und: Wie kommen Fahnder dahinter?
Aurich/Leer - In einem Leeraner Asia-Restaurant sollen in den Jahren 2015 bis 2019 fast 1,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen worden sein. Die 50 Jahre alte Angeklagte hat am Landgericht Aurich bereits gestanden, von der Steuerhinterziehung gewusst zu haben. Sie bestreitet aber, die Drahtzieherin zu sein. Stattdessen beschuldigt sie ihren Ehemann und ihren ehemaligen Chef, hinter der Sache zu stecken. Sie sei nur eine Strohfrau gewesen. Wie genau soll der Betrug abgelaufen sein? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Was wird der Restaurantbetreiberin vorgeworfen?
Sie soll in mehr als 1000 Fällen die Tagesumsätze des Kassensystems so manipuliert haben, dass auf den Tagesabschlussbeleg für die Buchhaltung – auf den Z-Bon – ein viel zu niedriger Betrag gedruckt wurde. So soll ein viel zu niedriger Gewinn versteuert worden und Abgaben in Höhe von fast 1,2 Millionen Euro hinterzogen worden sein.
Welche Kassensysteme kamen zum Einsatz?
Nachweislich wurde in den Jahren 2015 bis 2018 das System „Multiway“ eingesetzt, ehe 2019 auf „JGastro“ umgestellt wurde. Beide Programme sind als Betrugssoftware berühmt-berüchtigt, die Manipulation der Umsätze funktioniert auf beiden Geräten aber jeweils anders.
Wie funktioniert der Betrug mit „Multiway“?
Das „Multiway“-System basiert auf einem ganz normalen Windows-Computer, auf dem die Kassen-Software läuft. Innerhalb der Systemdateien befindet sich aber ein verstecktes und passwortgeschütztes Programm, in dem Einstellungen vorgenommen werden können, die den Betrug mit der Kasse ermöglichen. Etwa wird dort festgelegt, ob mit einem Passwort oder einem einzusteckenden USB-Stick auf die Betrugsebene zugegriffen werden kann und ob das nur zu festen Uhrzeiten möglich sein soll. Im Kassensystem selbst kann dann über gewisse Tastenkombinationen und die Eingabe des Passworts oder das Einstecken des USB-Sticks ein Menü freigeschaltet werden, in dem Manipulationen am Tagesabschluss vorgenommen werden. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten: zum Beispiel eine Prozent-Automatik, eine Euro-Automatik oder eine manuelle Manipulation. Bei der Prozent-Automatik gibt der Betrüger ein, wie viel Prozent des Tagesumsatzes auf dem Z-Bon auftauchen soll. Werden dort 60 Prozent eingestellt, verkürzt das Programm den Tagesumsatz also um etwa 40 Prozent – „etwa“ deshalb, weil die Software intelligent vorgeht: Es werden nicht einfach Bons gelöscht. Stattdessen werden wegen einer möglichen Nachverfolgung Kartenzahlungen oder Bestellungen mit Bewirtungsbelegen nicht angerührt. Außerdem werden die jeweiligen Bons so angepasst, dass Bestellungen für Rechnungsprüfer weiterhin nachvollziehbar bleiben. Je nachdem, wie viele sinnvolle Manipulationen möglich sind, nähert sich das Programm den gewünschten 40 Prozent an. Die Euro-Automatik funktioniert ähnlich – nur wird hier statt ein prozentualer Wert eine gewünschte Restsumme in Euro eingestellt. Beim manuellen Betrug kann der Bediener selbst auswählen, was wo gestrichen werden soll.
Wie funktioniert der Betrug mit „JGastro“?
Beim „JGastro“-System kommt für die Manipulation ein Smartphone oder Tablet zum Einsatz. Dort wird eine spezielle Betrugs-App aufgerufen, die aber nur dann funktioniert, wenn sich Kasse und Mobilgerät im selben Netzwerk befinden. Mit einem Schieberegler wird eingestellt, um wie viel Prozent die Tagesumsätze reduziert werden sollen. Ein Tipp auf „Ausführen“ – und die Daten sind gelöscht. Auch diese Software geht intelligent vor und warnt die Betrüger im Zweifel, wenn Umsätze wie Kartenzahlungen gelöscht werden, die von Fahndern möglicherweise zu leicht nachvollzogen werden könnten.
Wie lässt sich der „Multiway“-Betrug nachweisen?
Lassen Restaurantbetreiber einen gefälschten Z-Bon drucken, gibt das Programm ihnen die Möglichkeit, die Uhrzeit des Tagesabschlusses frei zu wählen. Windows-Computer dokumentieren aber intern, wann ein Computer heruntergefahren und wann die zur Kasse gehörige Datenbank abgeschaltet wurde. Soll der Z-Bon also zu einer Zeit gedruckt worden sein, in der weder Computer nach Datenbank aktiv waren, deutet das auf einen Betrug hin. Zudem können die Ermittler unter anderem beim Betrachten der Druckaufträge Unstimmigkeiten erkennen oder das Einstecken des USB-Sticks zurückverfolgen. Im Leeraner Fall wurden die gelöschten Umsätze außerdem, wahrscheinlich versehentlich, in einer weiteren kassen-internen Datenbank abgelegt – ein Glücksgriff für die Ermittler.
Wie lässt sich der „JGastro“-Betrug nachweisen?
Beim Einsatz von „JGastro“ haben die Ermittler in vielen Fällen Reste der gelöschten Umsätze in der Kassendatenbank aufspüren und dekodieren können. Außerdem ist den Programmierern ein entscheidender Fehler unterlaufen: Zwar werden beim Einsatz der Betrugs-App die Datenbank-Einträge an der Hauptkasse gelöscht, nicht aber in den Mobilgeräten, die die Kellner direkt an den Tischen verwenden. Waren also an einem Tag an der Hauptkasse weniger Bestellungen verbucht worden als in Summe an den Mobilgeräten, ist das ein ziemlich sicherer Indikator für einen Betrug.
Die Antworten basieren im Wesentlichen auf den Äußerungen von Steuerfahndern im Strafprozess am Auricher Landgericht. In ausführlichen Präsentationen haben dort die Ermittler dem Gericht, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung die Abläufe und die Funktionsweise der Kassensysteme erklärt.
Der Prozess geht am Montag, 23. Juni 2025, um 9.30 Uhr weiter. Erste Staatsanwältin Jutta Fuhrmann und Strafverteidiger Christian Schumacher wollen dem Ehemann der Angeklagten ihre umfassenden Fragenkataloge stellen. Außerdem soll es um Handy-Sprachnachrichten gehen, die die Angeklagte zu ihrer Verteidigung ins Verfahren eingebracht hat.