Brüssel 1000-Seiten-Anleitung zum Kindesmissbrauch: Wie ein Vater die EU zum Handeln zwang
Das EU-Parlament will mit härteren Maßnahmen gegen sexuellen Kindesmissbrauch und die Ausbeutung von Kindern im Internet vorgehen. Am Dienstag stimmte eine überwältigende Mehrheit für eine Richtlinie, mit der die Abgeordneten unter anderem die Abschaffung von Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch fordern. Werden die Nationalstaaten sie anwenden?
Marcel Jeninga hätte an den furchtbaren Enthüllungen zerbrechen können. Vor 16 Jahren fand der Vater seine dreijährige Tochter im heimischen Badezimmer, ihre Unterhose vom eigenen Blut getränkt und es stellte sich heraus: Der Nachbar der Familie missbrauchte und vergewaltigte das Mädchen seit dem Babyalter.
Er machte Fotos und Videos von den Verbrechen. Und er teilte sie im Internet. Marcel Jeninga hätte also an diesem Schlag und dem Leid der Tochter verzweifeln können. Stattdessen aber nahm der Niederländer den Kampf auf – gegen die Langsamkeit und das Scheitern der Behörden, aber vor allem gegen den Missbrauch im Netz.
Bei seinen Recherchen entdeckte Jeninga ein Pädophilen-Handbuch im Darknet, in dem sich auf 1000 Seiten tiefe Abgründe auftun. Tipps zum sexuellen Kindesmissbrauch, als ginge es um Empfehlungen zum Abnehmen. Wie kann ein Täter seine Spuren verwischen? Was ist körperlich zu beachten, je nach Altersgruppe? Auf welche Weise kann man das Vertrauen von Mädchen und Jungen gewinnen? Die Anleitungen sind verstörend. Auch Jeningas Nachbar folgte diesen abartigen Ratschlägen.
Und für den Vater kam eine unfassbare Entdeckung hinzu: Der Kinderschänder-Leitfaden war in keinem europäischen Land verboten. In der Folge machte er Druck – mittlerweile ist dessen Besitz unter anderem in Deutschland, Belgien und in den Niederlanden strafbar. Bald soll das auch für die gesamte EU gelten. Doch nicht nur das.
Am Dienstag, 17. Juni 2025, stimmte das Europaparlament in Straßburg mit überwältigender Mehrheit für verschärfte Maßnahmen im Kampf gegen Kindesmissbrauch – offline und online. Zu den Plänen gehört die vollständige Abschaffung der Verjährungsfristen für solche schweren Verbrechen.
Der Schritt würde den Opfern ermöglichen, „auch Jahrzehnte nach der Tat Anzeige zu erstatten und Zugang zu Hilfsangeboten zu erhalten“, sagte die CDU-Europaabgeordnete Lena Düpont. Folgen die Mitgliedstaaten den Vorschlägen? Sie sind nun an der Reihe, ihrerseits eine Position zu formulieren, bevor der Rat und das Parlament einen Kompromiss erzielen müssen.
Die nationalen Regierungen betrachten vor allem strafrechtliche Fragen traditionell als nationale Kompetenz und wachen deshalb mit Argusaugen über diesen Zuständigkeitsbereich. Droht deshalb eine Verwässerung der Parlamentsposition? „Kinder zu schützen ist keine Wahl, sondern vielleicht unsere größte und tiefgreifendste Verantwortung“, sagte der niederländische EU-Abgeordnete Jeroen Lenaers, der das Dossier federführend erstellte.
Alleine im Jahr 2023 wurden laut Kommission in der Gemeinschaft 1,3 Millionen Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gemeldet. Das Problem sei laut Lenaers durch künstliche Intelligenz (KI) noch verschärft worden, etwa durch sogenannte Deepfakes. Dabei handelt es sich um mithilfe von KI erzeugten, realistischen Missbrauchsdarstellungen.
Während es 2010 ungefähr eine Million Berichte von sexuellem Online-Missbrauch gab, waren es 2023 – und damit lediglich 13 Jahre später – bereits 36 Millionen. „Und das sind nur die Verbrechen, die registriert wurden“, sagte Lenaers.
Angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen soll die neue Richtlinie deshalb gezielt bestehende Lücken schließen im Kampf gegen Missbrauchsdarstellungen von Kindern, insbesondere im Zusammenhang mit Inhalten, die im Internet mit immer intelligenter werdenden Systemen generiert werden.
KI dürfe „kein Werkzeug für sexuelle Gewalt an Kindern sein“, sagte Düpont. Besitz, Verbreitung und die Erstellung von KI-Systemen zur Schaffung von Missbrauchsdarstellungen würden „künftig konsequent strafrechtlich verfolgt“. Das Hohe Haus Europas fordert darüber hinaus, die Höchststrafen für solche Straftaten oder das Anbieten von Gegenleistungen für Missbrauchshandlungen hinaufzusetzen.
Marcel Jeninga saß an diesem Dienstag ebenfalls oben auf der Tribüne des Straßburger EU-Parlaments und verfolgte die Debatte. Er hat einen langen, schmerzhaften Weg hinter sich. Doch er könnte sich zumindest für andere Kinder gelohnt haben. Während seiner Rede wandte sich der EU-Abgeordnete Lenaers an Jeninga und versprach: „Wir werden Ihren Kampf fortsetzen.“