Millionen-Steuerbetrug  Mann der Angeklagten packt in Prozess um Leeraner Asia-Restaurant aus

| | 17.06.2025 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Bild zeigt die Angeklagte mit ihrem Verteidiger Christian Schumacher und wurde am ersten Verhandlungstag aufgenommen. Foto: Klaus Ortgies
Das Bild zeigt die Angeklagte mit ihrem Verteidiger Christian Schumacher und wurde am ersten Verhandlungstag aufgenommen. Foto: Klaus Ortgies
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In einem Leeraner Asia-Restaurant sollen Steuern in Millionenhöhe hinterzogen worden sein. Vor Gericht sagte jetzt der Mann der Angeklagten aus – und mischte mit seinen Worten die Karten neu.

Aurich/Leer - Im Strafprozess um die Hinterziehung von mutmaßlich fast 1,2 Millionen Euro in einem Leeraner Asia-Restaurant hat es am Dienstag, 17. Juni 2025, eine einschneidende Wendung gegeben. Am ersten Verhandlungstag hatte Rechtsanwalt Christian Schumacher im Namen der Angeklagten behauptet, seine Mandantin sei zwar offizielle Geschäftsführerin und Gesellschafterin der GmbH gewesen, aber eigentlich hätten ihr Ehemann und ihr ehemaliger Chef das Restaurant und Unternehmen gelenkt. Die 50-Jährige sei nur eine Strohfrau gewesen. Nun, am zweiten Verhandlungstag, warteten alle Beteiligten gespannt auf die Aussage des Ehemannes. Würde er seiner Frau widersprechen? Selbst alles gestehen? Oder den Ex-Chef belasten?

Erst einmal ergriff aber Rechtsanwalt Schumacher das Wort. Wie schon am ersten Prozesstag betonte er, wie schlecht die Beziehung zwischen seiner Mandantin und deren Ehemann sei. Sie lebten getrennt, er habe sie geschlagen und sei dafür auch schon rechtskräftig verurteilt worden. Den entsprechenden Strafbefehl des Amtsgerichts Leer übergab der Strafverteidiger dem Vorsitzenden Richter Dr. Markus Gralla zu den Akten. Jutta Fuhrmann, die als Erste Staatsanwältin die Anklage vertritt, blickte den Anwalt skeptisch an: Sie wundere sich, sagte sie. Auf dem Flur und vor dem Gerichtsgebäude hätten die Frau und der Mann recht einvernehmlich beieinander gestanden. Schumacher: „Das täuscht.“

„Meine Frau war dagegen“

Nachdem der Ehemann der Angeklagten am Zeugentisch Platz genommen hatte, belehrte ihn Gralla erst einmal: Er müsse auf Fragen nicht antworten, wenn ihn eine Antwort selbst belasten würde. Und als Ehepartner der Angeklagten müsse er überhaupt nicht aussagen, so sehe das Gesetz es vor. Das habe er zwar alles verstanden, sagte der Mann. Trotzdem wolle er seine Aussage machen. Und so erzählte er seine Geschichte: Er und seine Frau hätten in Schleswig-Holstein für den Mann gearbeitet, den seine Frau jetzt beschuldigt, hinter allem zu stecken. Dort habe der Mann ihm gesagt, dass er einen Mietvertrag über einen Laden in Leer unterschrieben habe, er das Restaurant aber nicht selbst betreiben wolle. „Er hat mir das schmackhaft gemacht“, sagte der Zeuge. Und nachdem er angebissen habe, habe alles begonnen.

Der Mann habe die Einrichtung besorgt, die Kassensysteme, das erste Personal eingestellt und anfangs auch vor Ort alles erledigt. Die Absprache: Der Mann der Angeklagten solle nach drei Monaten alles übernehmen und selbst den Laden führen – und dafür am Monatsende zehn Prozent des Gewinns kassieren. „Meine Frau war dagegen“, sagte der Zeuge. Trotzdem habe er das durchgezogen. Nach etwa drei Monaten sei der Ex-Chef wieder nach Schleswig-Holstein abgereist – aber nicht, ohne ihn vorher in die Feinheiten des Steuerbetrugs mit in der Kasse gefälschten Tagesabrechnungen einzuweihen. „Danach habe ich das dann gemacht“, sagte der Ehemann der Angeklagten. Jeden Monat habe er nach Schleswig-Holstein Bericht über die – offizielle und inoffiziellen – Umsätze erstatten müssen, „damit der andere Mann nicht gelinkt wird“.

„Er hat meinen Ruf ruiniert“

Nach einiger Zeit habe er seinem Ex-Chef gesagt, dass er mehr als nur die zehn Prozent Gewinnanteil haben wolle, schließlich schmeiße er mit seiner Frau den ganzen Laden. Daraufhin seien ihm 45 Prozent versprochen worden – die aber nur selten gezahlt worden seien. „Er eröffnete immer mehr Restaurants und brauchte immer Geld“, so der Zeuge. Er habe sich den Gewinnanteil vom Leeraner Ehepaar immer wieder als Darlehen geliehen. „Er hat mich betrogen“, sagte der Mann. Unter dem Druck aus Schleswig-Holstein habe auch die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau gelitten. „Seit der Restauranteröffnung leben wir getrennt. Das können auch alle Mitarbeiter bezeugen.“

Gralla fasste die Aussage des Mannes so zusammen: „Er sagt, Sie können in Leer ein Restaurant eröffnen. Sie führen das Restaurant, der andere Mann fährt in Norddeutschland herum und kassiert dafür 55 Prozent des Gewinns. Warum lassen Sie so was mit sich machen?“ Die Antwort ist kurz: „Wegen des Geldes.“ Was Gralla auch wissen will: Warum packt der Ehemann der Angeklagten jetzt aus? Lädt die Schuld auf sich, obwohl er auch einfach hätte schweigen können? Der Mann aus Schleswig-Holstein habe sein Versprechen nicht gehalten. Welches Versprechen? „Er wollte mir Geld geben, wenn ich nichts sage und meine Frau für alles geradestehen muss.“ Das sei der Deal zwischen den beiden Männer gewesen. Doch das Geld sei nicht gezahlt worden. Im Gegenteil: In der Heimat habe der andere Mann herumerzählt, dass er ihn betrogen habe. „Er hat meinen Ruf ruiniert.“ Die Konsequent: „Jetzt will ich als Mann für meine Taten geradestehen.“

Am Ende des Tages bleiben viele Fragezeichen: Sagt der Mann die Wahrheit? War seine Frau tatsächlich nur eine Strohfrau? Und: Welche Rolle hat der Schleswig-Holsteiner wirklich gespielt? Fakt ist: Der Gatte muss noch einmal vor Gericht erscheinen – am Montag, 23. Juni 2025, um 9.30 Uhr. Dann werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Fragen an ihn richten. Und sowohl Fuhrmann als auch Schumacher haben schon angekündigt, dass jeweils mit weniger als einer Stunde nicht zu rechnen sein werde.

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