„Puppys“ geschlagen Opfer schildern Angriff auf CSD in Emden
Faustschlag durch einen Täter nach CSD-Teilnahme hieß es zunächst. Dabei war es viel schlimmer. Die beiden Opfer sagen, was ihnen in Emden passierte.
Emden/Hamburg - Es war nicht nur ein Faustschlag, es war nicht nur ein Täter, es gibt nicht nur ein verletztes Opfer, wie es zunächst im Polizeibericht veröffentlicht worden war. Als am vergangenen Samstag, 14. Juni 2025, gegen 20 Uhr auf dem Neuen Markt in Emden ein Teilnehmer der vorherigen, friedlich verlaufenden CSD-Veranstaltung mit einem Faustschlag niedergestreckt wurde, gab es viele Beteiligte und mindestens noch einen weiteren Verletzten mit diversen Blessuren. Die beiden jungen Männer aus Hamburg, die Opfer geworden sind, schilderten jetzt dieser Zeitung, was sie erleben mussten. Vorab sagen sie eines: „Wir kommen zum nächsten CSD wieder nach Emden. Wir lassen uns nicht abschrecken.“
Warum auch? Auf bestimmt 50 CSDs schätzt der 31-jährige Hauptbetroffene die Zahl der Veranstaltungen, an der er bislang in Deutschland unbeschadet teilgenommen hat. Es ist sein Ding, sich beim Christopher Street Day (CSD), dem Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und allgemein von queeren Personen, mit einer Hunde-Maske aus Neopren zu präsentieren. Er tritt ein für die Rechte dieser Gruppen sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.
Vorher höchstens mal angespuckt
Auch bei Youtube und Tiktok ist er so unterwegs, hat sich als „Alptraum-Panda“ schon einen Namen gemacht. Seinen echten will er dagegen lieber nicht nennen, genauso wenig wie sein Verlobter (29), der ihn ebenfalls als „Puppy“ in Emden begleitete und zum zweiten Opfer auf dem Neuen Markt wurde. Das aber, was die beiden in Emden erlebten, ist neu für sie. „Ich bin bisher höchstens mal bespuckt worden, weil ich schwul bin“, sagt der Ältere. „Aber das habe ich noch so weggesteckt.“
Die Auseinandersetzung in Emden hat für beide eine neue Qualität. Die Auseinandersetzung habe sich wie folgt zugetragen. Die beiden Hamburger feierten noch, als „Alptraum-Panda“ bereits eine Gruppe Jugendlicher bemerkte, die sie beobachteten. Einige hätten ihre Handys gezückt und die beiden „Puppys“ ungefragt gefilmt. „Das gefiel mir nicht“, sagt „Panda“. „Ich habe sie angesprochen, das zu unterlassen, schließlich habe ich ein Recht am eigenen Bild. Aber dann flog auch schon die erste Faust.“ Es habe ihn sofort niedergestreckt. Am Boden liegend seien weitere Schläger auf ihn zugekommen, ihm sei die Maske bewusst vom Kopf gerissen worden, weitere Schläge folgten.
Auf die Opfer eingetreten
„Ich hab‘s im Augenwinkel gesehen und bin meinem Mann sofort zur Hilfe geeilt“, sagt sein Partner. Er sei „irgendwie auf die Täter aufgesprungen“, einem an den Hals, dann aber auch am Boden gelandet. „Die haben dann alle auch zugetreten.“
Wie lange die Auseinandersetzung dauerte, daran können sich beide nicht erinnern. Für „Alptraum-Panda“ war es „gefühlt eine Ewigkeit“. Doch tatsächlich wurde die Schlägerei durch beherztes Eingreifen von weiteren Kollegen des CSD relativ schnell beendet. Sie haben auch Polizei und Rettungsdienst gerufen. „Und sie haben uns toll mit Eiswürfeln geholfen.“
Noch immer Blut auf dem Neuen Markt
„Alptraum-Panda“ erlitt schon durch den ersten Faustschlag einen ordentlichen Cut am Auge, aus dem das Blut nur so aufs Pflaster des Neuen Marktes spritzte. Spuren davon sind dort noch immer deutlich zu erkennen. Der Cut wurde im Emder Krankenhaus mit mehreren Stichen genäht. Ihm wurde außerdem bescheinigt, dass seine Nase „angebrochen“ sei. Trotz dieser erheblichen Verletzung hatte er zunächst noch geglaubt, keine größeren Blessuren abbekommen zu haben. Das stellt sich Tage danach anders dar. „Mir tut die ganze rechte Seite weh, meine Rippen schmerzen, wenn ich huste.“ Sein Partner hat es bei dem Sturz an der linken Seite erwischt. Er geht von Prellungen aus. Beide lassen sich in Hamburg weiter medizinisch behandeln.
Auf etwa fünf Beteiligte schätzten die beiden die Anzahl derjenigen aus der noch größeren jugendlichen Gruppe, die tatkräftig zugeschlagen haben. Inzwischen haben sie auch schon ein paar Namen der potenziellen Täter zusammengetragen. Jetzt hoffen sie, dass die Polizei etwas damit anfangen kann und die Täter schnell ermittelt und bestraft werden.
Polizei hat ein Video der Tat
Die Polizei bestätigt eine „Ausweitung des ersten Sachverhalts“, wie Polizeisprecher Eduard Dingis auf Nachfrage sagte. Die erste Tat-Schilderung habe sich auf den besagten jungen Mann bezogen, auf den einen Faustschlag. Inzwischen sei klar, dass beide Männer mit Puppy-Outfit betroffen sind. Inzwischen liege auch ein Video vor, das die handgreifliche Auseinandersetzung und die Täter zeige. Das Video werde zurzeit kriminaltechnisch ausgewertet, so Dingis. „Das Video haben wir erst spät bekommen, deshalb dauert die Auswertung noch.“
Es handele sich um ein Video eines Zeugen. Die auf dem Neuen Markt installierte Videoüberwachung dagegen sei wegen der Persönlichkeitsrechte während der vorherigen Demonstrationsveranstaltung, dem CSD, ausgeschaltet gewesen. „Leider braucht die Anlage immer ein bisschen, um wieder hochzufahren“, sagte Dingis. „Sie wäre natürlich perfekt gewesen, weil die Kameras den Ort genau ausleuchten.“ Noch sei zwar niemand festgesetzt worden. Doch die Namen der potenziellen Täter seien auch den Ermittlern inzwischen bekannt. „Wir ermitteln und sichten noch Beweismittel“, sagte Dingis.
Puppys sagen noch Danke
Trotz des üblen Angriffs in Emden halten die beiden Hamburger andere Erlebnisse aus Emden hoch. „Das Orga-Team des CSD war so super, es hat uns sofort nach der Klinik versorgt und uns die ganze Nacht über begleitet“, schwärmen die beiden. Weil es durch die Schlägerei später geworden war, mussten sie bis 5 Uhr früh warten, bis der nächste Zug Richtung Hamburg fuhr. „Die haben und mit Getränken und allem versorgt“, sagen die beiden. „Dafür möchten wir ein Riesendankeschön sagen. Wir kommen nächstes Jahr zum CSD bestimmt wieder.“
Schon nächsten Samstag wollen beide am CSD in Rendsburg teilnehmen, wenn auch mit mulmigen Gefühl. Aufgrund ihrer Blessuren dürften sie dort nun aber auf einem Wagen mitfahren. Die gesamte CSD-Szene stehe den beiden jungen Männern aufgrund ihres Erlebnisses in Emden bei.