Oyten  Prüfen, pflegen und nochmal prüfen: Wenn Bürokratie wichtiger wird als der Mensch

Finja Jaquet
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Von Finja Jaquet
| 16.06.2025 06:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ricarda Hasch ist Diplom-Pflegewirtin und Leiterin eines Seniorenpflegeheims für Menschen mit Demenz. Foto: Finja Jaquet
Ricarda Hasch ist Diplom-Pflegewirtin und Leiterin eines Seniorenpflegeheims für Menschen mit Demenz. Foto: Finja Jaquet
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Ein Beruf in der Pflege bedeutet Arbeit mit für und mit Menschen – was aber, wenn die Zeit für den Menschen zunehmend weniger wird, während der Papierkram immer mehr wird? Eine Seniorenpflegeheimleiterin berichtet von Kontrolle der Kontrollinstanzen und Bürokratie für Behörden.

Kontrolle im Seniorenpflegeheim. Erst prüft der Medizinische Dienst: alles in Ordnung. Dann die Heimaufsicht – Ergebnis: Mangel. Es geht um einen Urinbeutel. Auf der Verpackung steht: Wechsel alle zwei Wochen. Die Arzt-Verordnung besagt: alle vier Wochen reicht. Die Heimaufsicht: besteht auf die Verpackungsangabe.

„Da weiß man nicht mehr, woran man sich halten soll“, sagt Ricarda Hasch, Leiterin eines Pflegeheims und Vorsitzende des niedersächsischen Berufsverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Sie weiß, dass diese vermeintliche Kleinigkeit erheblichen bürokratischen Aufwand bedeutet. Mails müssen geschrieben, der Sachverhalt geklärt werden – sonst könnte es ein Bußgeld geben.  

Für Ricarda Hasch gehören derartige Probleme zum ärgerlichen Alltagsgeschäft. Gerade die vielen Prüfungen machen ihr und ihren Mitarbeitern das Leben schwer. „In der stationären Pflege sprechen wir von rund 43 Prüfinstanzen: Die klassischen sind Heimaufsicht, Medizinischer Dienst (MD), Gesundheitsamt, Veterinäramt, Berufsgenossenschaft, Gewerbeaufsichtsamt, Bauamt, Feuerwehr, Finanzamt, Lohnsteuer- und Sozialversicherungsprüfung“, zählt Hasch auf.

Rund zehn Prüfungen stehen somit jedes Jahr an – alle sind mit Vor-und Nachbereitung und damit viel Schreib- und Dokumentationsarbeit verbunden. Kontrolle sei wichtig, betont Hasch – gerade bei konkreten Beschwerden oder Konflikten. Doch anlasslose Regelprüfungen in hoher Frequenz brächten oft mehr Belastung als Nutzen.

Besonders ärgerlich: Immer wieder kommt es zu Doppelprüfungen. „Eigentlich sollten die längst vermieden werden“, sagt Hasch. Gemeint ist eine bundesweite Vereinbarung aus der Konzertierten Aktion Pflege von 2018. Doch auf kommunaler Ebene würden viele Prüfstellen weiterhin unabhängig voneinander arbeiten.

Und sowieso gehöre die Prüfung der Pflegequalität gar nicht zu den Aufgaben der Heimaufsicht, so Hasch: Diese habe das Niedersächsische Wohn- und Betreuungsgesetz mit den dazugehörigen Verordnungen zu prüfen, also die Heimmindestbauverordnung, die Heimpersonalverordnung und die Heimmitwirkungsverordnung. „Nun bringt die Heimaufsicht aber in unserer Region auch noch eine Pflegefachkraft mit, die dasselbe kontrolliert, was auch der Medizinische Dienst schon prüft - und dabei kommen sie teilweise zu unterschiedlichen Ergebnissen.“

Die Heimleiterin stellt klar: „Dreiviertel der Bürokratie in einer Pflegeeinrichtung dient leider nicht der Erreichung einer guten, qualitätsgerechten Pflege, sondern der Befriedigung der Prüfinstanzen.“ So verhält es sich auch mit dem Entwurf der niedersächsischen Pflege-Hygieneverordnung, die für Hasch ein „weiteres Bürokratiemonster“ darstellt.

Demnach sollen Pflegeeinrichtungen zusätzlich zu den vorhandenen Auflagen noch Hygienefachkräfte schulen und einsetzen und jedes halbe Jahr eine sogenannte Hygienekommission einrichten. „Das Gesundheitsamt fragt dann: ‚Haben Sie eine Hygienebegehung gemacht?‘ Ich lege vor: Wir haben eine Einrichtungsbegehung, Reinigungsvisiten, Pflegevisiten gemacht“, erklärt Hasch. Natürlich ist bei allen genannten Punkten das Thema Hygiene unerlässlich – es gehört zu den Grundlagen der Pflege.

„Das reicht aber nicht, es muss ‚Hygienebegehung‘ darüberstehen, damit man es zur Prüfung vorlegen kann. Sonst müsste sich das Amt die Informationen aus den verschiedenen Protokollen ziehen. Also müssen wir, um es allen recht zu machen, nochmal eine Extra-Sitzung und ein Extra-Dokument aufsetzen.“

Maßnahmen wie diese sorgen in den Pflegeheimen nicht nur für erheblichen Personal- und Zeitaufwand, der auf Kosten der Bewohner geht – sie sorgen auch für das Gefühl von Misstrauen und dass die eigene Fachlichkeit untergraben wird. Einmal, erzählt Hasch, habe es bei einer Prüfung ein Problem mit einer sogenannten Tropfenflasche gegeben, also jener Flasche, die am Bett eines Bewohners hängt und über die er medikamentös versorgt wird. Auf der Umverpackung stehen für gewöhnlich die wichtigsten Daten: Der Name des Bewohners sowie das Anbruchs- und Verfallsdatum.

Die Prüferin jedoch beschied einen Mangel und bestand darauf, dass fortan auch auf der Flasche selbst alle Daten stehen müssten. „Wir sind Pflegefachleute, wir haben eine dreijährige Ausbildung gemacht und haben regelmäßige Fortbildungen. Jeder Fachkraft sollte man zutrauen, dass sie die Daten eigenständig überträgt, sollte man denn die Verpackung entfernen“, meint Hasch.

Aus ihrer Sicht entsteht ein Großteil der bürokratischen Auflagen durch die Angst vor der Verantwortung und der Notwendigkeit, auf jede Eventualität vorbereitet zu sein: „Wenn ich eine Sache geprüft habe und es passiert hinterher dennoch etwas, dann kann ich immerhin sagen, es aber vorher geprüft zu haben.“

Warum diese Haltung aber dazu führen muss, dass fast jede Kontrolle defizitorientiert abläuft; die Prüfer also ihrem Gefühl nach in die Einrichtung kommen mit dem Ziel, mögliche Mängel festzustellen, kann Ricarda Hasch nicht verstehen. Dass beispielsweise eine Tablette, die irrtümlich einmal mittags statt morgens verabreicht wurde – ohne dass dies Auswirkungen auf die Gesundheit des Bewohners hätte – gleich ein Mangel ist und in die Bewertung des Pflegeheims einfließt, sei schlicht entmutigend.

„Eigentlich sollte doch stets das Ergebnis zählen: dass die Pflegequalität gegeben ist. Aber darauf konzentriert sich leider kaum jemand. Hauptsache, die Strukturen und Prozesse sind alle richtig beschrieben und dokumentiert“, schildert Hasch. Die ständigen Prüfungen und der erhobene Zeigefinger motivieren keine Pflegekraft, so die Heimleiterin.

Dennoch brennt Ricarda Hasch für ihren Beruf, denn für sie steht nur eines im Mittelpunkt: der Mensch. Dasselbe sollte nach ihrer Sicht auch für die Behörden gelten.

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