Gehrde Migration, Diktatur, Freikirchen: Wie ticken die Russlanddeutschen?
Jahrzehnte nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik haben sich die Russlanddeutschen gut integriert. Oder etwa nicht? Im Interview spricht Forscher Kornelius Ens über Auswanderung, Nachwehen der Sowjetunion – und die Rolle der Religion.
Was unterscheidet die Russlanddeutschen von anderen Bundesbürgern? Kornelius Ens muss es wissen. Der Wissenschaftler der Uni Osnabrück stammt selbst aus einer Aussiedlerfamilie und leitet das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.
Frage: Herr Ens, erlauben Sie mir eine etwas plumpe Frage: Warum ticken die Russlanddeutschen anders als die meisten anderen Bundesbürger?
Antwort: Aus meiner Sicht gibt es sehr viele Schnittmengen, aber ganz sicher auch Unterschiede. Das hat einiges mit ihrer Kulturgeschichte zu tun, die über 250 Jahre nicht hier in Mitteleuropa stattgefunden hat. In den 1770er-Jahren hat Katharina die Große die Deutschen eingeladen, ins Russische Reich zu kommen. Sie hat ihnen gewisse Privilegien in Aussicht gestellt: Wehrdienstbefreiung, Steuerbefreiung, Konfessionsfreiheit, was damals noch nicht üblich war.
Antwort: Aber, und das halte ich für das Zentrale, sie lud nicht dazu ein, sich in die russische Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, sondern zu bestimmten Konditionen in geschlossenen Kolonien zu leben. Diese Entwicklungen haben geprägt. Unter anderem haben sie auch einen starken Gemeinschaftssinn hervorgebracht.
Frage: Was bedeutet das?
Antwort: Zum Beispiel hatte die Konfessionsfreiheit nur Gültigkeit für die eigene Kolonie. Das heißt, es gab außerhalb der Kolonie eine Art Verbot, über den christlichen Glauben in seiner konfessionellen Färbung zu sprechen. Katharina die Große befürchtete offensichtlich Unruhen in der russischen Orthodoxie. Insofern ist ein abgeschlossenes, kolonistisches Leben plus ein angespanntes, zurückhaltendes Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft etwas, was damals schon so angelegt war.
Frage: Aber das ist 250 Jahre her und kann doch nicht heutige Differenzen erklären.
Antwort: Das Russische Reich wird ja bekanntlich nicht durch Freiheit und Demokratie abgelöst, sondern wird ab 1917 zur Sowjetunion, und durch die Diktaturerfahrung in der Sowjetunion verstärken sich diese Muster nochmals. Als Russlanddeutscher war man immer „der andere“; der Staat war mit absoluter Vorsicht zu genießen.
Frage: Und heute, nach der Aussiedlung in die Bundesrepublik?
Antwort: Für manche Aussiedler war die Freiheit, Teil des Ganzen zu werden, vermutlich eine größere Herausforderung gewesen, als einige es dachten. Heute gelten aber die meisten Russlanddeutschen als sehr gut integriert, was repräsentative Studien des Sachverständigenrates für Integration aus den Jahren 2014 und 2022 belegen.
Frage: Trotzdem fallen etwa im Osnabrücker Land Abschottungstendenzen auf. Ebnen sich die Unterschiede zwischen Russlanddeutschen und der Mehrheitsgesellschaft denn nie ein?
Antwort: Doch, das werden und haben sie. Aber nicht im Sinne von Assimilation, sondern in dem Sinne, dass wir in irgendeiner Form alle voneinander partizipieren. Die Masse der Spätaussiedler kam erst vor 30, 40 Jahren. Das ist noch nicht lange her. Und man kam aus einer wirklich gesättigten Diktatur.
Antwort: Heute gibt es viele Initiativen von Russlanddeutschen, die Vorzeigecharakter für andere haben. In Ostwestfalen wurde ein erheblicher Teil der Sprachintegration von Geflüchteten aus dem Nahen Osten von Russlanddeutschen übernommen. Ferner setzt man sich aktuell sehr stark für Geflüchtete aus der Ukraine ein. So wurde auf Initiative einiger freikirchlich organisierten Christen bei uns in der Nähe ein Kinderheim aus der Ukraine hier nach Deutschland überführt und wird nun weitergeführt.
Frage: Hat man sich in der Integrationsfähigkeit nicht getäuscht?
Antwort: Wie gesagt, die allermeisten Russlanddeutschen sind in Deutschland sehr gut integriert. Aber ich glaube schon, dass man das für einige unterschätzt hat, ja. Die Aussiedlung in die Bundesrepublik war eine alternativlose Entscheidung. Und durch die Spätaussiedlergesetzgebung ist das ja sogar grundgesetzlich als Kriegsfolgeschicksal verankert. Damit ist es auf eine Ebene gebracht worden mit der Verantwortung, die Deutschland für die Verbrechen des Nationalsozialismus übernimmt.
Frage: Weshalb?
Antwort: Jeder vierte Russlanddeutsche kam in Folge des Überfalls Hitlers auf die Sowjetunion in den stalinistischen Arbeitslagern ums Leben. Die Geschichte ist hier in Deutschland nicht im kollektiven Gedächtnis verankert und auch den meisten Russlanddeutschen ist sie nicht bekannt, weil sie in der Nachkriegszeit in der Sowjetunion nicht aufgearbeitet wurde. Da stellt es eine erhebliche Herausforderung dar, sich in einem solchen Kontext beschreibbar zu machen.
Frage: Gibt es auch innerhalb der Community Unterschiede?
Antwort: Als die ersten Aussiedler in den 1970er-Jahren nach Deutschland kamen – das waren meines Wissens etwa 200.000 bis 300.000 Personen – war es spannend für alle Seiten, weil das so selten vorkam. Damals fiel es vielen nicht besonders schwer, zumindest in bestimmten Bereichen Teil des Ganzen zu werden. Der große Zuzug ab den 1990er-Jahren allerdings, wo 1,5 Millionen Russlanddeutsche innerhalb von wenigen Jahren kamen, geschah ad hoc. Das war wahrscheinlich für alle Seiten eine völlige Überforderung. Auch die Mehrheitsgesellschaft hier in Deutschland ist auf diesen Zuzug nicht vorbereitet gewesen.
Frage: Welche Rolle spielen dabei die Freikirchen? Mitunter hat man den Eindruck, als seien ganze Gemeinden im 18. Jahrhundert geschlossen nach Russland ausgewandert – und 200 Jahre später genauso zurückgekehrt.
Antwort: Nein, geschlossen nicht. Und sie haben sich geändert, obwohl gegebenenfalls der Name blieb. Die von Katharina der Großen gewährte Militärdienstbefreiung war etwa für die Mennoniten sehr wichtig. Diese Mennoniten machten aber nur zehn Prozent der Russlanddeutschen aus. 70 Prozent waren Lutheraner, zehn Prozent Katholiken. Weitere zehn Prozent waren unterschiedlicher Konfession, zum Beispiel Adventisten. Freikirchlich organisiert waren also historisch gesehen nur zehn Prozent. Hier nach Deutschland zurückgekehrt gab es eine Vielfalt an Weiterentwicklungen der russlanddeutschen Freikirchen. Manche haben sich sehr zurückgezogen, andere gelten als Integrationsorte par excellence, wie insbesondere Jugendstudien der Universität Münster zeigen.
Frage: Die Sowjetunion hat sich als atheistischer Staat verstanden.
Antwort: Nicht nur das, Lenin hat auch ein neues Menschenbild entwickelt. Der „sowjetische Mensch“ sollte entstehen. Die 27 Minderheiten innerhalb der Sowjetunion – Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Ukrainer et cetera – sollten in eine neue Form von Mensch gepresst werden. Genauso die Russlanddeutschen. 1925 wurde die letzte deutschsprachige Hochschule außerhalb der Wolgarepublik aufgelöst, 1929 die Bibellesung verboten, 1933 das letzte deutsche Theater in Odessa geschlossen, 1938 die letzte deutsche allgemeinbildende Schule. Und in diesem Zusammenhang konnten sich viele Gesellschaftsbereiche der Russlanddeutschen zunächst nicht weiterentwickeln.
Antwort: 1941 gab es dann das Deportationsgesetz. 220.000 Menschen starben in den Arbeitslagern, 380.000 überlebten sie, gegebenenfalls traumatisiert. Insgesamt lebten damals etwas über eine Million Russlanddeutsche in der Sowjetunion. Die Hälfte aller Russlanddeutschen hat somit eine Lagererfahrung durchgemacht. Hier wird in gewisser Weise eine Betonplatte gegossen, eine Betonplatte der Erinnerung. Alles, was davor war, ist verloren.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Die Erzähler der Gesellschaft – Pastoren, Professoren, Lehrkräfte – sind unter Stalin hingerichtet worden. Nach 1945 gab es somit keine Erzählkultur mehr, und in der Sowjetunion konnte auch keine weitere Aufarbeitung stattfinden. Insofern sind Menschen russlanddeutscher Herkunft sicherlich eine der am stärksten repressierten Gruppen, die unter uns in Deutschland leben.
Frage: Gerade in manchen Freikirchen scheinen auch das Frauenbild und der Umgang mit Geschlechtervielfalt konserviert worden zu sein.
Antwort: Hier muss man differenzieren. Die meisten Christen, die russlanddeutsche Gemeinden besuchen, haben eine gesellschaftlich zugewandte Haltung. Sicherlich gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die zurückhaltend bis ablehnend begleitet werden. Dies ist aber nicht speziell für Russlanddeutsche, sondern sind eher theologische Fragestellungen, die auch alle anderen christlichen Konfessionen herausfordern. Aber es gibt sicherlich auch Spezifika: Kleidungsstile, Kopfbedeckungsstile et cetera – das sind zum Teil Anmutungen, die in der Sowjetunion gefestigt wurden und die als gemeinschaftskonstituierende Ausdrucksweisen gelten können.
Frage: Diese Verhaltensmuster müssten doch langsam aufbrechen.
Antwort: Ja, tun sie auch und für den größten Teil der russlanddeutsch-freikirchlich organisierten Personen gilt das bereits. Für das freikirchliche Milieu würde ich schätzen, dass über die Hälfte aller ursprünglich als russlanddeutsch gestarteten Gemeinden mittlerweile Migrationskirchen sind. Mindestens 50 Prozent sind interkulturell geprägt. Sie sind eher internationalistisch, teilweise englischsprachig.
Antwort: Und es gibt innerhalb des Freikirchentums große Differenzen. Wenn zwei, drei Gemeinden in einem Ort existieren, hat das oft damit zu tun, dass die eine aus der anderen ausgetreten ist. Da gibt es Meinungsverschiedenheiten, die zum Teil durch die Familien hindurchgehen.
Frage: Macht die Konfession einen Unterschied?
Antwort: Manche Freikirchen sind konfessionell kaum zuzuordnen. Das sind dann nicht Mennoniten oder Baptisten im eigentlichen Sinne. Es handelt sich in gewisser Weise um ein Etikett: Die Religion war auch schon in der Sowjetunion das, was die Gemeinschaft zusammengehalten hat. Im Prinzip war sie die einzige Möglichkeit, um in irgendeiner Form seine deutsche Kultur zu pflegen. Dahinter stehen nicht wirklich theologische Denkmuster; dieser Pfad ist während der Zeit der heftigen Diktatur abgerissen.