Hamburg  Carlo von Tiedemann gestorben: So war unsere letzte Begegnung mit ihm

Daniel Benedict, Alexander Barklage
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Von Daniel Benedict, Alexander Barklage
| 08.06.2025 18:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Moderatoren-Legende Carlo von Tiedemann ist im Alter von 81 Jahren verstorben. Foto: dpa/Marcus Brandt
Moderatoren-Legende Carlo von Tiedemann ist im Alter von 81 Jahren verstorben. Foto: dpa/Marcus Brandt
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Mit Sendungen wie „Die aktuelle Schaubude“ wurde Carlo von Tiedemann bekannt. Nun ist der NDR-Moderator mit 81 gestorben. Anstelle eines Nachrufs erinnern wir hier noch einmal an eine letzte Begegnung in seinem Hamburger Stammcafé.

Der Hamburger Radio- und Fernsehmoderator Carlo von Tiedemann ist tot. Wie seine Familie dem NDR mitteilte, starb der Medienmann im Alter von 81 Jahren in Hamburg. Tiedemann hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Vor anderthalb Jahren haben wir Carlo von Tiedemann in seinem Hamburger Lieblingscafé getroffen und noch einmal über alles gesprochen: über sein bewegtes Leben, seine Krankheit und seine Gedanken über das Sterben. Aus Anlass seines Todes veröffentlichen wir den Bericht von der Begegnung hier noch einmal.

Mit Carlo von Tiedemann ein lustiges Gespräch zu führen – das ist einerseits sehr einfach. Man muss nur ins Café Funk-Eck gehen. Das liegt an der Hamburger Rothenbaumchaussee, gleich beim Norddeutschen Rundfunk. Einfach an der Kuchentheke vorbei, dann rechts: Da sitzt er schon, in einer behaglichen Nische, die Carlo von Tiedemann seit einem halben Jahrhundert bewohnt. Als 30-Jähriger nahm er hier sein Katerfrühstück ein. Am Freitag wird er 80 Jahre alt. Und ein paar Tage davor sitzt er immer noch am Stammplatz und löffelt mehr Kandis in den Tee, als der Arzt wissen darf.

Eine Verabredung mit Carlo von Tiedemann ist – andererseits – aber auch schwierig. Wann immer man ihn anrufen will, bringt die „Bild“ Schlagzeilen wie diese: „Herz-Drama um Carlo! Lindenbergs Leibarzt übernimmt“. Oder diese: „Kult-Moderator rammt parkendes Auto – Klinik, Schmerzen“. Und dann noch diese: „Carlo kann nicht mehr lachen“.

„Als Boulevardheld hast Du kein Privatleben mehr“, sagt er dazu – und lacht. Zur öffentlichen Figur wurde Carlo von Tiedemann spätestens 1976. Fünf Jahre hatte er beim NDR schon Radio gemacht. Dann wechselte er auf den Bildschirm und übernahm die „Aktuelle Schaubude“. Die Unterhaltungsshow mischte Talk und Live-Musik und war, was damals Straßenfeger hieß. „Das war eine Sensationssendung. Sie mussten uns sehen! Bei 30 Prozent Marktanteil waren wir traurig“, sagt von Tiedemann heute.

Der junge Peter Maffay präsentierte sich hier genauso wie Mick Jagger. „Wer am Samstag bei uns war, wusste: Am Montag klingelt in den Kaufhäusern die Kasse“, sagt der Moderator. „In der Schaubude wurden Karrieren gestartet.“ Stimmt es, dass deshalb alle Stars für eine Einheitsgage von 200 DM auftraten? Carlo präzisiert: „Nicht ganz, da wurde schon gestaffelt. Udo Jürgens war der höchstbezahlte; der bekam wirklich 200 DM, vielleicht sogar 300.“ Cindy und Bert dagegen mussten sich einen Fünfziger teilen.

Die Schaubude war Kult, auch dank ihrer Hemdsärmeligkeit. Nach der Ausstrahlung machte das Team mitsamt den Gästen regelmäßig die Nächte durch. Und bis heute ärgert von Tiedemann sich, dass ein Curd Jürgens die besten Döntjes erst raushaute, wenn die Kamera nicht mehr lief. Dass Carlo von Tiedemann selbst zum Format stieß, verdankte sich auch einer Party. Besiegelt wurde das Engagement in der Bar auf einem Bierdeckel. Der exakte Vertragsort, schwört von Tiedemann, war dabei unter dem Tisch. Warum darunter? Von Tiedemann: „Auf dem Tisch tanzte Abi Ofarim, und zwar mit einer Flasche Wodka, das weiß ich noch.“

Das klingt lustig, ging aber schlecht aus. In den 80ern fängt Carlo von Tiedemann das Koksen an, er trinkt, macht Schulden und verliebt sich in eine Frau, die heroinabhängig ist. Als er deshalb mit der Polizei zu tun bekommt, hat der Boulevard seinen Skandal. Von Tiedemann verschwindet vom Bildschirm: „Meine Liebe zur Droge hat mir vieles genommen, auch die Schaubude“, sagt er heute über die Zeit – mehr aber nicht. Ende der 90er feiert er ein „Schaubuden“-Comeback. Aber, sagt er, es war nicht mehr dasselbe.

Beim Radio hat Carlo von Tiedemann ununterbrochen moderiert. 52 Jahre sind es inzwischen. „Wahrscheinlich bin ich in der ganzen ARD derjenige, der am längsten durchgehalten hat.“ Sein größter Schmerz: Gerade hat man ihm die Live-Sendung genommen: „Ich lege nicht mehr auf, ich werde per Leitung nach Hannover geschaltet und meine Moderation wird dann reingeschnitten. Mit Reglern und Monitoren, mit Headsets und diesem gigantischen Rundfunkapparat habe ich nichts mehr zu tun“, sagt er. „Mensch, ich fang gleich an zu weinen.“

Der Grund ist die Gesundheit. Carlo von Tiedemann hat eine Krankheit, die er selbst so erklärt. „Ich gehe zum Arzt und sage: Guten Tag, ich habe Amyloidose. Da sagt der: Tschüss, ich kann nichts für Sie tun.“

Aber – auch auf Band ist Carlo immer von Tiedemann. Drei Worte reichen, und alles ist wieder da. Wer in den 70er und 80er Jahren ein Kind in Norddeutschland war, für den ist Carlo mit jeder „Schaubude“ mehr zum Teil der Familie geworden. Ein Lieblingsonkel, der nicht ernst sein kann und noch im albernsten Gag eine umarmende Wärme verpackt.

So sitzt er jetzt auch im Funk-Eck. Carlo frotzelt, flachst und unterbricht rigoros, sobald ihm eine Frage zu lang wird. Der Moderator ist immer noch er. Wenn ein Kalauer im Anmarsch ist, warnt er vor oder macht sich hinterher über seinen eigenen Rohrkrepierer lustig. Das „Du“ verordnet er einem im ersten Satz. Ab dann spricht er sein Gegenüber immer wieder beim Vornamen an. Carlo macht Stimmung und stellt sicher, dass jeder sich wohlfühlt. Selbst im Spott fühlt man sich wahrgenommen.

Seine eigene Stimmung ist gedeckt. Am Tag vor dem Treffen ist ihm ein Freund gestorben, zehn Jahre jünger als er selbst. Und vor der Nische im Café sitzt dann auch noch eine Trauergesellschaft beim Butterkuchen. Da könne er sich ja gleich mit dazusetzen, sagt von Tiedemann. Was man bei einem wie ihm kaum glaubt: Von Tiedemann hat eine stille Seite, sogar eine religiöse: „Ich war sehr eng mit Jan Fedder befreundet“, erzählt er. „Im Suff haben wir mal darüber gesprochen, wie eng wir beide beim lieben Gott angesiedelt sind – dass es uns so viel gibt und hilft, wenn man einen hat, dem man alles sagen kann.“ Jeden Abend betet er, und das, wie er betont, nicht ohne sogar dem lieben Gott jede Unterbrechung seiner Monologe zu verbieten.

Mit dem Sterben hat von Tiedemann schon lange zu tun. Schon, weil er sich seit Jahren für ein Kinderhospiz engagiert. Nun hat er selbst eine Krankheit, die „absolut lebensverkürzend“ ist. Dass er 101 Jahre alt wird, so wie sein Vater, glaubt er also nicht. „Ich bin ein 80-jähriger Knochen“, sagt er. „Ich bin dran.“ Allerdings noch nicht so bald! Erst will er auf der Reeperbahn Geburtstag feiern. Und beim NDR steht er sowieso noch zwei Jahre unter Vertrag. Und dann? „Danach bin ich 82. Dann gehe ich fünf Jahre zu RTL, komme wieder und werde NDR-Intendant“, sagt Carlo. „Die fürchten sich jetzt schon.“ (Mitarbeit: Karolina Meyer-Schilf)

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