Interview mit Norder Stadtbaurat  Christian Pohl – Taktgeber und Gestalter

| | 08.06.2025 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Viel Arbeit liegt bei Stadtbaurat Christian Pohl nicht nur auf dem Schreibtisch. Seit er nach Norden kam, muss er viele Projekte gleichzeitig managen. Foto: Rebecca Kresse
Viel Arbeit liegt bei Stadtbaurat Christian Pohl nicht nur auf dem Schreibtisch. Seit er nach Norden kam, muss er viele Projekte gleichzeitig managen. Foto: Rebecca Kresse
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Christian Pohl blickt auf ein turbulentes erstes Jahr als Stadtbaurat zurück. Viele Projekte fordern ihn, nicht alles läuft wie geplant. Der Fachkräftemangel bleibt ein Problem.

Norden - Das erste Jahr von Christian Pohl als Stadtbaurat von Norden ist vorbei. Viel Zeit zum Einarbeiten hatte er nicht – zu viele Projekte in der Stadt warteten dringend auf ihn. Wie er das erste Jahr erlebt hat, wie er die Stadt nach dem ersten Jahr sieht und wie er und seine Familie in Norden angekommen sind, erzählt Pohl im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Pohl, das erste Jahr für Sie als Stadtbaurat in Norden ist rum. Sind Sie angekommen in der Stadt im Job?

Christian Pohl: Ich bin tatsächlich angekommen – in allen Projekten, in den internen Gepflogenheiten, im politischen Raum. Und privat bin ich auch angekommen. Meine Frau und meine Kinder sind sehr glücklich hier und wir fühlen uns alle wohl hier.

Was war das Schwierigste beim Ankommen in Ostfriesland, aber auch im Bauamt?

Das Schwierigste war die interne Wirkung auf das Bauamt. Mit allen Themen, die wir an vorderster Front besetzen mit der Bauaufsicht, dem Planungsamt, Hochbau, Tiefbau, Stadtentwässerung und Baubetriebshof, sind wir nah am Bürger. Besonders die Bezeichnung Bauverhinderungsamt hat mich überrascht. Teilweise war diese Außenwirkung nachvollziehbar, aber auch ungerechtfertigt. Es gab Zeiten mit Unterbesetzung, wodurch Vorhaben nicht mit dem nötigen Einsatz verfolgt werden konnten. Mittlerweile leistet zum Beispiel unser Planungsamt so gute Arbeit und bringt viele Bebauungspläne auf den Weg. Intern wünschte ich mir eine andere Wahrnehmung und mehr Unterstützung für das, was wir im Geschäftsbereich leisten – dieses Kämpfen an vorderer Front, die ständige Außenwirkung, die man erzeugt.

Wie steht es um die öffentliche Bausubstanz in Norden?

Die öffentliche Bausubstanz in Norden ist besser als ihr Ruf. Schulen und Kitas werden gut unterhalten, auch wenn es Nachholbedarf bei einzelnen Gebäuden gibt. Technische und energetische Modernisierungen sind eine Herausforderung, aber die zentrale Gebäudewirtschaft hat die Unterhaltung im Griff. Unser eigener Gebäudebestand ist baulich gesehen gar nicht so schlecht. Energetisch gibt es Nachholbedarf. Aber ich habe schon wesentlich Schlechteres gesehen.

Wenn Sie den privaten Sektor an sich anschauen.

Es gibt viele Denkmäler in der Stadt, aber leider auch relativ viel Leerstand. Gerade im innerstädtischen Bereich gibt es noch großen Nachholbedarf. Der Klassiker ist der südliche Neue Weg. Aber auch andere Bereiche im innerstädtischen Kern könnten nicht nur einen neuen Farbanstrich gebrauchen. Im Großen und Ganzen ist die Stadt aber vorzeigbar – und auch im privaten Bereich im relativ guten Zustand.

Doornkaat-Viertel, neues Freibad, neue Baugebiete. Gleichzeitig Straßen und Brücken in einem schlechten Zustand. Motiviert Sie die Masse an Aufgaben oder erschlägt Sie das?

Aufgaben motivieren mich. Es geht darum, wie man die Themen managt, wie man Prioritäten setzt. Natürlich würde ich gerne viel mehr machen, um die Projekte zu beschleunigen. Gerade im technischen Bereich limitiert aber der Fachkräftemangel. Trotzdem haben wir im gesamten Geschäftsbereich die wichtigen Themen im Blick – ob das die Kirchenspange ist oder die Entwicklung des Doornkaat-Geländes, Gewerbeflächen oder das Pflüger-Gelände. Es gelingt ein guter Balanceakt, diese Themen weiter zu bespielen.

Können Sie konkreter werden?

Die Kirchenspange ist beauftragt, aber es fehlt an Personal für eine schnellere Umsetzung. Ich würde das Projekt gerne forcieren und endlich in die dafür notwendige Bauleitplanung einsteigen. Es geht nichts unter, aber manche Themen müssen notgedrungen auf kleiner Flamme gekocht werden.

Zurzeit gibt es im Straßenbau viele Baustellen. Ist Norden so kaputt?

Ja, manche Straßen sind wirklich desolat. Ich würde mir wieder ein klassisches Tiefbauamt wünschen, dass das Thema Straßen und Brückeninfrastruktur auch mit dem richtigen Fokus bearbeitet. Da gibt es wirklich erheblichen Nachholbedarf. Allein schon was die Verkehrssicherheit angeht. Das ist ja das Mindeste, was wir sicherstellen müssen im täglichen Leben. Aber auch da laufen wir hinterher. Trotzdem werden die Gelder für die Straßenunterhaltung – gut eine Million Euro pro Jahr – innerhalb kürzester Zeit verbaut. Das reicht aber nicht. Es geht um den grundhaften Ausbau, aus technischer Sicht ist der Unterbau gefragt. Auch die unterirdische Infrastruktur wie Leitungen, digitale Medien und Kanäle muss berücksichtigt werden. Das ist in der Vergangenheit deutlich zu kurz gekommen.

Das ist nun anders?

Ich habe den Aufschlag gemacht, wieder in den grundhaften Ausbau einzusteigen in den Straßen, die für uns wichtig sind, wie die Linteler Straße zum Beispiel oder die Straße am Sportplatz. Da haben wir einen komplett kaputten Regenwasserkanal, der nur noch von den Bäumen zusammengehalten wird. Es gibt in älteren Wohngebieten, etwa westlich der Norddeicher Straße oder in Ostlintel viele Straßenabschnitte, die einen grundhaften Ausbau vertragen könnten. Das sind aber auch Projekte, die man nicht mal so eben aus dem Ärmel schüttelt.

Wie soll sich die Stadt entwickeln?

Im Planungsamt werden regelmäßig Strategien für die Stadtentwicklung besprochen. Eine der wichtigsten Leitlinien ist dabei, dass die Stadtverwaltung klar Position bezieht im Hinblick auf das, was unter städtebaulichen Gesichtspunkten sinnvoll ist, um damit den Entwicklern klare Optionen aufzuzeigen. Die Frage wird besipielsweise auch gestellt werden westlich des Combi-Marktes in Norden. Das ist ein großes Gebiet, in dem man als Stadt starke Akzente setzen kann. So verhindern wir, dass Investoren beliebige Pläne vorlegen, wie es etwa in der Hamburger Straße geschehen ist.

Das Baugebiet Hamburger Straße sollte das neue Super-Baugebiet werden, in dem die Stadt wieder als Vermieter auftritt. Aber man hört seit einem Jahr nichts mehr. Was ist so kompliziert?

So kompliziert ist die Willensbildung in der Stadtverwaltung – auch im Zusammenspiel mit der Politik. Ich habe dieses Projekt geerbt. Im Moment ist nur klar, dass wir eines der Grundstücke für die dort geplante Kita erwerben. Vieles andere ist ungeklärt: Soll sozialer Wohnungsbau kommen in dem nördlichen Bereich? Wie sieht es aus mit der Vermarktung der südlichen Grundstücke? Zudem treten gewisse Umstände zutage, wie die Tatsache, dass uns da nicht alle Grundstücke zur Verfügung stehen. Vergabekriterien sind ein Punkt, die bei der Weitervermarktung eine Rolle spielen müssen. Das Projekt ist noch nicht richtig vollendet. Das macht mich auch ein Stück weit unzufrieden.

Wie sieht das Norden der Zukunft aus ?

Für mich ist wichtig, dass wir die großen Stadtentwicklungsprojekte zu Ende bringen. Mit dem Doornkaat-Gelände sind wir auf einem sehr guten Weg. Aber das geht mir alles nicht schnell genug. Ich führe schon Gespräche mit möglichen Investoren, die Interesse geäußert haben. Ich glaube, Ferienwohnungen haben wir genug. Es ist richtig, dass wir diesbezüglich über die Bauleitplanung auch in Zukunft einen Riegel vorschieben. Wir benötigen dringend bezahlbaren Wohnraum. Das ist ein Riesenthema. Da helfen Investoren. Wir können uns gewisse Sachen nur erlauben, wenn wir eine starke Stadt haben, wenn wir eine starke Wirtschaft haben, wenn wir eine gute Infrastruktur haben, Leute haben, die investieren. Das Geld ist ja da in Deutschland. Die Stadt muss sich aktiv präsentieren, um Investoren zu gewinnen.

Wie wollen Sie mehr Wohnraum schaffen und wie lange dauert es, bis sich auf dem Markt spürbar etwas ändert?

Wir als Stadtverwaltung und als Stadtpolitik haben es in der Hand, die Spielregeln zu machen. Nicht nur bei der Vergabe der Grundstücke für die, die sich Bauen dann leisten können. Die Stadt hat beispielsweise die Möglichkeit, eigene Grundstücke in Erbpacht zu vergeben, um Bauen noch zu ermöglichen. Auch wenn es um den Verkauf von Grundstücken geht, müssen wir uns als Stadt und als Stadtpolitik die Frage stellen, zu welchen Bedingungen wir es machen wollen. Die Stadt muss Flächen erwerben, auch wenn sie diese dann auch erschließen und vermarkten muss. Nur so können Menschen noch ihr Eigenheim realisieren. Beim geförderten Mietwohnungsbau gibt es ja noch einige Überzeugungstäter, die das tun. Denn aufgrund der gestiegenen Baupreise und der entsprechenden Deckelungen, die damit verbunden sind, rechnet es sich nur über Dekaden, sozialen Wohnungsbau zu machen. Da ist die Frage, wie können wir uns als Stadt engagieren?

Wie könnte das aussehen?

Die Frage, wollen wir es als Stadt selbst angehen, muss mit Ja beantwortet werden. In vielleicht in einer eigenen Gesellschaftsform. Nicht nur im neuen Baugebiet Hamburger Straße, dessen Modell wir dann auch auf andere Wohngebiete übertragen könnten. Im Gebiet nördlich Westlinteler Weg gehören der Stadt fast 15.000 m². Da denke ich auch an bezahlbaren Wohnraum, wo wir als Stadt die Spielregeln machen können. Da sollten wir die Entwicklung mitnichten anderen überlassen. Wir sollten uns als Stadt stark machen, um dafür zu sorgen, Flächen nicht nur zu behalten, sondern zu bebauen und den Mietwohnungsmarkt attraktiver zu machen.

Ab wann wird Ihrer Meinung nach auf dem Doornkaat-Gelände gebaut?

Wenn es um Erschließungsstraßen geht, wollen wir dieses Jahr die Verbindungsachse mit dem Kreisverkehr bauen. Durch den Kauf des Popken-Geländes, kann die Stadt nun prüfen, ob neben einem geplanten Parkhaus zum Beispiel auch Gewerbe und Wohnen entstehen kann. Dies soll in Form eines Realisierungswettbewerbes geschehen, infolgedessen wir bereits einen Planer für die Freiflächen auf dem Gelände beauftragen können. Letzteres haben wir uns fürs nächste Jahr vorgenommen.

Sie haben für den Stadtteil Lintel eine Erhaltungssatzung auf den Weg gebracht. Warum?

Die Erhaltungssatzung soll ortsbildprägende Strukturen sichern, da der Bebauungsplan allein dafür nicht ausreicht. Es geht um Baufluchten, Symmetrien und Fassadengestaltung. Lintel hat eine besondere Historie und ein besonders prägendes Ortsbild. Diese Strukturen wollen wir erhalten. In der Vergangenheit sind aber einzelne Bauten entstanden, die überhaupt nicht ins Ortsbild passen, die wir aber bisher nicht verhindern können. Die Erhaltungssatzung ist ein legitimes Mittel, in begrenzten Gebietskulissen dafür zu sorgen, dass gewisse städtische Strukturen auch erhalten werden. Weil sie einen Wert haben für die Stadt.

Was fehlt Norden noch?

Beim Thema Mobilität haben wir noch deutlichen Nachholbedarf. Ob das der ÖPNV ist, ob das die klare Führung von Fuß- und Radwegen ist. Um nicht nur das Leben hier, sondern auch den Tourismus entsprechend stark aufzustellen.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Norden?

Der muss sich tatsächlich noch entwickeln. Ich finde, der Markt ist einmalig. Allerdings breche ich mir immer noch die Haxen, wenn ich über den Marktplatz laufe. Wenn er mal fertig saniert ist – ich glaube, dann wäre der Marktplatz mein Lieblingsort.

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