Hamburg  Doulas: Wenn die Möchtegern-Hebammen zur Gefahr für Mutter und Kind werden

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 08.06.2025 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
„Doulas“ sind ein neuer Trend bei der Begleitung von Frauen unter der Geburt. Foto: dpa/Mascha Brichta
„Doulas“ sind ein neuer Trend bei der Begleitung von Frauen unter der Geburt. Foto: dpa/Mascha Brichta
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Doulas sind nicht-medizinische Geburtsbegleiterinnen. Unsere Autorin versteht nicht, warum eine Frau bei der Entbindung eine medizinisch unkundige bezahlte Händchen-Halterin bei sich haben möchte, wenn es doch Gynäkologen, Hebammen und Angehörige gibt.

„Berufe”, für die man sich in zwei Wochenendseminaren qualifizieren kann, kann ich leider nicht ernst nehmen. Für ein im Alter von 15 Jahren absolviertes „Babysitterdiplom” des Jugendbüros meiner Heimatstadt musste ich härter und länger arbeiten; und das ist genauso wenig wert wie die Mini-Ausbildungen.

Nun mag das Risiko, wenn jemand eine überteuerte Weiterbildung zum „Data Scientist” oder „Social Media Manager” macht, für die Allgemeinheit gering sein. Weder bei Google Spreadsheets noch bei Instagramposts geht es um Leben und Tod. Das kann man bei “Doulas” nicht sagen. Und das bereitet mir große Sorge.

Falls Sie den Begriff – wie ich bis vor Kurzem – nicht kennen: Eine Doula ist eine nicht-medizinische Unterstützerin einer Frau während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Klingt nach Hebamme, ist es aber nicht. Bis 2020 absolvierten Hebammen eine dreijährige Ausbildung mit mehr als 1500 Theorie- und 3000 Praxisstunden; seit 2020 ist Hebammenwissenschaft ein dualer Bachelorstudiengang mit mehreren tausend Stunden Theorie und Praxis.

Ein Zertifikat als „Doula” gibt es schon nach zwei digitalen Wochenend-Blockseminaren á 24 Stunden (abzüglich Pausen) zum Preis von 1.650 Euro. Obgleich Doulas häufig als „geburtserfahrene Frauen” mythologisiert werden, ist eine Mutterschaft kein Erfordernis für windige Ausbildungsstätten.

Die Aufgaben der Doula umfassen das, was ein liebevolles Umfeld sowieso leistet, nämlich eine emotionale Unterstützung oder auch „Dienerin” der (werdenden) Mutter zu sein. Ich empfinde etwas Mitleid für Frauen, die scheinbar so wenig Unterstützung von Partner, Familie und Freunden zu erhalten scheinen, dass sie dafür lieber eine Fremde fürstlich entlohnen.

Denn von der Minderqualifikation sollte man sich nicht täuschen lassen: Für eine „kurze Kennenlern- und Fragerunde per Telefon”, die „Erstellung Deines individuellen Geburtsplans entweder online oder in Präsenz” sowie „Ideen zur Vorbereitung auf die Geburt” werden auf den Webseiten von Doulas gerne mal 150 Euro aufgerufen. ChatGPT hätte es umsonst gemacht und auf mehr medizinisches Wissen zurückgreifen können. Die Kosten für eine Geburtsbegleitung liegen bei 1350 Euro – fürs Händchenhalten und emotionale Unterstützung. Mit einem Mann, der das nicht für seine gebärende Partnerin leisten kann, sollte man sich vielleicht einfach nicht fortpflanzen. Eine unnötige Kommerzialisierung der Geburt ist es allemal.

Nun kann man freilich denken: Was interessiert es mich, wofür andere ihr Geld hinausschmeißen, und was schadet es, wenn dann im Kreißsaal noch ‘ne Doula herumsitzt?

Wenn allen Beteiligten klar ist, was eine Doula kann und darf, mutmaßlich wenig.

Doch gibt es schwarze Schafe, die sich emotional vulnerablen Frauen gegenüber als die besseren, weil einfühlsameren Hebammen inszenieren. Und zu viele machen mit oder widersprechen nicht: Manche Doulas werben online damit, Eltern von tot geborenen Kinder oder schwangere Opfer sexueller Gewalt unterstützen zu können – wofür andere jahrelange Psychologie studiert haben, scheinen sie im nur 50-stündigen Online-Workshop gelernt zu haben. Wobei es da mutmaßlich eher um pseudo-esoterische Angebote ging wie die „Muttersegnung”, das “Bonding-Bad” oder die Herstellung von Plazentakapseln aus der getrockneten Plazenta der Frau. Ich wünschte, ich hätte mir das ausgedacht.

In Fernsehbeiträgen werden Doulas als „nicht medizinische Hebammen” bezeichnet, ihre Wirkungsstätten als Praxen geadelt. Eine schwangere Influencerin fordert in einem mehr als 36.000 Mal gelikten Video ihre Followerinnen auf „Hol Dir eine Doula! Hebammenmangel ist real”. Sie sei jetzt im neunten Monat schwanger – und müsste entsprechend oft bei Arzt und/oder Hebamme gewesen sein – doch das eine Gespräch mit einer Doula habe „ihre komplette Einstellung zur Geburt und zum Muttersein verändert”.

Eine Einstellung, die ich für äußerst gefährlich halte. Denn was nützt der bestgemeinte Geburtsplan einer Doula, wenn die Nabelschnur des Kindes um den Hals gewickelt ist? Was, wenn sich die Vitalwerte von Mutter oder Kind bei der Geburt verschlechtern, die Gebärende aber lieber auf die einfühlsame Doula als auf die pragmatischen Ärzte oder Hebammen hören will? Doulas, die sich öffentlich über ihren Beruf äußern, betonen zwar immer, dass sie natürlich die gesetzlichen Grenzen einhalten und dem medizinischen Personal nicht hereinreden. Doch was, wenn sie der Schwangeren genug eingeredet haben, dass diese notwendige medizinische Maßnahmen verweigert? Es tut mir leid, aber ich kann und werde Doulas nicht vertrauen.

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