Hannover Meyer Werft: So groß ist das Problem mit Diebstählen und Vandalismus in Papenburg
Auf der Meyer Werft in Papenburg hängt der Haussegen schief. Die Werftleitung um Sanierer Ralf Schmitz und der Betriebsrat um Chef Andreas Hensen streiten sich öffentlich. Ein Punkt: mehr Videoüberwachung. Recherchen legen nahe, dass die Werft ein erhebliches Problem mit Dieben hat.
Die Stimmung soll frostig gewesen sein an dem Maimorgen vor einigen Tagen in Papenburg. Die Führung der Meyer Werft um Sanierer Ralf Schmitz hatte die Belegschaft kurzfristig zu einer Informationsveranstaltung in Halle 4 geladen – also genau in die Halle, in der gut 10 Monate zuvor der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz der Belegschaft zusagte, dass der Staat die Meyer Werft nicht untergehen lassen werde.
Nun also stand Sanierer Schmitz wieder auf einer improvisierten Bühne. Nur ging es dieses Mal nicht um frohe Botschaften, sondern eine Abrechnung mit dem Betriebsrat. So haben es zumindest Teilnehmer der Veranstaltung aufgefasst, mit denen unsere Redaktion gesprochen hat. Der Betriebsrat um den Vorsitzenden Andreas Hensen soll überrumpelt gewirkt haben. Der Termin sei nicht, wie sonst wohl üblich, mit den Arbeitnehmervertretern abgestimmt gewesen.
Schmitz breitete der Belegschaft aus, an welchen Punkten es in Verhandlungen mit dem Betriebsrat seit Monaten nicht vorangeht. Und was für Einsparpotenziale dabei liegen bleiben. Geld ist ein sensibles Thema in Papenburg. Der Sanierer muss die Werft zurück in die Gewinnzone bringen. Gelingt das nicht, könnte die Sanierung scheitern und die Zukunft der gerade noch mit Steuergeld geretteten Werft stünde wieder auf der Kippe.
Jeder gesparte Euro zählt. Aber zu welchem Preis? Der Betriebsfrieden in Papenburg scheint empfindlich gestört. Beobachter sagen, die Situation erinnere fast an vergangene Zeiten, als Betriebsrat und Gewerkschaft regelmäßig mit der Unternehmensspitze um Ex-Besitzer Bernard Meyer aneinander gerieten.
Anders als früher ist es dieses Mal aber auch die Werftspitze, die den seit Monaten schwelenden Konflikt in die Öffentlichkeit trägt: In einem Interview mit dem „Handelsblatt“, das einige Tage nach der internen Versammlung auf der Werft erschien, sagte Schmitz über den Betriebsrat: „Diese mangelnde Bereitschaft, zu pragmatischen Lösungen zu kommen, ist einzigartig.“ Das Interview schlug Wellen – auf der Werft und darüber hinaus.
Besonders an der Videoüberwachung auf Schiffsbaustellen scheinen sich die Parteien zu reiben. Auch wenn ebenso um Mehrarbeit, eine genauere Arbeitszeiterfassung oder Arbeitseinsätze auf der Neptun Werft in Rostock gestritten wird. Schmitz sagte dem „Handelsblatt“, es gehe in Sachen Kameras um die Verhinderung von Vandalismus und Diebstahl und am Ende um Millionen-Euro an Versicherungsprämien, die die Werft sparen könne. Pro Schiff mehrere Hunderttausend Euro, so die Rechnung des Sanierers.
Im Gespräch mit der Ostfriesen-Zeitung schoss Betriebsratschef Hensen einige Tage später zurück in Richtung Schmitz: „Die Geschäftsführung will eine Komplettüberwachung. Die wollen jeden Winkel ausleuchten.“ Man fürchte, dass durch die Kameras eine Leistungskontrolle auf den Baustellen erfolge. Ohne Zustimmung des Betriebsrates kommt die Werftspitze an diesem Punkt nicht weiter.
Recherchen unserer Redaktion legen indes nahe, dass die Werft tatsächlich ein erhebliches Problem mit Kriminalität hat. Demnach soll in den vergangenen beiden Jahren jeweils ein sechsstelliger Schaden durch Diebstähle entstanden sein. Die Zahl der Fälle soll pro Jahr im mittleren dreistelligen Bereich liegen, wobei möglicherweise nicht alle Taten entdeckt werden. Die Hoffnung der Unternehmensleitung ist offenkundig: Mehr Kameras auf den Schiffsbauten könnten mögliche Diebe abschrecken, zumindest dabei helfen, sie zu überführen.
Hinzu kommt mutmaßlicher und nachweislicher Vandalismus, der der Werft schwer schadet. Bekannt ist, dass es in den vergangenen Jahren mehrfach auf Kreuzfahrtschiffen im Rohbaustadium gebrannt hat. Die Feuer konnten jedes Mal rechtzeitig gelöscht werden, bevor es zu größeren Katastrophen kam.
Auf der Informationsveranstaltung im Mai soll Sanierer Schmitz aber auch ein ekeliges Thema aus dem Bereich Vandalismus vor versammelter Mannschaft angesprochen haben: Auf Schiffsbaustellen sollen regelmäßig Fäkalien entdeckt werden, teils in Beuteln regelrecht versteckt. Reinigung und Entsorgung verursachen wohl erhebliche Kosten.
Auf Anfrage unserer Redaktion teilte die Werft mit, man äußere sich nicht in der Öffentlichkeit zu den Themen. Aus der Stammbelegschaft ist indes Irritation zu vernehmen, öffentlich mit Diebstahl in Verbindung gebracht zu werden. Möglicherweise, so mutmaßen manche, sei das Problem weniger in der Stammbelegschaft zu verorten, als bei den Hunderten Arbeitern von Fremdfirmen, die teilweise unter schlechteren Bedingungen auf der Werft tätigt sind.
Für Donnerstag hat nun der Betriebsrat eine Mitarbeiterversammlung einberufen. Offenbar wollen die Arbeitnehmervertreter ihre Sicht der Dinge etwas ausführlicher darstellen. Dem Vernehmen nach sind sie nicht grundsätzlich gegen eine engere Videoüberwachung. Streitpunkt soll aber sein, wie explizit auf jede Kamera hingewiesen werden sollte.
Vielleicht wird der Konflikt auf offener Bühne fortgeführt. Vielleicht werden versöhnliche Töne angestimmt. Beobachter aus dem Umfeld der neuen Eigentümer wundern sich jedenfalls über die Verhärtung in Papenburg. Alles in allem laufe die Sanierung der Werft doch bislang erfreulich gut, heißt es. Die Betriebsversammlung findet übrigens wieder in Halle 4 statt.