Hamburg Verschickungskinder: Darum gab es kaum Kontakt zu den Eltern
Kleine Kinder, weit weg von zu Hause, so gut wie keinen Kontakt zu den Eltern: In Verschickungsheimen war das die Regel. Ein Einblick in eine Diplomarbeit aus den 80er Jahren zeigt, warum so herzlos entschieden wurde.
Eltern geben ihr Kind in die Obhut völlig Fremder, an einen Ort, der hunderte Kilometer entfernt vom eigenen Zuhause liegt. Was heute nicht mehr vorstellbar wäre, war in der Nachkriegszeit gang und gäbe. Landauf, landab wurden Millionen Kinder zur Kur in Erholungsheime geschickt. Sechs lange Wochen wussten die Eltern meist wenig darüber, wie es ihren Kindern dort geht.
Bereits die Reise in die Heime erfolgte ohne die Eltern, in zum Teil extra gecharterten Bussen und Zügen. Am Ziel angekommen, war eine Kontaktaufnahme zu den Eltern in der Regel untersagt.
Was die Heimleitungen mit dieser Regelung bezweckten, hat Christoph Heidrich versucht herauszufinden. In den 80er Jahren schrieb der Ostfriese in Emden seine Diplomarbeit zu den Bedingungen in den Einrichtungen. Heidrich verbrachte einen Teil seiner Kindheit selbst in einem Heim auf Wangerooge, das von seinem Vater geleitet wurde. Zudem ließ er sich zum Erzieher ausbilden, arbeitete in Anstalten in Schillig an der niedersächsischen Nordseeküste und auf Norderney.
Insgesamt 13 Heime auf den ostfriesischen Inseln beantworteten den aus insgesamt 59 Fragen bestehenden Katalog des Studenten. Eine davon lautete „Sind Besuche und Telefonate der Eltern mit den Kindern erlaubt?“ Eine Auswahl der Antworten fiel wie folgt aus:
„Es wird vermutet, dass die Kinder durch den Kontakt mit den Eltern in der Kur verwirrt werden, d.h. wenn sie Vater oder Mutter sehen, wollen sie mit nach Hause“, schrieb Christoph Heidrich zu den Gründen für diese Entscheidung der Heimleitungen. „Abgeschwächt wirken auch so die Telefonate.“
Doch das war nicht der einzige Anlass. „Ein anderer Grund ist jedoch leider die Angst, Kinder könnten die Vorfälle unwahr oder verfälscht den Eltern berichten, die nun versuchen Aufklärung zu erlangen.“
Heidrich kam zu folgendem Schluss: „Manche Heime haben Angst, ob zu Recht oder zu Unrecht mag dahingestellt sein, dass die Kinder über Missstände berichten oder die Eltern diese selber sehen.“ Gemeint seien überfüllte Gruppen, schlechtes Essen, Zwangsmaßnahmen wie stundenlanges in der Ecke stehen oder Essensverbot.
Heidrichs Erkenntnisse passen zu dem, was mithilfe von Aufarbeitung des Verschickungswesens – etwa durch Betroffene und damalige Träger – mittlerweile zu Tage geführt wurde: Kinder hatten nahezu keine Möglichkeiten, Vergehen an ihnen zu melden oder sich ihren Eltern anzuvertrauen. Postkarten und Briefe, die an die Eltern geschickt wurden, unterlagen einer Zensur.
Ebenso versagten Behörden bei der Kontrolle der Heime. Besuche fanden meist angekündigt statt und beschränkten sich auf die baulichen Gegebenheiten, nicht aber auf den Umgang mit den Kindern.