Häusliche Gewalt gegen Männer Von der Scham, Hilfe anzunehmen
Die Zahlen von männlichen Opfern häuslicher Gewalt steigen. Warum ist das so und wo liegen die Probleme?
Aurich - Die Ergebnisse der aktuellen Kriminalstatistik der Polizei Aurich-Wittmund lassen aufhorchen. Die Zahl von Fällen häuslicher Gewalt gegen Männer steigt. Knapp ein Drittel der 939 Opfer im Jahr 2024 waren männlich (297 Fälle). Doch was bedeutet das? Schlagen immer mehr Frauen ihre Männer? Wir haben bei der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) in Aurich nachgefragt.
Prozentzahlen bei Geschlecht der Opfer unverändert
Dort spürt Sozialarbeiterin Ines Albers die generell steigenden Zahlen von Fällen häuslicher Gewalt in ihrem Tagesgeschäft. Wurden im Jahr 2022 bei der BISS 523 Fälle zur Beratung erfasst, waren es 2024 bereits 881, Tendenz steigend. „Interessant ist, dass trotz des signifikanten Anstiegs der Gesamtzahlen die prozentuale Verteilung der Geschlechter bei den Betroffenen nahezu unverändert blieb“, so Albers. In beiden Jahren seien etwa 75 Prozent der Opfer bei der BISS weiblich (391 Fälle) und 25 Prozent männlich (132 Fälle) gewesen.
Veränderte Gesetzeslage lässt Zahlen steigen
Die Zahlen der Gewalttaten gegen Männer steigt also deshalb, weil die Gesamtzahl der Fälle häuslicher Gewalt steigt. Grund dafür ist eine Änderung der Definitionsgrundlage. Denn im Jahr 2022 wurde der Straftatbestand der häuslichen Gewalt anders definiert. Ging es bis zu diesem Zeitpunkt vor allem um Partnerschaftsgewalt zwischen Zusammenlebenden, fällt seit der Neuregelung auch die Gewalt zwischen Ex-Partnern, die nicht mehr zusammenleben, in diese Kategorie.
Außerdem werden als häusliche Gewalt nicht nur die Gewalt zwischen Partnern, sondern auch Gewalttaten zwischen den Generationen erfasst. Männer werden in solchen Fällen nicht immer Opfer von weiblicher Gewalt, sondern es kommt auch zu Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder zwischen Vätern und erwachsenen Söhnen. Ein Punkt, den auch Ines Albers hervorhebt. „Die Umkehr des Opfergeschlechtes bedeutet nicht gleich die Umkehr des Tätergeschlechtes.“ Soll heißen: Nur weil ein Drittel der Opfer männlich sei, sei nicht gleich ein Drittel der Täter weiblich. „Im Jahr 2024 waren 47 Prozent der Täter, die Gewalt gegen Männer ausübten, männlich“, so Albers.
Beratungsangebote nur selten von Männern angenommen
In Fällen, in denen Frauen zu Täterinnen werden, handele es sich oft um gegenseitige Meldungen häuslicher Gewalt, so die Sozialarbeiterin. Soll heißen: Der Mann meldet seine Frau und die Frau meldet gleichzeitig ihren Mann.
Während sich bei den männlichen Opfern die Tätergeschlechter also fast hälftig aufteilen, rund die Hälfte der Täter sind Männer, gestaltet sich das bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, deutlich anders. „Im Jahr 2022 waren in 71 Prozent der Fälle männliche Täter verantwortlich, im Jahr 2024 lag dieser Anteil sogar bei 90 Prozent“, so die Sozialarbeiterin.
Akute Fragen klären, Unterstützung anbieten
Egal, von wem die Gewalt ausgeübt wird, für Opfer häuslicher Gewalt ist die Erfahrung einschneidend und oftmals schwerwiegend. Und das Erlebte will und muss verarbeitet werden. In der Beratungsstelle gibt es dafür die nötige Unterstützung. Das gilt sowohl für sogenannte Selbstmelder, die von sich aus Kontakt zur Beratungsstelle aufnehmen, als auch für Fälle, die Ines Albers von der Polizei verschlüsselt übermittelt bekommt. „In einem ersten Schritt nehme ich Kontakt zu den Betroffenen auf und biete Unterstützung an“, so Albers. Nach einem Fall häuslicher Gewalt gebe es oft vieles zu klären: Gibt es Fragen zur Situation oder zum weiteren Vorgehen? Was benötigen die Betroffenen in der akuten Situation? Wie geht es nun weiter – sowohl in rechtlicher als auch in ganz persönlicher Hinsicht? Während viele Frauen das Beratungsangebot annehmen, tun sich männliche Gewaltopfer deutlich schwerer.
Nur wenige Männer nehmen die Beratung in Anspruch
Zwar sei die Beratung niedrigschwellig, vertraulich und vor allem freiwillig, betont die Sozialarbeiterin. Dennoch falle es vielen Männern schwer, sie anzunehmen. „Nur wenige lassen sich wirklich auf die Beratung ein“, sagt Albers. Vielleicht läge es daran, dass es immer noch ein Tabuthema sei und sich die Männer schämten, genau könne sie das nicht sagen. Vielleicht spiele Scham eine Rolle, als starkes Geschlecht von einer vermeintlich schwachen Frau geschlagen oder bedroht worden zu sein. Vielleicht sei es auch eine Hemmschwelle, dass die Beraterin selbst eine Frau ist? In diesen Fällen gäbe es erst in Oldenburg eine weitere Anlaufstelle, so Albers. Beim dortigen Männerhilfeverein gibt es die Möglichkeit, sich bei männlichen Beratern Hilfe und Rat zu holen.
Während Ines Albers bei den von der Polizei vermittelten Fällen proaktiv tätig wird und Kontakt per Telefon oder Mail aufnimmt, müssen die Selbstmelder sich aktiv dazu entscheiden, sich Hilfe zu suchen. Doch wann ist man eigentlich Opfer häuslicher Gewalt? „Wenn man darüber nachdenkt, ob das, was man erlebt, Gewalt ist, dann ist man bei uns richtig“, sagt Albers. Es gehe um das eigene Empfinden – und da dürfe man sich besser einmal zu viel melden als das eine Mal zu spät.
Prävention und das Wissen um Machtstrukturen
Gewalt werde ganz individuell erlebt und betreffe alle Menschen, egal welchen Geschlechtes, betont die Sozialarbeiterin. Oft falle es schwer, Gewalt zu erkennen und zu definieren. Ist der Schubser im Streit normal oder schon ein gewaltvoller Übergriff? Ist das Einschließen im Schlafzimmer Gewalt oder kann das in einer Beziehung schon mal vorkommen? Sind erniedrigende Sätze wie „Bist Du dumm“ gewaltvoll oder nicht? „Gewalt hat immer mit Macht zu tun, die ausgeübt wird“, sagt Ines Albers. Daher sei es wichtig, schon früh mit der Prävention zu beginnen und bereits Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren.
Hilfe für Betroffene von häuslicher Gewalt
Das DRK Schutz- und Beratungszentrum in Aurich setzt sich zusammen aus der Frauenberatungsstelle bei Gewalt, der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) und dem Frauen- und Kinderschutzhaus Aurich. Das Frauen- und Kinderschutzhaus bietet Hilfe für Frauen und Kinder, die von körperlicher, seelischer und/oder sexueller Gewalt betroffen sind. Es ist erreichbar unter Tel. (04941) 62874. Die Frauenberatungsstelle hilft Betroffenen, Gewalterfahrungen zu bearbeiten. Außerdem bietet sie Unterstützung bei möglichen Trennungen und Scheidungen. Sie ist erreichbar unter Tel. (04941) 964385. Die BISS steht in Kontakt mit der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund. Bei häuslicher Gewalt werden die Opfer über das Gewaltschutzgesetz und über Unterstützungsmöglichkeiten informiert. Sie ist erreichbar unter Tel. (04941) 973222. Eine weitere Anlaufstelle für Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, bietet der Männerhilfe.eV in Oldenburg mit einer von Männern besetzten Beratungsstelle. Infos unter www.maennersache-ol.de oder Tel. (0176) 21 444 373.