Hamburg Mein Vater, der Heimleiter: Ein Ostfriese über seine Kindheit im Verschickungsheim
Mehrere Jahre lebte Christoph Heidrich in einem Kinderkurheim auf Wangerooge. Mit Strenge regierte sein Vater dort als Heimleiter. Für den damaligen Teenager der Ansporn, es einmal besser machen zu wollen.
In den Armen hält Christoph Heidrich ein großes, weißes Kaninchen. Der 18-Jährige umschlingt es fest, blickt ernst in die Kamera. Neben ihm steht sein Vater. Er trägt Anzughose, weißes Hemd und Krawatte. Den rechten Arm hält er über dem Kopf des Kaninchens, als wolle er es streicheln.
„Das Kaninchen meiner Schwester hat mein Vater schlachten lassen, wir mussten es essen. Ich habe ihm das lange vorgeworfen“, sagt Christoph Heidrich zu dem Foto aus dem Frühjahr 1975. Die Aufnahme, die mit anderen vor ihm auf dem Küchentisch liegt, entstand auf der ostfriesischen Insel Wangerooge. Ein zweites Foto, das Christoph Heidrich auf das DIN-A4-Blatt geklebt hat, zeigt ihn mit seinen beiden Schwestern. Auf einem dritten ist seine Mutter lächelnd in einem Hauseingang zu sehen.
Christoph Heidrich zog 1970 im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie auf die Insel Wangerooge. Sein Vater Jochen Heidrich, der als Beamter tätig war, übernahm dort die Leitung des „Bremer Kinderheims“. Im Sechs-Wochen-Takt kamen sogenannte Verschickungskinder an. Sie sollten sich am Meer erholen, an Gewicht zu- oder abnehmen. Eine Zeit lang aus den schwierigen familiären Verhältnissen zu Hause herausgenommen werden.
„Ich erinnere mich, dass dort eigentlich eine sehr lockere Atmosphäre herrschte als wir kamen. Man spürte bereits die Auswirkungen der 68er-Bewegung“, sagt Christoph Heidrich. Der 67-Jährige sitzt in der Wohnküche seines Hauses im ostfriesischen Moormerland und blickt auf sein bisheriges Leben zurück. Lange haben Verschickungen für ihn eine große Rolle gespielt.
Mit der Ankunft von Christoph Heidrichs Vater verschwand die Lockerheit in dem Wangerooger Heim. „Es hat nicht lange gedauert und es gab Auseinandersetzungen mit dem Personal, weil mein Vater einen anderen Erziehungsstil einführen wollte.“ Sein Vater habe Strenge eingefordert, sei sehr disziplinarisch gewesen. Von den Reformen der 1968er wollte er nichts wissen, erinnert sich Heidrich.
Er nimmt einen Schluck von seinem schwarzen Tee und sieht aus dem Küchenfenster in seinen Garten. Der Kandis-Zucker klirrt in der Tasse. „Haue“, die habe es oft von seinem Vater gegeben. „Er hatte es selbst nicht leicht, saß mit seinem Bruder nach dem Krieg in einem Konzentrationslager in Tschechien. Dennoch ist sein Verhalten damit nicht zu entschuldigen.“
Körperliche Gewalt gegenüber den Kurkindern habe Christoph Heidrich nie erlebt, könne aber nicht ausschließen, dass es dazu kam. Einige Erzieher verließen die Einrichtung unter der Führung seines Vaters. Christoph Heidrich konnte sie verstehen. „Es gab keine Wertschätzung für gute pädagogische Ansätze.“
Das Aufessen bei den Mahlzeiten sei ein großes Thema gewesen. Wer abnehmen sollte, habe keinen Nachtisch bekommen. Einmal habe das komplette Haus unter Quarantäne gestanden, weil Scharlach ausgebrochen war.
Als Heimleiter gab es aber nicht nur intern Unstimmigkeiten mit dem Personal, auch Druck von außen. „Der Betrieb sollte laufen, das Heim mit etwa 90 Betten immer voll sein.“
Die Strenge, der harsche Umgangston, die selbst erfahrene Gewalt durch den Vater – irgendwann hält Christoph Heidrich es nicht mehr aus. Er geht mit 17 Jahren von zu Hause weg. „Mein Vater wollte, dass ich zur Polizei gehe. Aber ich glaube, ich wollte ihm zeigen, dass ich es besser kann als er.“ In Bremen und Wilhelmshaven lässt er sich zum Erzieher ausbilden.
Für sein Praktikum und Anerkennungsjahr kehrte er 1978 wieder in Verschickungsheime zurück. Sechs Wochen verbrachte er in Schillig an der Nordseeküste in einem Heim der DAK. Sein Anerkennungsjahr im „Jugendwerk Detmold“ auf der ostfriesischen Insel Norderney, betrieben vom Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen.
Vor allem Kinder aus ärmlichen Verhältnissen seien zur Kur gekommen, sagt Christoph Heidrich. „Kam eine neue Gruppe, mussten erstmal alle entlaust werden.“ Sogenannte „Bettnässer-Kuren“ seien durchgeführt worden, bei denen die Kinder nachts geweckt und auf die Toilette begleitet wurden. „Das zeigte tatsächlich Erfolge.”
Eine prägende Zeit für den damals 21-Jährigen, die er rückblickend aber überwiegend als „schön“ beschreibt. Es gibt aber auch kritische Töne. „Zum Teil waren die Kinder noch viel zu klein, um von den Eltern getrennt zu werden. Sie hatten schreckliches Heimweh, haben nachts geweint und nach ihrer Mutter gerufen.“
Auch bestätigt er, was viele Verschickungskinder immer wieder den Heimen vorwerfen: die Zensur ihrer Postkarten und Briefe an die Eltern. „Es wurde genau darauf geachtet, dass da nichts drin steht, was auch nur irgendwie Wind machen könnte“, sagt Christoph Heidrich. Zudem habe es so gut wie keine Privatsphäre in den Waschräumen gegeben.
Dass Traumatisierungen stattgefunden haben, von denen viele ehemalige Verschickungskinder mittlerweile berichten, bezweifelt er nicht. Zum Teil sei die Heimleitung oder das Personal völlig ungeeignet im Umgang mit Kindern gewesen. „Ich weiß von einer Nonne in einem Heim auf Norderney, die aufgrund ihres bissigen Erziehungsstils den Spitznamen Alligator-Frieda trug.“
Aber Heidrich sagt auch: Für viele Kinder sei der Kuraufenthalt tatsächlich erholsam gewesen. „Wer aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammte, hatte eine gute Zeit. Da sind am Ende der Kur Tränen geflossen.“ Christoph Heidrich holt ein paar Fotos hervor, darauf turnende und verkleidete Kinder beim Karneval. „Es gab immer viel Programm, jeden Tag ging es raus an den Strand.“
Dass er etwas von guter Erziehungs- und Bildungsarbeit versteht, das wollte Christoph Heidrich seinem Vater auch mit seiner Diplomarbeit zeigen, die er während des Studiums in Emden schrieb. „Beiträge zur Kindererholung – Grundlagen einer Bildungsarbeit für Heime zur Kindererholung“, lautet der Titel der Arbeit aus dem Jahr 1985. Sie liegt vor ihm auf dem Tisch, eine rote Kladde mit 188 Seiten, die mit der Note eins bewertet wurde.
Rückblickend bezeichnet Christoph Heidrich es als „Glückssache“, ob ein Kind, das verschickt wurde, in einem guten oder schlechten Heim landete, an geeignete oder ungeeignete Mitarbeiter geriet. In den 80er Jahren liefen immer mehr Heime nicht mehr rentabel und wurden geschlossen.
Das „Bremer Heim“ auf Wangerooge wurde 1988 geschlossen und zu einem Mutter-Kind-Heim umfunktioniert. Über Erziehungsmethoden tauschten sich Christoph Heidrich nie mit seinem Vater aus. Den Kontakt nahm der Sohn erst wieder auf, als er selbst Vater wurde. Doch das Verhältnis blieb bis zu seinem Tod 2019 zerrüttet.