Berlin Regierung will Ärzte mit Geld aus Städten aufs Land locken
Noch gibt es fast überall genug Arztpraxen. Aber die Regierung befürchtet einen Aderlass in ländlichen Regionen und will gegensteuern: durch eine Umverteilung der Honorare von Städten aufs Land. Dagegen regt sich Protest.
Deutschland ist ein Praxenland. 189.551 niedergelassene Ärzte sowie Psychotherapeuten waren 2024 zur Versorgung von gesetzlich Versicherten bundesweit zugelassen, wie aus einer Auswertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hervorgeht. Aber in vielen ländlichen Regionen steigt die Sorge vor Versorgungsengpässen, wenn sich nicht ausreichend Nachwuchsmediziner finden, die in Landarztpraxen arbeiten oder diese übernehmen wollen.
Noch ist die Lage fast überall gut. „Von den 5.000 Planungsbezirken in Deutschland sind ganze 19 unterversorgt“, sagte KBV-Chef Andreas Gassen im Gespräch mit unserer Redaktion. „Was in diesen Planungsbezirken fehlt, sind Kinder- und Jugendpsychiater, Neurologen und Hautärzte. Diese Lücken gibt es vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen. In den verbliebenen 4981 Bezirken herrscht keine Unterversorgung.“
Allerdings liegt eine statistische Unterversorgung auch erst dann vor, wenn der rechnerische Versorgungsgrad bei Hausärztinnen und Hausärzten unter 75 Prozent und bei fachärztlichem Personal unter 50 Prozent beträgt.
Die neue Bundesregierung will einem drohenden Ärztenotstand auf dem Land entgegentreten. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart: „Wir schaffen einen Fairnessausgleich zwischen über- und unterversorgten Gebieten: Wir prüfen eine Entbudgetierung von Fachärztinnen und Fachärzten in unterversorgten Gebieten (...). Außerdem gibt es in (drohend) unterversorgten Gebieten Zuschläge zum, in überversorgten Gebieten (größer 120 Prozent) Abschläge vom Honorar.“
Im Klartext: Mehr Geld für Landärzte, Honorarkürzungen in Ärztehochburgen wie Hamburg oder Düsseldorf.
Dass ein Gegensteuern sinnvoll sein könnte, zeigt ein Blick auf ausgeschriebene Arztstellen. Zwar werden seit Ende der Corona-Pandemie bundesweit wieder deutlich mehr Ärzte eingestellt. Die Zahl der Stellenanzeigen stieg laut einer Stellenmarkt-Auswertung der Firma Index Research für unsere Redaktion von 137.591 im Jahr 2022 auf 231.556 im vergangenen Jahr. Das war ein Plus gegenüber dem Vorjahr um 43,6 Prozent.
Aber: In drei Flächenländern waren in den ersten vier Monaten dieses Jahres deutlich weniger Arztstellen ausgeschrieben als im Vorjahreszeitraum. In Sachsen lag das Minus bei 11,5 Prozent, in NRW bei Minus bei 14 Prozent und in Brandenburg, dem Bundesland mit der ohnehin schon geringsten Arztdichte, lag das Minus sogar bei 15,7 Prozent.
In Berlin dagegen ging es um 13,2 Prozent nach oben, und in Hamburg, wo schon die meisten Ärzte pro Patient arbeiten, waren 11,5 Prozent mehr Stellen ausgeschrieben als in den ersten vier Monaten 2024.
Im Flächenland Schleswig-Holstein befürchtet man zurzeit noch keinen akuten Ärztemangel. Dennoch unterstützt das Gesundheitsministerium in Kiel die Pläne des Bundes, eine Entbudgetierung von Fachärztinnen und Fachärzten in unterversorgten Gebieten vorzunehmen. „Dies wäre ein erheblicher Beitrag zur Stärkung der fachärztlichen Versorgung in der Fläche“, so ein Ministeriumssprecher auf Nachfrage.
Gegen die Umverteilungspläne regt sich bei den Kassenärzten hingegen Protest. „Das ist tatsächlich Unfug! Sollte das so gemeint sein, würde das Vorhaben eine bedenkliche Ahnungslosigkeit belegen, wenn es um die Bedarfsplanung geht“, so KBV-Chef Gassen. Denn es gebe ja lediglich 19 unterversorgte Bezirke. „Und auch in den Praxen der Kassenärzte in vermeintlich überversorgten Stadtlagen wird kein Skat gespielt, sondern im Schnitt sogar mehr behandelt, als von den Kassen erstattet wird“ - weil die Praxisausgaben über ein Budget gedeckelt sind.
Was auf den ersten Blick womöglich nach einem Überangebot aussehen möge, sei die Zulassung von Praxen in Ballungsräumen mit Mitversorgungseffekten, die alle gemeinsam mit den Krankenkassen zugelassen wurden, um den großen Bedarf zu adressieren. „Diesen Praxen noch mehr ihrer budgetierten Vergütung wegnehmen zu wollen, kann keiner ernsthaft vorhaben“, schimpft der Kassenärztechef.
Allerdings gibt auch Gassen zu bedenken: „Was stimmt: Je dünner die Besiedlung, desto größer muss der Einzugsbereich einer Praxis sein, damit sie sich trägt. Die Patienten haben dann weitere Anfahrten.“
Zur Wahrheit gehöre auch: „In Gegenden, die ohnehin strukturschwach sind, wird es immer schwierig bleiben, dass sich dort Ärzte niederlassen oder Praxen nachbesetzen. Trotzdem muss man auch hier Versorgung organisieren.“ Hierzu gebe es aber Angebote wie Zweigpraxen und Telemedizin.
Sinnvoll oder nicht: Für die neue Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) dürfte es schwierig werden, ihren Plan, Ärzte mit höheren Honoraren aus den Städten aufs Land zu locken, in die Tat umzusetzen.