Hamburg Auftragsboom bei Marineschiffen bringt deutsche Werften an ihre Grenzen
Milliardenbranche Schiffbau: Die deutschen Werften verzeichneten 2024 einen Auftragsrekord für den Bau ziviler Schiffe. Der Bau militärischer Schiffe soll in Zukunft weiteres Wachstum schaffen. Doch es gibt auch Probleme.
Angesichts der Zeitenwende und eines ungedeckelten Sondervermögens für die Bundeswehr hoffen deutsche Werften für die kommenden Jahre auf ein massives Wachstum beim Bau von Marineschiffen. „Ich kann mir eine Verdoppelung des Umsatzes durchaus vorstellen“, sagte Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), am Montag in Hamburg. Konkrete Zahlen zu den erwarteten zusätzlichen Aufträgen lägen aber noch nicht vor.
Ohnehin ist offiziell nicht bekannt, wie viel Umsatz deutsche Schiffbauer mit der Fertigung von Kriegsschiffen machen, da die Unternehmen dazu keine Zahlen mitteilen. Nach Erkenntnissen des VSM dürfte etwas mehr als die Hälfte des Branchenumsatzes von rund 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf den militärischen Bereich entfallen.
Mit ihren derzeitigen Möglichkeiten könnten die Werften hierzulande einen Boom beim Bau von Marineschiffen allerdings nicht bewältigen, glaubt Lüken. „Die Kapazitäten sind schon derzeit fast vollständig ausgelastet.“
Für das vergangene Jahr zieht der Verband ein überraschend positives Fazit. „2024 war erfolgreich, in unseren Betrieben gab es überwiegend eine hohe Auslastung“, berichtete Verbandspräsident Harald Fassmer. Ins Bild der guten Entwicklung passen für Fassmer zudem die Rettung der Papenburger Meyer Werft sowie die Übernahme von Werften in Flensburg und Rendsburg durch erfahrene Unternehmen. Beide Standorte in Schleswig-Holstein könnten wieder mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Bei den an Land gezogenen neuen Aufträgen für zivile Schiffe gab es mit einem Gesamtvolumen von 10,7 Milliarden Euro sogar einen Allzeithöchstwert. Dabei setzten sich die beiden großen Trends der vergangenen Jahre fort. Zum einen kamen alle neuen Orders aus dem Ausland. Und, so Lüken: „Etwa 95 Prozent des Auftragsvolumens entfallen auf Kreuzfahrtschiffe und Luxusyachten.“
Auf deutschen Werften arbeiteten 2024 etwa 17.000 Menschen, geringfügig mehr als im Jahr zuvor. Weil der Großteil der Wertschöpfung neuer Schiffe auf die Leistungen von Zuliefererbetrieben entfällt, geht der VSM von gut 200.000 Arbeitsplätzen in der Branche aus.
Mit einiger Erwartung blicken die Verantwortlichen auf die neue Bundesregierung. Zur Freude des VSM habe Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dem Verband versichert, so Lüken, dass es auch künftig einen Maritimen Koordinator geben werde, um die Interessen von Schiffbau, Schifffahrt und Häfen zu koordinieren und zu vertreten.
Auch begrüßt der VSM die Aussagen im schwarz-roten Koalitionsvertrag, wonach CDU und SPD die Wettbewerbsfähigkeit des Schiffbaus, der Schiffbauzulieferer und der maritimen Technologien stärken wollen. Dies müsse nicht zuletzt in einer gemeinsamen Strategie mit den europäischen Partnern geschehen, so der VSM.
Das gelte nicht nur vor dem Hintergrund der Trumpschen Ansage, den Schiffbau in den USA mit Wucht auszubauen. Mit großer Sorge verfolgen die deutschen Werftmanager auch die immer größere Vormachtstellung Chinas in diesem Wirtschaftssektor. Mittlerweile gehen zwei Drittel aller Aufträge weltweit an Werften im Reich der Mitte.
Die Mahnung des Verbandes: Bei Schiffbau und Meerestechnik müsse Deutschland maritime Souveränität sicherstellen und nicht noch weiter in eine technologische Abhängigkeit geraten – sowohl bei militärischen als auch bei zivilen Schiffen.
Konkret wünschen sich die deutschen Werften dazu mehr Unterstützung durch die deutsche und die europäische Politik. Es brauche unter anderem „verlässliche und schnelle Instrumente im Bereich Bauzeit- und Schiffsfinanzierung“ sowie eine Beschleunigung und Entschlackung der Beschaffungsverfahren öffentlicher Auftraggeber.