Osnabrück  Mit One-Way-Ticket nach Berlin: Wie Yehuda Teichtal Deutschlands bekanntester Rabbiner wurde

Andreas Wrede
|
Von Andreas Wrede
| 27.05.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Rabbiner Yehuda Teichtal in der Berliner Synagoge, wo er seit 1996 mit unerschütterlichem Optimismus jüdisches Leben stärkt. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Rabbiner Yehuda Teichtal in der Berliner Synagoge, wo er seit 1996 mit unerschütterlichem Optimismus jüdisches Leben stärkt. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Artikel teilen:

Seit sein Sohn und er selbst Opfer einer antisemitischen Attacke wurden, ist Yehuda Teichtal, Rabbiner der jüdischen Chabad-Gemeinde zu Berlin, eine nationale Persönlichkeit. Er will „aus Dunkelheit Licht erstrahlen lassen“ und Brücken zwischen den Religionen bauen. „Hass begegne ich mit Liebe.“

Yehuda Teichtal hat ein Programm: „Ich möchte für eine positive, starke, jüdische Zukunft wirken und für ein religionsübergreifendes Miteinander in Deutschland einstehen“. Dafür stellte er Europas imposantesten Chanukka-Leuchter am Brandenburger Tor auf. Er zündete ihn mit Bundespräsidenten und Bundeskanzler an. Und er glaubt, dass man manchmal in die Vergangenheit blicken muss, um aus ihr zu lernen.

Zwei Stunden vor ihrem Tod besuchte Rabbiner Teichtal die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer (1921-2025). Er pflegte regelmäßigen Kontakt zu ihr. Als er sie sah, schlief sie. Sie schien jedoch zu bemerken, dass er im Raum war. „Sie öffnete die Augen und sagte, ‚Shabat Shalom und vielen Dank‘ zu mir. Dann schlief sie wieder ein.“

Wenig später verstarb diese großartige Frau. Sie hatte das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt und wanderte 1946 nach New York aus. Erst 2010 kehrte sie in ihre Geburtsstadt Berlin zurück. Sie berichtete abertausenden Deutschen, von jung bis alt, bewegend von den Schrecken der Nazi-Herrschaft. Ihrer Überzeugung verlieh sie nachdrücklich Ausdruck: „Nie wieder!“. Rabbiner Teichtal betrauert 63 Familienmitglieder, die von den Nazis ermordet wurden.

„Shabat Shalom“, wörtlich: Frieden am Sabbat, bringt den Wunsch nach äußerem und innerem Frieden zum Ausdruck. Inmitten hektischer Tage besinnt man sich auf Spirituelles. Yehuda Teichtal wurde das Spirituelle in die Wiege gelegt. Er entstammt einer alten jüdischen Rabbiner-Familie. Einige Familienmitglieder konnten dem Nazi-Terror in die USA und nach New York City entfliehen.

Yehuda, geboren 1972 im New Yorker Stadtteil Brooklyn, wuchs in einem chassidischen Haushalt auf: „Ein sehr grundlegendes Prinzip meiner Erziehung war, jeden Juden zu lieben, egal welcher Richtung im Judentum oder welchen Hintergrund er oder sie haben möge.“

Die weltweit organisierte chassidische Chabad-Lubawitsch Gemeinde ist orthodox geprägt. Gleichwohl legt Rabbiner Teichtal großen Wert auf die Feststellung, „dass wir für ein tolerantes, humanes, inklusives Miteinander eintreten, wir wollen immer Menschen zusammenbringen, umso mehr als wir in Deutschland antidemokratischen gesellschaftlichen Spaltungs-Tendenzen entschieden entgegenwirken müssen.“

Nach der High School und dem intensiven religiösen Studium wurde er 1995 in New York zum Rabbiner ordiniert. Das damalige Oberhaupt der Chabad-Bewegung, Menachem Mendel Schneerson (1902-1994), hatte ihm schon vor seinem Tod angetragen, dass Yehuda nach Deutschland gehen solle. Dort sollte er das vielfältige jüdische Leben weiter beleben. „Unsere Antwort auf die Dunkelheit ist das Licht“, so lautet das Credo von Yehuda Teichtal.

Der Großvater von Yehuda Teichtal war allerdings bestürzt, dass der junge Rabbiner nach Deutschland gehen sollte. Er reiste nur versehen mit einem One-Way-Ticket für ihn und seine Frau Leah, deren Vater ein Oberrabbiner in Israel ist. „Aber schließlich willigte mein Großvater ein, mit den Worten ‚Du musst gehen, so will es der Ewige, wir haben Hitler und die Seinen besiegt, gerade in Deutschland.‘“

Warum das One-Way-Ticket? „Wer durch die Inspiration von Rabbiner Schneerson in die Welt geht, der erfülle die Aufgabe jüdisches Leben zu stärken und eine Zukunft für die Gemeinde zu sichern.“

So sollte es sein. Rabbiner Yehuda Teichtal führt heute im Berliner Stadtteil Wilmersdorf das größte jüdische Bildungszentrum in Europa: „Wir bieten nicht nur den Austausch mit dem Judentum an, wir sind sozusagen eine dynamische, offene, von Toleranz geprägte Plattform mit Blick auf die jüdische Kultur und ihre Traditionen sowie lebendigen jüdisches Leben. Wir suchen die positive Auseinandersetzung mit anderen Religionen. Und mit Freundlichkeit wollen wir die Welt zum einem besseren Ort werden lassen.“

Tatsächlich ist der großgewachsene Rabbiner mit dem altüberlieferten, wallenden Bart nicht nur im Gespräch mit der NOZ ein freundlicher Mann. Seit ich ihn kenne, habe ich diesen Rabbiner noch nie negativ, schlechtgelaunt oder gar verzagt erlebt. Yehuda Teichtal, Vater von vier Töchtern und zwei Söhnen, ist die Verkörperung strahlend lächelnden Optimismus.

Darauf, dass er zum bekanntesten Rabbiner Deutschlands wurde, hätte er gern verzichten können. Im Juli 2019 griffen arabisch sprechende Männer Vater und Sohn an. Sie beschimpften und bespuckten die beiden. „Wir waren auf dem Weg nach Zuhause, kamen vom Gottesdienst aus der Synagoge als wir diese antisemitische Attacke erlitten.“

Aber wer dachte, der Rabbiner werde nun völlig verbittert sein Werk fortsetzen, wurde eines Besseren belehrt. Eine breite Solidarität tat sich in Deutschland auf. An deren Spitze stand Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Unser Staatsoberhaupt besuchte umgehend den Rabbiner. Beide nennen sich heute Freunde.

Aber was immer geschieht, Yehuda Teichtal betont das Positive. Der Bau des Pears Jüdischer Campus ist ein weiteres Beispiel für seinen Tatendrang. Das siebenstöckige Gebäude für Bildung, Kultur und Sport wurde für 40 Millionen Euro aus privaten und öffentlichen Mitteln realisiert. Es ist zugänglich für alle Religionen.

1000 Besucher täglich kommen zum Campus. Ebenso Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. „Es geht um gegenseitiges Verständnis, den Abbau von Vorurteilen und den Respekt füreinander, wir lieben jeden Menschen, gleich welcher Religion er angehören mag,“ unterstreicht der Rabbi.

Er könnte auch der Unbeugsame genannt werden. Die Berliner Chabad-Gemeinde zählt heute weit über 5000 Mitglieder. 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden von Yehuda Teichtal rund um die Uhr gutgelaunt dirigiert, enthusiasmiert und motiviert.

Erst kürzlich, als Israels Präsident Itzhak Herzog auf Einladung von Bundespräsident Steinmeier die Gedenkstätte Gleis 17 in Berlin besuchte, sprach Yehuda Teichtal dort ein Gebet. Von diesem Gleis aus wurden Tausende Juden während der Shoa in Konzentrationslager deportiert.

Einmal mehr sagt der Rabbiner: „Ich will Brücken des Verständnisses zwischen den Menschen bauen, ob es nun Regierungsvertreter sind, Gemeindemitglieder oder Menschen anderen Glaubens. Der Talmud sagt uns, wenn wir hundert haben, sollen wir um zweihundert streben. Und wenn wir zweihundert haben, dann sollen wir um vierhundert streben“.

So ist wohl zu erklären, dass Rabbiner Yehuda Teichtal in nur zehn Jahren, trotz Corona, den erwähnten Pears Jüdischer Campus neben dem Chabad-Zentrum in Berlin einweihen konnte. Das Bauwerk wurde übrigens mit einem German Design Award 2025 ausgezeichnet.

Das Kuratorium dieser Stiftung besteht aus Iris Berben, Kai Diekmann, Mathias Döpfner, Alexander Otto und Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Noch ein Beispiel für seinen Tatendrang? Anfang März 2022, unmittelbar nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, erreichte Yehuda Teichtal der verzweifelte Anruf eines Rabbiner-Kollegen aus Odessa. „Die Kinder eines Waisenhauses saßen im Bunker, während tags wie nachts russische Luftangriffe donnerten und die Sirenen permanent heulten“, sagt Yehuda Teichtal.

Sofort bot er Hilfe an. Innerhalb von 60 Stunden holte er mit Helfern zunächst 120 jüdische Waisenkinder nach Deutschland. Der Weg führte über Moldawien, Rumänien, Ungarn, die Slowakei und die tschechische Republik. Inzwischen haben über 500 jüdische Geflüchtete aus Odessa, Dnipro oder Kiew eine neue Heimat in der Chabad-Gemeinde in Berlin-Wilmersdorf gefunden.

Wiederum besuchte der Bundespräsident die Gemeinde. Sichtlich berührt sprach er die Worte „Hier besiegt das Licht die Dunkelheit“, erinnert sich der Rabbiner, nicht minder ergriffen.

Wie könnte es anders sein – das nächste Großprojekt hat Yehuda Teichtal bereits auf seiner Agenda: der Bau einer neuen Synagoge. Wieder will er an diesem Ort die Menschen zusammenbringen. Er folgt einem anderen Glaubenssatz: „Aller Anfang ist schwer und eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt. Habe Geduld, manchmal ist die Welt langsamer als du selbst.“

Manches Mal aber ist sie leider schneller. Wie bei dem Terror-Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel. „Seitdem hat der Antisemitismus in Deutschland deutlich zugenommen“, mahnt Yehuda Teichtal.

„Weil viel Unwissen herrscht“, gibt es seit geraumer Zeit die reisende Synagoge, das „Mizwa Mobil“. Es ist ein umgebauter Lieferwagen. 100.000 Euro an privaten Spenden hat Rabbiner Teichtal dafür organisiert. „Mit dieser Synagoge wollen wir einerseits Menschen in Deutschland erreichen, die von jüdischen Gemeinden zu weit entfernt sind. Andrerseits nutzen wir es als Aufklärungsinstrument über unseren Glauben für Angehörige anderer Religionen.“

An originellen Ideen mangelt es Yehuda Teichtal nicht. Der Rabbiner kam 1996 „mit nichts in der Tasche in Berlin an“. Das ist so üblich bei Chabad-Emissären in anderen Ländern. Er sprach kein Wort Deutsch. Nicht zuletzt kam er zu uns, um mit Ressentiments gegenüber orthodoxem Judentum aufzuräumen.

Eine 30 Generationen umfassende Rabbinerfamilie stärkt ihm und seiner Frau Leah, die sich ebenfalls sehr in der Chabad-Gemeindearbeit engagiert, im Geiste den Rücken. Vorfahren standen etwa in Frankfurt oder Worms vor hunderten Jahren für ihren Glauben ein. Wie der Urgroßvater Rabbiner Salomon Teichtal, seinerzeit eine herausragende Figur in Osteuropa. Noch am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, am 27. Januar 1945, wurde er von Nazis ermordet. Nie wieder.

Ähnliche Artikel