Hamburg Früher verschickten Unternehmen Kinder – heute gibt es Kita und Betriebssport
Was heute Betriebssport oder der Zuschuss zur Kita ist, war in den 1950er- und 60er-Jahren die Kinderkur. Unternehmen schickten die Kinder ihrer Mitarbeiter zu Erholung. Warum? Und war auch in betrieblich organisierten Verschickungsheimen Machtmissbrauch an der Tagesordnung?
Millionen Kinder wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs zur Erholung in Kinderheime verschickt, die von Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas oder der Diakonie betrieben wurden. Aber auch Firmen schickten die Kinder ihrer Arbeitnehmer zur Kur. Nur: Warum? Welchen Nutzen hatten die Unternehmen davon?
Die Historikerin Lena Krull erklärt, welche Rolle Unternehmen im System der Verschickung spielten – und warum das Thema bis heute kaum erforscht ist.
Frage: Frau Krull, nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Millionen Kinder in Deutschland verschickt. Welche Rolle spielten Unternehmen bei den Verschickungen?
Antwort: Unternehmen waren ein relevanter Akteur, natürlich nicht so groß wie Wohlfahrtsorganisation, aber dennoch wichtig. Ab dem frühen 20. Jahrhundert – verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg – begannen Betriebe, sich stärker für die Erholung ihrer Mitarbeitenden zu engagieren. Manche gründeten eigene Heime, andere arbeiteten mit bestehenden Einrichtungen von Wohlfahrtsverbänden zusammen und buchten eine bestimmte Platzzahl.
Frage: Warum haben Unternehmen das gemacht?
Antwort: Es ging darum, den Mitarbeitenden – meist den Vätern – ein zusätzliches Angebot zu machen, das die Familien entlastet und gleichzeitig die Bindung an das Unternehmen stärkt. Wenn man das mit heute vergleicht, wäre das vielleicht so etwas wie ein Betriebskindergarten oder ein Sportangebot – also ein freiwilliges Benefit, das man zusätzlich in Anspruch nehmen konnte. Geld haben Unternehmen damit nicht verdient.
Frage: Gab es bestimmte Branchen, in denen Verschickungen üblich waren?
Antwort: Das lässt sich bislang nicht systematisch sagen, weil die Forschung dazu noch am Anfang steht. Aber Hinweise deuten darauf hin, dass vor allem große Industriebetriebe und Dienstleistungsunternehmen wie Post oder Bahn entsprechende Programme hatten. Nur größere Arbeitgeber konnten sich so etwas leisten oder Kontingente dauerhaft reservieren.
Frage: Wie lief die Organisation ab?
Antwort: Es gab verschiedene Wege, aber oft meldeten die Eltern das Kind selbst für die Kur an, gegen einen kleinen Eigenanteil. Unternehmen reservierten entweder Plätze in bestehenden Heimen oder betrieben eigene Einrichtungen. Geworben wurde dafür unter anderem in internen Mitarbeiterzeitschriften. Die Abrechnung lief dann je nach Modell über die Betriebskrankenkasse, über die Renten- oder Krankenversicherung oder über kommunale Träger.
Frage: In den letzten Jahren melden sich immer mehr Verschickungskinder zu Wort, die von furchtbaren Verhältnissen berichten. War das auch in betrieblichen Kinderkurheimen so?
Antwort: Davon muss man leider ausgehen. Strukturell unterschieden sich die betrieblich organisierten Verschickungen nicht von anderen. Auch sie waren Teil des allgemeinen Kinderkurwesens – mit denselben Heimen, denselben Rahmenbedingungen, denselben Kontrollproblemen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass auch Kinder, die über den Betrieb verschickt wurden, belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht haben.