Osnabrück  Kann ein Mensch "Böse geboren" werden? Der neue Rostocker "Polizeiruf 110" bietet eine klare Antwort

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 25.05.2025 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wer treibt hier sein Unwesen? Melly (Lina Beckmann, l.) und Katrin (Anneke Kim Sarnau) finden zerschossene Schaufensterpuppen im Wald. „Polizeiruf 110: Böse geboren“, Sonntag, 25. Mai, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © NDR/Michael Ihle
Wer treibt hier sein Unwesen? Melly (Lina Beckmann, l.) und Katrin (Anneke Kim Sarnau) finden zerschossene Schaufensterpuppen im Wald. „Polizeiruf 110: Böse geboren“, Sonntag, 25. Mai, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © NDR/Michael Ihle
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Eine tote Aktivistin bildet den Auftakt für den neuen Rostocker "Polizeiruf 110: Böse geboren", der um die Verrohung unserer Gesellschaft kreist. Warum er äußerst sehenswert ist.

Menschenjagd im Wald bei Rostock. Zwei Tierschutz-Aktivistinnen streifen mit einer Kettensäge durch die winterliche Landschaft. Ihr Ziel ist ein Hochsitz, den sie ansägen wollen. Das soll nicht nur ein Zeichen setzen, sondern auch die Jägerschaft verschrecken. Aber bis zu ihrem Ziel schaffen sie es gar nicht. Plötzlich fällt ein Schuss aus dem Nichts und Sarah, eine der Aktivistinnen, sinkt tödlich getroffen zu Boden. Ihre Mitstreiterin Nele kann zwar nach einer Schrecksekunde die Flucht ergreifen, wird aber ebenfalls getroffen und rettet sich schwer verwundet ins Unterholz.

Als am nächsten Morgen die Leiche von Sarah gefunden wird, erweist sich die Beweisaufnahme vor Ort als schwierig. Der geschmolzene Schnee hat die meisten Spuren vernichtet. Aber Kettensäge und Kopfschuss lassen schnell erahnen, was hier passiert ist. Das war eine gezielte Aktion gegen die Aktivistinnen. Zum Glück wird Nele lebend gefunden. Trotzdem kommen Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und ihre Kollegin Melly Böwe (Lina Beckmann) bei ihren Ermittlungen zwischen Jägern und Tierschutz-Aktivisten nicht wirklich weiter.

Stattdessen hegt die am Waldrand wohnende Eva Greuner (großartig: Jördis Triebel) einen eindeutigen Verdacht - gegen ihren eigenen Sohn Milan (Eloi Christ). Der ist nicht nur durch eine Vergewaltigung entstanden. Sein Vater war auch ein mehrfacher Frauenmörder. Trotzdem hat sich Eva dazu entschieden, das Kind zu bekommen und aufzuziehen. Eine Entscheidung, mit der sie seitdem hadert. Zu ihrem Sohn, der Patronen sammelt und öfter mal blutverschmiert nach Hause kommt, hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Sie liebt ihn und hat Angst davor, dass er so sein könnte wie sein Vater. Aber ist das Böse wirklich in den Genen verankert? Kann ein Mensch „Böse geboren“ werden, wie es der Titel des neuen Rostocker „Polizeiruf 110“ andeutet?

Die beiden Drehbuchautorinnen Catharina Junk und Elke Schuch machen es sich nicht leicht in der Charakterisierung des Einzelgängers Milan und seines Umfelds. In diesem „Polizeiruf“ ist zwar niemand böse auf diese Welt gekommen. Aber hier erscheint auch kaum jemand wirklich unschuldig. Es geht um gesellschaftliche Ausgrenzung und emotionale Kälte. Um persönliche, moralische und auch politische Grenzen, die sich „immer weiter verschieben und eine beunruhigende Verrohung“ in unserer Gesellschaft erkennen lassen, wie Autorin Junk in einem NDR-Presseinterview ihr Anliegen formuliert. Dabei entsteht ein böses Spiel mit Vorurteilen, das auch den Zuschauern die eine oder andere Falle stellt.

Regisseur Alexander Dierbach setzt in der Umsetzung dieses Krimis, in dem es vordergründig um Familiengeheimnisse geht, auf eine starke, klare visuelle Sprache. Dabei bleibt er wortwörtlich auf Augenhöhe mit den Protagonisten, zu denen sich noch Mellys Tochter Rose (Emilie Neumeister) gesellt. In einem Nebenhandlungsstrang, der die Geschehnisse rund um den zum Außenseiter gestempelten Milan spiegelt, versucht Rose mit aller Macht herauszufinden, wer ihr Vater ist.

Die dramaturgisch überraschend beiläufig eingestreute Auflösung dieser Nebenhandlung, mit der ein folgenreiches Erlebnis aus Mellys Vergangenheit gelüftet wird, erweist sich als kleines Meisterstück in diesem ohnehin absolut sehenswerten „Polizeiruf 110“ aus Rostock. Der, dies nur ganz nebenbei bemerkt, komplett in Hamburg und Umgebung gedreht wurde.

„Polizeiruf 110: Böse geboren“. Das Erste, Sonntag, 25. Mai, 20.15 Uhr und anschließend in der ARD Mediathek.

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