Bramsche  „Wissen, dass du mit dem Fahrrad zur Arbeit fährst“ – Wie eine Kita zur Zielscheibe der AfD wurde

Marie Busse
|
Von Marie Busse
| 17.05.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor sechs Wochen trat eine AfD-Politikerin einen Shitstorm gegen diese Kita in Badbergen los. Foto: Ankea Janßen
Vor sechs Wochen trat eine AfD-Politikerin einen Shitstorm gegen diese Kita in Badbergen los. Foto: Ankea Janßen
Artikel teilen:

Eine evangelische Kita in Badbergen stand wegen ihres Sexualkonzepts am Pranger Sechs Wochen später ist die Wut abgeklungen – aber die Folgen sind spürbar. Was bleibt vom Shitstorm, den eine AfD-Abgeordnete losgetreten hat?

Ein einziger Post auf X hat gereicht, um im Kirchenkreis Bramsche den Ausnahmezustand auszurufen. Das Telefon stand nicht still, Mails und Kommentare überrollten die Verantwortlichen. 

Was war geschehen? Die AfD-Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt hatte das Konzept der evangelischen Kita in Badbergen als „pervers“ bezeichnet. Das sexualpädagogische Konzept ist Teil eines Schutzkonzeptes, das jede Kita erstellen muss. Besonders ein Satz daraus ging viral: „Kinder entdecken ihren Körper und ihre Genitalien als Lustquelle.“ Er wurde tausendfach geteilt – und als vermeintlicher Beleg für „Frühsexualisierung“ interpretiert. In den Kommentarspalten war schnell von Pädophilie die Rede.

Was hat der Shitstorm mit den Menschen gemacht, die tagtäglich mit den Folgen konfrontiert waren? Und wie blicken sie heute auf diese Wochen des Ausnahmezustands zurück?

„Hier treffen heute nur noch vereinzelte Hassmails ein”, sagt Superintendent Joachim Cierpka. Er sitzt gemeinsam mit Siri Wolff und Yvonne Fänger von der Pädagogischen Geschäftsführung in seinem Büro direkt am Markt in Bramsche. Als Träger liegt beim Kirchenkreis Bramsche die Verantwortung für die Kita in Badbergen. 

Normales Arbeiten sei unmittelbar nach dem Posting nicht möglich gewesen, berichtet Cierpka. Den Kirchenkreis erreichten bis zu 100 Nachrichten täglich – viele voller Beschimpfungen. Die Chefin der Kita in Badbergen wurde bedroht: „Ihr wurde gesagt: Wir wissen, dass du mit Fahrrad zur Arbeit fährst – das war massiv”, sagt die Pädagogische Leitung Wolff. 

Besonders auffällig: Die Absender der Hassnachrichten kamen aus dem gesamten Bundesgebiet. „Da schreibt nicht jemand aus der Nachbarschaft, der sich sorgt – da wird gezielt Stimmung gemacht“, sagt Superintendent Joachim Cierpka.

Auch Vanessa Behrendt, deren Post den Shitstorm auslöste, stammt nicht aus der Region. Sie lebt in Helmstedt, östlich von Hannover. Ein direkter Kontakt mit der Verfasserin des Posts kam nach Angabe des Kirchenkreises trotz Anfrage nicht zustande. Behrendt sagt, eine Anfrage habe sie nicht erreicht, sie sei aber zu einem Gespräch bereit.

Während sich die Empörung online überschlug, blieb es in Badbergen vergleichsweise ruhig. „Aus der Elternschaft haben wir viel Rückendeckung erhalten“, berichtet Wolff. Ein Kind wurde aus der Kita abgemeldet.

Insgesamt waren 15 bis 20 Personen mit der Bewältigung der Lage beschäftigt, sagt Wolff. Mitarbeiter mussten betreut, der Mailverkehr beantwortet und Gespräche geführt werden. Der Kirchenkreis berief eigens eine Pressekonferenz ein, das Fernsehen berichtete. 

Kurzfristig entfernte die Kita auch das Konzept von der Website, um sprachlich nachzusteuern, wie es hieß. „Inhaltlich hat sich nichts geändert“, sagt Cierpka. „Aber wir haben die Sprache angepasst – weil uns klar wurde, dass nicht jede Formulierung von außen verstanden wird.“ Für die AfD-Politikerin Behrendt ist die überarbeitete Version „Augenwischerei“. „Die Begriffe „sexuelle Lust“ bei Kleinkindern, Wickeln als Teil „kindlicher Sexualität“ oder Rückzugsräume für Masturbation finden sich weiterhin, teils versteckt, teils offen“, teilt sie auf Anfrage unserer Redaktion mit.

Behrendts Kritik hat zwar nichts am Konzept, wohl aber an der Kommunikation geändert: Inhalte, die auf der Website veröffentlicht werden, sollen künftig noch sorgfältiger geprüft werden. Außerdem will man die Mitarbeitenden besser schulen und ihnen Argumente an die Hand geben – etwa den Hinweis, dass sexualpädagogische Konzepte gesetzlich vorgeschrieben sind.

Insgesamt zeigt man sich in Bramsche zufrieden mit der Krisenkommunikation, schnell habe es eine Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen gegeben, von der Landeskirche und auch von Behörden kam Rückendeckung. Dennoch hallt der Shitstorm nach. 

„Für uns ist das Ausdruck eines größeren Problems“, sagt Cierpka. „Es geht nicht um Formulierungen, sondern um gesellschaftliche Grundfragen.” Der Angriff auf das Konzept stehe exemplarisch für einen größer werdenden Kulturkampf etwa um Rollenbilder, Sexualität und pädagogische Freiheit. 

Gerade in Regionen mit konservativem oder evangelikalem Milieu, sagt er, werde zunehmend Druck auf Einrichtungen ausgeübt – teils mit religiöser, teils mit politischer Motivation. Begriffe wie „Masturbation“ oder „Doktorspiele“ würden gezielt skandalisiert, aus dem Zusammenhang gerissen und emotional aufgeladen. 

Nur selten sei es gelungen, mit den Menschen in Kontakt zu treten. „Wir beantworten jede Mail, aber haben schnell gelernt, dass es vielen nur darum geht, ihren Frust loszulassen”, sagt Wolff. 

Trotz Dutzender Mails und Gesprächsversuche erinnern sich die Verantwortlichen an nur einen Fall, in dem es gelungen sei, in den Dialog zu treten. „Da kam eine wütende Mail, wir haben geantwortet – und es gab Verständnis”, sagt Wolff. 

Während in Bramsche immer noch Nachrichten beantwortet werden, setzt Vanessa Behrendt ihre Kampagne gegen vermeintliche Frühsexualisierung fort. Im Juni lädt sie zum „Kinderschutzkongress“ der AfD in den Landtag – mit dabei unter anderem Beatrix von Storch. Auch das Verbot von Pride-Flaggen beim ESC zählt inzwischen zu ihren Themen.

*In einer vorherigen Version des Textes hieß es, dass sexualpädagogische Konzepte gesetzlich verpflichtend sind. Richtig ist, dass Gewaltschutzkonzepte gesetzlich verpflichtend sind, sexualpädagogigsche Konzepte sollten nach Angaben des Kultusministeriums ein Teil davon sein.

Ähnliche Artikel