Berlin  Kassenärztechef warnt vor „gruseligen Szenen“ in Praxen

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 19.05.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
„Was realistischerweise nicht funktionieren wird: Dass die Leute am Praxistresen einfach wieder heimgeschickt werden.“ Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Foto: IMAGO/Funke Foto Services
„Was realistischerweise nicht funktionieren wird: Dass die Leute am Praxistresen einfach wieder heimgeschickt werden.“ Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Foto: IMAGO/Funke Foto Services
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Die neue Regierung will die freie Arztwahl einschränken, nach der Devise: Ohne Überweisung keine Facharztbehandlung mehr! Kassenärztechef Andreas Gassen hält mehr Steuerung zwar für sinnvoll. Es brauche aber Ausnahmen, vor allem eine.

Was ist von den Regierungsplänen zur Einschränkung der freien Arztwahl und der Rückkehr zur Überweisungspflicht zu halten? Andreas Gassen ist als Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) eine Art Cheflobbyist aller niedergelassenen Haus- und Fachärzte in Deutschland – und Orthopäde in einer Düsseldorfer Praxis.

Das Vorhaben, die Patienten besser zu steuern, sei durchaus sinnvoll, sagt der 62-Jährige im Interview. In bestimmten Situationen müsse die Freiheit, seinen Wunscharzt zu sehen, aber unbedingt gewahrt bleiben.

Frage: Herr Gassen, zum Start musste die Bundesregierung den Krankenkassen mit einer Millionenspritze aushelfen. Ist Sparen die wichtigste Aufgabe der neuen Gesundheitsministerin Nina Warken?

Antwort: Nein. Frau Warken muss das System stabilisieren und Ruhe in die Versorgung bringen. Die letzten Jahre haben viel Unruhe und Verunsicherung gebracht und das Gesundheitssystem geschwächt. Das ist schlecht, weil die Gesundheitsversorgung auch ein Garant für sozialen Frieden und der Beleg für eine funktionierende Zivilgesellschaft ist. Insbesondere die über 100.000 Praxen mit ihrem Versorgungsversprechen werden von den Menschen hoch geschätzt. Ich glaube, diese Aufgabe ist vordringlich, und ich glaube auch, dass das im Dialog mit den Akteuren – den die Ministerin angekündigt hat – auch gelingen kann.

Frage: Also ist Sparen nachrangig?

Antwort: Die Kassen sind klamm, das stimmt. Und die Beiträge können auch nicht immer weiter steigen. Der Grund dafür sind aber nicht die niedergelassenen Ärzte mit ihrem gedeckelten Honorarsystem. Die Krankenkassen werden mit versicherungsfremden Leistungen belastet. Man dachte zu Beginn, die Koalition wolle die GKV-Finanzen stabilisieren, indem der Bund diese Leistungen – 10 Milliarden Euro pro Jahr allein für Bürgergeldbezieher – endlich bezahlt. Stattdessen werden diese Zahlungen doch weiter den Beitragszahlern aufgebürdet. Der größte Kostenblock aber sind die Kliniken. Hierfür zahlen die Kassen inzwischen mehr als 100 Milliarden Euro jedes Jahr, Tendenz weiter steigend. Und bis die Krankenhausreform wirkt und daran etwas ändert, werden Jahre vergehen.

Frage: Deswegen wollen Union und SPD an die ambulante Versorgung ran. Die Deutschen gehen schließlich viermal so häufig zum Arzt wie etwa die Schweden...

Antwort: So einfach ist’s ja nicht. Die Honorare der Ärzte sind ja leider budgetiert. Ob ein Patient zu einem Orthopäden geht oder zu zehn, ist für die Krankenkassen letztlich nahezu egal, sie zahlen ja quasi eine „Flatrate“. Nur wenn die zehn Orthopäden Krankengymnastik verschreiben, wird es teurer. Nein, nicht die ambulante Versorgung treibt die Kosten in die Höhe, sondern immer teurere Medikamente und – wie schon erwähnt – unsere reformbedürftige Kliniklandschaft.

Frage: Trotzdem kommt sowohl von den Kassen als auch von der Bundesärztekammer volle Unterstützung für den Plan der Regierung, die Überweisungspflicht wieder einzuführen. Erst zum Hausarzt, dann zum Facharzt: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lehnt so eine Steuerung ab?

Antwort: Eine Steuerung ist für viele Patienten sinnvoll, aber nicht für alle. So verstehe ich auch den Ansatz der Koalition zu einer primärärztlichen Steuerung. Ein verpflichtendes Primärarztsystem, bei dem jeder sich in einer Hausarztpraxis bei freier Arztwahl einschreibt, würde ja erkennbar nicht funktionieren. Das weiß auch die Koalition. Hausärzte müssten je nach Standort bis zu 1.800 Patienten zusätzlich durchschleusen. Dabei fehlen uns schon heute 5.000 niedergelassene Allgemeinmediziner. Es würde also nur ein Flaschenhals in der Versorgung geschaffen. Die Folgen wären noch mehr überlastete Hausärzte und noch mehr frustrierte Patienten. Deshalb sind etliche zusätzliche Steuerungsangebote im Koalitionsvertrag angelegt.

Frage: ...sowie der Ausbau der telefonischen Vermittlung: Wer die 116 117 wählt, darf auch zum Facharzt, falls die medizinische Notwendigkeit festgestellt wird. Hört sich doch smart an, oder?

Antwort: Zu verhindern, dass nicht jedermann nach persönlicher Einschätzung einen Facharzt aufsucht und dort eine apparative Untersuchung auslöst, die womöglich gar nicht nötig ist und dann für andere fehlt, macht ja schon Sinn. Und ja, alternativ zur Vermittlung durch Haus-, Kinder- und Frauenärzte kann eine medizinische Ersteinschätzung mit Erstellung einer Überweisung über die 116 117 digital oder am Telefon weiterhelfen. Es gibt auch noch andere Dinge zu bedenken. Eine Überweisungspflicht für Vorsorgeuntersuchungen wäre ziemlicher Unfug. Und sollte man bei starken Ohrenschmerzen nicht gleich zum HNO-Arzt gehen dürfen? Zudem braucht es Ausnahmen für Impfungen, Unfälle und so weiter. Ich glaube aber, dass man hier im Austausch mit dem Gesetzgeber gute Lösungen finden kann, die für die Praxen leistbar und für die Patienten sinnvoll wären.

Frage: Wäre es denn einzurichten, dass Patienten direkt über die 116 117 an einen Facharzttermin kommen?

Antwort: Ja, das wäre in Verbindung mit den Terminservicestellen möglich. Es gibt ein Aber: Bei dieser medizinisch begründeten Vermittlung würde es logischerweise nicht immer auf den Wunscharzt der Patienten hinauslaufen. Termine würden da angeboten, wo der nächste freie Termin ist. Wer das nicht will, könnte über die 116 117 eine Überweisung bekommen, müsste sich seinen Facharzt dann aber selbst suchen - was ja auch in Ordnung wäre.

Frage: Und wer sich daran nicht hält und einfach ohne Überweisung in die Facharztpraxis marschiert?

Antwort: Das ist eine entscheidende Frage. Nach unserer Überzeugung braucht es in solchen Fällen eine Eigenbeteiligung des Patienten. Was realistischerweise nicht funktionieren wird: Dass die Leute am Praxistresen einfach wieder heimgeschickt werden. Wir haben ja schon jetzt ein großes Problem mit Aggressionen bis hin zu Gewalt gegen Ärzte und ihre Mitarbeiter. Den Menschen, die mit einem Gesundheitsproblem zu uns kommen, einfach die Tür zu weisen, weil die Politik das so entschieden hat? Sie können sich vorstellen, dass das täglich zu gruseligen Szenen in den Facharztpraxen führen würde. Das wäre weder dem Personal noch den Betroffenen und auch nicht den anderen Patienten zuzumuten. Also: Wer ohne Überweisung kommt, muss die Möglichkeit haben, trotzdem den Arzt zu sehen, aber dann eben dafür bezahlen.

Frage: Und was müsste das wohl kosten, um den gewünschten Steuerungseffekt zu erzielen?

Antwort: Das wird man gemeinsam überlegen müssen. Wichtig ist, dass es keine Bürokratie in den Praxen auslöst. Auch aus der Politik werden ja Selbstbeteiligungselemente in der Notfall- und Regelversorgung diskutiert.

Frage: Angenommen würde so ein System vermutlich nur, wenn unter der 116 117 sofort jemand abnimmt und wirklich weiterhilft. Die Nummer müsste zu einer richtig guten Plattform werden. Können Sie das überhaupt leisten?

Antwort: Ich glaube, ja. Aber nur, wenn uns der Bund dafür die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt, um ein hoch automatisiertes und von KI gestütztes Angebot aufzubauen, bei dem auch kein akuter Notfall durchrutscht. Das muss ein digitales System sein, natürlich mit ergänzender Telefonie. Das muss dann so verlässlich werden wie ein Anruf bei der Polizei. Es sind unserer Kenntnis nach Mittel dafür aus dem Infrastrukturfonds für Digitales vorgesehen. Wenn der finanzielle Support von der Politik kommt, dann werden wir liefern und so ein System so schnell wie irgend möglich auf die Beine stellen. Deswegen sollten wir rasch in Verhandlungen eintreten.

Frage: Gäbe es weitere Möglichkeiten für eine bessere Patientensteuerung?

Antwort: Wir sollten durchaus auf den Prüfstand stellen, ob jede Praxis weiterhin alles veranlassen kann, beispielsweise sehr aufwendige und teure humangenetische Untersuchungen. Meiner persönlichen Meinung nach nein, das sollte jemand machen, der genau weiß, was notwendig und sinnvoll ist, denn diese speziellen Untersuchungen sind sehr teuer. Ich plädiere an der Stelle für klare Kompetenzzuschreibungen. Spezialisierte weitergehende Untersuchungen, ob apparativ oder ärztlich, sollten von in diesem Fach spezialisierten Praxen ausgelöst werden.

Frage: Während der Koalitionsverhandlungen kursierte eine Zahl: Zwei Milliarden Euro seien durch die geplante Patientensteuerung jedes Jahr einzusparen. Ist das realistisch?

Antwort: Wir halten die Erwartung, durch die Umstellung zwei Milliarden Euro jährlich einzusparen, für unrealistisch. Wie gesagt: In der ambulanten Versorgung ist nicht wirklich viel zu holen. Kostentreiber im System sind andere. Und das Thema der versicherungsfremden Leistungen löst das auch nicht.

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