Sylt  Jürgen Gosch über Bauchgefühl, Aale und dicke Karren

Stephan von Kolson
|
Von Stephan von Kolson
| 17.05.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Frischen Fisch und Meeresfrüchte mag Jürgen Gosch in allen Variationen. Foto: Wolfgang Barth
Frischen Fisch und Meeresfrüchte mag Jürgen Gosch in allen Variationen. Foto: Wolfgang Barth
Artikel teilen:

Jürgen „Jünne“ Gosch, Gastronom auf Sylt, spricht im Interview über seine Anfänge als Aal-Verkäufer auf der Insel und das Geheimnis seines bundesweiten Erfolgs.

Über dem roten Hemd ein weißes, die rote Mütze auf dem Kopf und das rote Hummer-Maskottchen lugt aus der Brusttasche. Jürgen Gosch ist da zu finden, wo er nahezu täglich ist – in seinem Restaurant „Jünne“ in List. Gerade nimmt er ein neues Produkt ab: einen roten Topf mit Gosch-Schriftzug für den Shop. Der Chef hat hier das letzte Wort.

Frage: Lieber Jürgen Gosch, wir treffen uns hier in Ihrem Restaurant „Jünne“ in List auf Sylt. Wundern Sie sich manchmal selber, wenn Sie sich so umgucken, wie es zu all dem hier kommen konnte?

Antwort: Wenn das hier nicht wäre, wäre ich vielleicht Fußballspieler geworden. Als Junge war ich beim Sichtungslehrgang in Malente-Gremsmühlen, wo damals die Nationalmannschaft trainierte. Mit zwölf war ich das Talent des Jahres in Nordfriesland. Meist Linksaußen, manchmal Verteidiger. Ein Mittelstürmer war ich nie.

Frage: War das mit der Fischhändler-Karriere ansonsten gesetzt?

Antwort: Vom Ursprung her bin ich ein Tönninger Jung. Mein Opa und mein Onkel hatten ein Baugeschäft. Deswegen war erstmal klar: Der Jünne – der wird Maurer. Dabei war ich schon als Kind immer lieber bei den Fischern. Bei uns in Tönning gab es 49 Fischkutter. So viele wie kaum in Kiel.

Frage: Hand aufs Herz. Mochten Sie als Kind auch schon Fisch?

Antwort: Krabben – das war unser Essen – etwas für arme Leute. Kurz vor Beifang. Deswegen gehörte für mich auch das Krabbenpulen immer dazu. Mein Essen besteht bis heute zu 80 Prozent aus Fisch. Ich mag das alles sehr: Hering auf Brot, eingelegt oder sauer. Immer gerne Seezunge oder Steinbutt.

Frage: Und wie sind Sie dann auf Sylt gelandet?

Antwort: Für meinen Opa sollte ich auf Sylt auf einer Baustelle nach dem Rechten sehen. Bei jeder Gelegenheit war ich dann bei den Fischern. Einmal habe ich mitbekommen, dass Gäste die Krabbenfischer fragten, ob sie auch Aale hätten. Nö, sagten die nur. Da habe ich mir Aal besorgt – und an die Gäste verkauft. Als die nach Fischbrötchen fragten, habe ich welche gekauft – und belegt. Schon hatte ich Fischbrötchen im Angebot.

Frage: Klingt einfach.

Antwort: Na, das hieß auch: Genehmigungen für die kleine Bude besorgen. Ich konnte die Brötchen ja nicht immer auf der Straße schmieren. Das hat geklappt. Nur eine Alkohol-Lizenz habe ich erst einmal nicht bekommen. Deshalb habe ich die erste Gosch-Fischsuppe erfunden: Korn, Brause und drei Krabben. Als die Gemeinde dagegen vorgehen wollte, habe ich nur gesagt, man könne einem Koch ja nicht sein Rezept vorschreiben.

Frage: Gibt es ein Unternehmer-Gen?

Antwort: Wenn Du Unternehmer bist, dann willst Du auch Erfolg haben. Das ist wie bei einem Fußballtrainer. Der will auch immer den ersten Platz für seine Mannschaft. Klar. Den ersten Platz habe ich vielleicht nicht mit meinem Unternehmen. Aber ich fühle mich wohl. Als Gosch möchte ich gar nicht nach ganz oben. Und unten? Das können wir nicht. Das gilt für den ganzen Gosch-Clan.

Frage: Kürzlich hat es Friedrich Merz im ersten Wahlgang nicht geschafft, Bundeskanzler zu werden. Juckt Sie das?

Antwort: Das juckt mich enorm. Ich war auch überrascht. Es schien ja alles perfekt vorbereitet. Aber da zeigt sich mal wieder: Du musst die Mannschaft wirklich hinter dir haben. Das schafft man, indem man wirklich für seine Leute kämpft. Wir haben 400 Mitarbeiter auf Sylt, 1500 hat ganz Gosch. Ganz wichtig: Du musst gute Wohnungen für die Leute haben. Sonst sind sie bald wieder weg. Die Leute müssen gut gelaunt sein. Dann kommen sie auch wieder.

Frage: Gibt es eigentlich so etwas wie Lieblingsgäste?

Antwort: Nein. Das, was für Mitarbeiter gilt, gilt auch für Gäste. Du musst immer für sie kämpfen. Ich hatte immer eine Menge Respekt für meine Gäste. Die müssten ja nicht bei mir sein. Die entscheiden sich aber dafür. Und ich bin immer froh, über jeden, der da ist. Ich könnte mich auch gar nicht über einen Gast erregen. Mir geht das nicht in die Rübe, wenn ein Gastronom einen Gast ablehnt.

Frage: Was raten Sie jungen Start-Ups heute?

Antwort: Wer sich selbstständig macht, der muss auf sein Bauchgefühl hören. Und: Das Ganze muss Freude machen. Wer nach vier Wochen als Unternehmer mit einem dicken Auto herumfährt – das kann nicht funktionieren. Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Auto gewaschen. Ich interessiere mich auch nicht für schicke Autos. Und: Es gibt keinen Urlaub. Der Laden steht immer an erster Stelle.

Frage: Welche Veränderungen merken Sie bei sich beim Älterwerden?

Antwort: Ich erinnere mich an alles. Freunde haben zu einem Geburtstag mal meine damals 92-jährige Schullehrerin Frau Bruns eingeladen. Die sollte erzählen, wie ich so in der Schule gewesen sei. Keine Ahnung, meinte die. ‚Der Jünne war ja nie da. Der braucht keine Schule.` Was immer schon da war, das war ein gewisser Geschäftssinn. Handeln mit Murmeln und so. Ich war schon immer ein Zahlenmensch.

Frage: Und sehen Sie das Meer noch, wenn es ohnehin immerzu vor der Nase ist?

Antwort: Ich kann das Meer nicht immer sehen. Aber ich kann es immer spüren.

Frage: Können Sie schwimmen?

Antwort: Ich konnte es gut. Immerhin habe ich Schwimmen in der Eider gelernt. Zu der Zeit, bevor das Sperrwerk gebaut wurde - als es also noch knifflig war mit der Strömung. Heute? Ich bin da von mir selbst enttäuscht. Ich schwimme wie ein hängender Seehund und paddele nur.

Frage: Sie sind gerade 84 Jahre alt geworden. Was kommt im neuen Lebensjahr?

Antwort: Wie immer: neue Aufgaben. Ich habe mir selbst den Stress aufgeladen – und jetzt mache ich das schon seit 56 Jahren. Also neue Projekte – ein besonderes bei Schleswig.

Frage: Kennen Sie alle Produkte, die unter Ihrem Namen angeboten werden?

Antwort: Wo Gosch draufsteht, da ist auch Gosch drin. Ich kenne alles.

Ähnliche Artikel