Lingen  Das ändert sich für Patienten beim Bereitschaftsdienst in Niedersachsen

Wilfried Roggendorf, Jonas E. Koch
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Von Wilfried Roggendorf, Jonas E. Koch
| 15.05.2025 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der ärztliche Bereitschaftsdienst fährt bald nicht mehr für jeden Patienten raus. Foto: dpa
Der ärztliche Bereitschaftsdienst fährt bald nicht mehr für jeden Patienten raus. Foto: dpa
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Stundenlanges Warten auf einen Hausbesuch, durch den ärztlichen Bereitschaftsdienst gestresste Mediziner: Dies soll nach den Plänen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen bald ein Ende haben. Sie will den Bereitschaftsdienst zum Wohl von Patienten und Ärzten reformieren.

Wer am Wochenende oder abends medizinische Hilfe benötigt, hat bislang zwei Möglichkeiten: Er sucht eine der meist Krankenhäusern angegliederten Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) auf. Oder er wählt die bundeseinheitliche Rufnummer 116 117 und bittet um einen kurzfristigen Hausbesuch, den sogenannten Fahrdienst.

Während das System der Bereitschaftspraxen unverändert bleibt, will die KVN den Fahrdienst grundlegend reformieren. Bald läuft es: Unter der Rufnummer 116 117 befragt ein medizinisch geschulter Disponent den Patienten und nimmt eine Ersteinschätzung vor.

Hält der Disponent eine ärztliche Betreuung für erforderlich und der Patient sieht sich nicht in der Lage, eine Bereitschaftspraxis aufzusuchen, musste er bislang oft lange auf den Hausbesuch eines Arztes warten. „Spätestens nach 30 Minuten wird zukünftig telefonisch oder per Videokonferenz Kontakt mit einem Arzt hergestellt“, kündigt Detlef Haffke, Sprecher der KVN, an. Hierfür sollten Patienten ihre Versichertenkarte bereithalten.

„Wir haben evaluiert, dass ein Kontakt per Telefon oder Video oft ausreicht“, sagt KVN-Sprecher Haffke. Der Arzt könne dann beispielsweise ein Rezept oder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Die Johanniter-Unfall-Hilfe darf nur Ärzte einsetzen, die die gleiche Qualifikation wie Ärzte im bisherigen vertragsärztlichen Bereitschaftsdienst aufweisen.

Die Reform sei ein notwendiger Schritt, um den Herausforderungen des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen gerecht zu werden, heißt es aus dem niedersächsischen Sozialministerium, das die „innovativen Ansätze der KVN“ begrüßt. Auch die Rückmeldungen der Ärzte seien „fast durchweg positiv.“ Es sei davon auszugehen, dass viele Anliegen von Patienten bereits telefonisch oder digital „abschließend versorgt werden können“, wodurch der Bereitschaftsdienst insgesamt entlastet werde.

Kommt der Arzt zu dem Ergebnis, dass eine Behandlung per Telefon oder Video nicht ausreicht, veranlasst er einen Hausbesuch. „Dieser erfolgt durch medizinisch qualifiziertes Personal der Johanniter“, erläutert Haffke. Dazu habe die KVN einen Vertrag mit der Johanniter-Unfall-Hilfe in Niedersachsen geschlossen. Stellen die Johanniter vor Ort fest, dass ein Arzt benötigt wird, können sie diesen entweder per Telefon oder Video hinzuziehen beziehungsweise einen Hausbesuch veranlassen.

Doch warum diese Reform? Haffke nennt zwei Gründe. Die Versorgung der Patienten erfolge besser und schneller als bislang. Und die Ärzte würden zeitlich entlastet. „Es gibt gerade bei jungen Ärztinnen und Ärzten immer mehr Widerstand gegen die verpflichtenden Bereitschaftsdienste“, sagt Haffke. Der KVN-Sprecher bezeichnet diese Dienste als „Niederlassungshemmnis“ für Mediziner.

„Wir betreten mit diesem bislang bundesweit einmaligem Modell Neuland“, gibt Haffke zu. Die Probephase läuft seit dem 8. Mai in den Großräumen Braunschweig und Oldenburg. Die anderen niedersächsischen Regionen sollen dann bis spätestens 1. Juli folgen.

Haffke bittet darum, auf testweise Anrufe bei der 116 117 zu verzichten. Solche Anrufe, nur um festzustellen, ob das System funktioniert, würden die Nummer für Ernstfälle blockieren.

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